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Auf der Jagd mitten in Lünen

Idylle für Wild und Waidmann

Lünen Unberührte Natur mitten in Lünen? Doch, das gibt es. Und damit das so bleibt, sieht Ernst Overtheil regelmäßig nach dem Rechten. Weil er Jäger ist, muss er sich dafür manchmal als „Mörder“ beschimpfen lassen.

Idylle für Wild und Waidmann

Ein Reh genießt die Abendsonne in Lünen. Foto: Foto: Overtheil

Es hat schon etwas Militärisches an sich, wenn sich Ernst Overtheil und seine Kollegen treffen. Die meisten tragen Tarnkleidung oder zumindest olivgrüne Shirts, Jacken oder Hosen. Eine blaue Jeans sei ohnehin nicht von Vorteil: „Die Kleidung sollte schon an den Wald angepasst sein.“ Nach kurzer Begrüßung ertönt das Signal der Hornbläser - die Jagd ist eröffnet.

Und Ernst Overtheil ist in seinem Element. Sein Revier ist verhältnismäßig klein - 100 Hektar - und unverhältnismäßig laut: Es liegt mitten in Lünen und zieht sich vom Naturschutzgebiet „In der Laak“ unweit der Bahnlinie über die Lippe südlich der Victoria-Brache - bis zur Trianel-Ausgleichsfläche in Beckinghausen. Wer dort die ausgebauten Straßen verlässt, landet in fast schon idyllischen Wald- und Flusslandschaften. Allerdings sollte er das in Begleitung des zuständigen Jägers tun - in diesem Fall Ernst Ovetheil.

Wild soll sich wohlfühlen

Wer nun einen flintenschwingenden Draufgänger erwartet hat, der permanent mit der Hand am Abzug herumläuft und nur darauf brennt, endlich ein Lebewesen ins Fadenkreuz zu bekommen, sieht sich getäuscht: Ja, Ernst Overtheil ist Jäger und ja, er erschießt auch mal ein Reh. Aber der 61-Jährige ist eben auch ein Naturschützer, dessen Gewehr den Abend über angelehnt und ungeladen im Hochsitz steht. Er verfolgt beide Hobbys mit Leidenschaft.

Wobei: Das eine geht seiner Meinung nach ohnehin nicht ohne das andere. Denn um Wild zur Strecke zu bringen, muss man erstmal dafür sorgen, dass es sich in seinem Revier auch wohlfühlt. Und so pflanzt Overtheil in seinem Revier Bäume, stellt sogenannte Salzlecken auf und verscheucht, wenn nötig, auch mal ungebetene Gäste - wenn er sie denn erwischt. „Manche Leute entsorgen hier ihr komplettes altes Badezimmer“, berichtet er von vielen wilden Müllkippen in seinem Revier.

Zwei Rehe pro Jahr ertrinken

Und dann wären da noch die Hundehalter. „Viele meinen, weil das hier ein Naturschutzgebiet ist, können sie ihre Hunde hier frei herumlaufen lassen.“ Doch die Vierbeiner schrecken das Wild auf - im schlimmsten Fall flüchten Rehe panisch in den angrenzenden Kanal, wo sie dann ertrinken. „Das passiert durchschnittlich zweimal im Jahr“, ärgert sich der Jäger.

Auf der Jagd in Lünen

Ein Reh in der Abendsonne - aufgenommen im Naturschutzgebiet "In der Laak" in Lünen
Ernst Overtheil ist einer der Jäger, die sich um die Naturschutzgebiete in und um Lünen kümmern.
Traditionell geben die Jagdhornbläser das Eröffnugngssignal.
Bevor es in die jeweiligen Reviere geht, besprechen sich Jäger und Gäste.
Auch Bernd Schlosserkümmert sich um Revier in der Lüner Umgebung.
müdde vor der Jagd.. Eindrücke von der Jagd
Geduld ist gefragt: Eine Stunde dauert es, bis die witterung der Jäger verfolgen ist und das Wild sich überhaupt aus seiner Deckung traut. Das allein ist aber noch keine Garantie, das man auch wirklich etwas zu sehen bekommt.
Was häufiger passiert: Unerwartete und manchmal auch ungebetene Gäste tauchen im Revier auf. In Naturschutzgebieten sind derartige Spaziergänge abseits der Wege eigentlich verboten.
Das Gewehr kommt nicht immer zum Einsatz - die Jäger kennen den Bestand in ihren Revieren und wissen, welche Tiere sie schießen dürfen und wann es keinen Sinn macht.

Eigentlich hat Overtheil kein Problem mit Hundehaltern. Schließlich hat er selbst lange Jahre eine Golden-Retriever-Zucht betrieben. Hündin Gwen, drei Jahre jung, stammt aus dem letzten Wurf. „Ein wirklich cleverer Hund. Ihr muss man eine Sache nur einmal zeigen, dann weiß sie Bescheid“, sagt der Waidmann über seine Gefährtin, die auch mehrere Stunden auf dem Hochsitz ausharrt, ohne einen Mucks von sich zu geben.

„Müsste jeden Tag was schießen“

Aber Hundehalter sind es auch, die Ernst Overtheil als „Mörder“ beschimpfen, wenn er entlang der Lippe „auf Enten“ geht. „Da kommen vom anderen Ufer, wo viele mit ihren Hunden spazieren gehen, schon einige unschöne Kommentare.“ Abbringen lässt er sich von seinem Hobby dadurch jedoch nicht. „Irgendwo muss das Fleisch ja her kommen. Und wenn ich Lust auf Wild habe, dann weiß ich auch, wo es herkommt.“ Wobei der Hunger nicht die treibende Kraft sei: „Dann müsste ich ja jeden Tag was schießen“, sagt er und lacht.

Momentan dürfte er Schmalrehe - also maximal ein Jahr alte Weibchen - und Böcke schießen. Die „Ricken“ - also trächtige Rehe - sind natürlich geschützt. „Im Mai kommen die Kitze zur Welt“, weiß Overtheil. Er kennt das Verhalten „seiner“ Tiere, weiß, welche Vögel in welchen Bäumen sitzen und genießt es, manchmal nur in seinem Hochsitz zu entspannen. „Die Sonne geht unter, die Luft ist angenehm, man kann mitten in der Stadt die Natur erleben - was will man mehr?“ An diesem Abend zeigen sich unter anderem ein Schmalreh und ein knapp zwei Jahre alter Bock. Doch Ernst Overtheil greift nicht zum Gewehr. „Das Reh soll erstmal Junge bekommen, und der Bock macht auch in drei Jahren noch eine gute Figur.“

Beitrag zur Artenvielfalt

Die Natur wertschätzen, gleichzeitig Lebewesen töten - das schließt sich für Jäger wie Ernst Overtheil nicht aus. „Wir schießen das schwache Wild, während das starke überlebt und sich weiter entwickelt“, lautet einer der waidmännischen Erklärungen. Hinzu kämen Tiere wie der Fuchs, der sich dank der Nähe zur Mülldeponie in Overtheils Revier sehr wohl fühlt und keine natürlichen Feinde hat. „Er ist beispielsweise eine Bedrohung für die Rehkitze.“

Deshalb sieht Ernst Overtheil seine Arbeit als Beitrag zum Naturschutz und zur Artenvielfalt. Auch mitten in der Stadt - wo er manchmal einfach nur mehrere Stunden der Natur zuschaut.

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