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Fußball

Wenn der Druck im Amateursport zur Qual wird

Lünen Druck und Stress sind auch im Amateursport normal. Das ist für die heimischen Sportler nichts Neues. Damit der Druck nicht zur Dauer-Belastung wird, bedarf es Lösungen. Die Sportler verfolgen verschiedene Ansätze.

Wenn der Druck im Amateursport zur Qual wird

Per Mertesacker hat klare Worte gefunden. Der Druck im Profifußball sei enorm hoch. Foto: picture alliance / Marius Becker

Per Mertesacker hat gesprochen. Klare Worte. Über sein Leben als Profifußballer, über Gefühle und Druck. Im Interview mit dem „Spiegel“ offenbarte der Ex-Nationalspieler sein Innenleben. Schonungslos ehrlich. Dafür erntete er Kritik aber auch Verständnis. Lothar Matthäus beispielsweise empörte sich, riet Mertesacker, vom Profifußball Abstand zu nehmen. Die Sportredaktion wollte wissen, inwieweit auch Amateursportler Erfahrungen mit Druck gemacht haben. Dazu haben Timo Janisch und Patrick Schröer mit Amateurfußballern, einem Handballtrainer und einem Sportpsychologen gesprochen.

Lange Jahre war er ein fester Baustein in der Innenverteidigung der Deutschen Fußballnationalmannschaft: Per Mertesacker. Legendär sein TV-Interview mit ZDF-Reporter Boris Büchler nach dem WM-Achtelfinalsieg über Algerien im Jahre 2014, als Mertesacker völlig entkräftet und genervt der Geduldsfaden riss. „Wat woll’n Se jetzt von mir?“ giftete Mertesacker auf die kritischen Fragen Büchlers zurück. Danach folgte Mertesackers Kultsatz mit der Eistonne, in die sich der Innenverteidiger die nächsten drei Tage reinlegen wolle. Das geschah am 30. Juni 2014. Zwei Wochen später war Mertesacker nach dem 1:0-Erfolg über Argentinien Weltmeister, der größte Erfolg seiner Fußballerkarriere, die er am Ende der Saison beim FC Arsenal London beenden wird.

Nicht nur Glanz und Glamour

Eine Karriere, die scheinbar nicht nur von Glanz und Glamour geprägt war. Das offenbarte der 33-jährige Mertesacker am Wochenende in einem schonungslos offenen Interview mit dem „Spiegel“. Mertesacker erinnert sich noch gut an die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land zurück. Es war das erste große Turnier des damals 21-Jährigen, Fluch und Segen zugleich. „Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert. Ich weiß noch, als wäre es heute. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei“, wird Mertesacker im „Spiegel“ zitiert.

Später in seiner Karriere berichtete er von Magenproblemen, von Durchfällen vor jedem Spiel. „Man lernt im Fußballgeschäft schnell, dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber“, so der Innenverteidiger gegenüber dem „Spiegel“. Für diese Worte erntete Mertesacker Lob, aber auch Kritik. Lothar Matthäus beispielsweise fand in einer TV-Runde bei Sky deutliche Worte: „Im eigenen Land eine Weltmeisterschaft zu spielen, bei der du von so einer Euphorie getragen wirst, das darf ja gar keine Belastung sein“, sagte Matthäus in der Runde.

„Ist nicht zu vergleichen“

Lars Müller, Trainer beim Fußball-Landesligisten Werner SC, der in der Vergangenheit unter anderem bei Borussia Dortmund und beim 1. FC Nürnberg Profiluft schnupperte, hat Verständnis für die Worte Mertesackers. „Er hat nicht ganz unrecht. Ich habe Verständnis, Außenstehende können das nicht richtig bewerten. Den Fokus auf einen normalen Job hast du nicht“, sagt Müller. Der 41-Jährige kennte beide Seiten, den Profi- und den Amateursport. Vergleichen könne man die Situationen miteinander nicht. „Letztlich ist das nicht zu vergleichen. Insgesamt hängt weniger dran. Im Vordergrund beim Amateurfußball stehen der Mannschaftsgedanke und der Spaß“, sagt Müller, der aber weiß, dass sich Spieler selbst Druck machen können. Dem wolle Müller mit Spaß und Lockerheit entgegenwirken. „Beim WSC haben wir das bisher ganz gut hinbekommen“, sagt Müller.

Druck ist für Rolf Nehling, Sportlicher Leiter des Fußball-Bezirksligisten Westfalia Wethmar und neuerdings auch Coach der ersten Mannschaft, seit Jahren schon kein Fremdwort mehr. Und Druck ist in Wethmar aktueller denn je. Die Westfalia steckt aktuell nämlich im Abstiegskampf, hat am vergangenen Sonntag im ersten Spiel unter Nehling aber immerhin einen Sieg (2:0 beim FC Roj) gefeiert. „Ich bin seit 37 Jahren Trainer. Druck abbauen ist meine Aufgabe. Es gibt Spieler, die sich selbst verrückt machen. Die muss man an ihre eigenen Stärken erinnern“, sagt Nehling, der Druck vor allem bei jüngeren Spielern bemerkt hat. Folgen von Druck seien dann Nervosität und Unsicherheit. Mit Lockerheit und Gelassenheit wolle Nehling nun die nächsten Meisterschaftswochen angehen.

Aber wie genau entsteht Druck? Das hat Thorsten Loch, studierter Sportpsychologe aus Köln verraten. „Das kommt auf das Individuum an und auf die Situation. Wenn ich vor einer herausfordernden Situation stehe, ist entscheidend, ob ich die Kompetenz dazu habe, sie zu meistern. Wenn ja, ist es eine Herausforderung. Wenn nicht, entstehen Angst und Druck“, sagt der Sportpsychologe. Druckentstehung habe also auch viel mit der Einstellung des Sportlers zutun, mit Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Über Trainingsformen könne man versuchen, so der Psychologe, das nötige Selbstvertrauen immer weiter zu stärken. „Es muss vermittelt werden, dass das Bestehen einer Situation nicht durch Zufall, sondern durch Können bedingt ist. Wenn ich über das Thema Angst komme, werde ich scheitern“, so Loch weiter.

Brzenska hat keine Angst

Angst hatte Markus Brzenska, ehemaliger Profi bei Borussia Dortmund und aktuell Co-Trainer beim A-Ligisten GS Cappenberg, während seiner Profikarriere nicht. Den Druck, den Mertesacker beschreibt, kennt der 33-jährige Brzenska aber bestens. „In jungen Jahren kann man nicht unbedingt mit Fehlern umgehen. Ich habe damals den Fehler gemacht, jede Zeitung und jede Bewertung meiner Leistung zu lesen“, so der Lüner, der auch von ehemaligen Mitspielern berichtet, die „vor jedem Spiel auf die Toilette mussten“. Er selbst habe diese Probleme aber nicht gehabt. Mit der aktuellen Situation in Cappenberg habe der Druck im Profibereich jedoch nur wenig gemein. „Den Druck dort macht man sich selber, da man gewinnen will. Im Profibereich hängt viel dahinter. Die Platzierung, Geld und Arbeitsplätze“, so Brzenska.

Norbert Sander, Teammanager beim Fußball-A-Ligisten SuS Olfen, blickt auf eine lange Karriere mit vielen Höhen und Tiefen zurück. 2015 gelang dem 59-Jährigen, damals noch als Trainer, der Aufstieg in die Bezirksliga. In den Entscheidungsspielen waren die Spieler, die damals vor über 1300 Zuschauern gegen den SC Südlohn aufliefen, großem Druck ausgesetzt. Sander hat zum Druckabbau ein einfaches Mittel parat, probiert immer wieder, über persönliche Gespräche den wichtigen Draht zu den Spielern zu finden. „Man muss viele Freiheiten gewähren und den Spielern wichtige Fehler zugestehen“, sagt er und warnt vor Folgen des Drucks: „Die Spieler verkrampfen, es passieren einfache und untypische Fehler. Erfahrene Spieler kommen eher damit klar als junge Spieler, die mit einer neuen Situation konfrontiert werden.“ Auch zu Per Mertesacker äußert sich Norbert Sander. Schon beim Eistonnen-Interview habe man gesehen, dass Mertesacker mit so einem spontanen Kontakt mit den Medien „völlig überfordert“ war. „Die Trainer müssen heute mit den Medien sprechen, das steht im Vertrag. Trainer in erster und zweiter Liga müssen dem Druck standhalten, deswegen haben sie oft auch nur eine kurze Lebensdauer“, erklärt der Steverstädter.

Lange Lebensdauer

Eine nicht ganz so kurze Lebensdauer hatte Kurtulus Öztürk als Trainer beim Werner SC. Vier Jahre lang coachte der 37-Jährige den WSC, im vergangenen Jahr gelang Öztürk mit seinem Team sogar der Aufstieg in die Landesliga. Nach dem großen Erfolg der Werner gab „Kutte“, so der Spitzname Öztürks, seinen Abschied bekannt. Mittlerweile agiert Öztürk als Co-Trainer beim Drittligisten Preußen Münster. Als Spieler sammelte „Kutte“ zudem Erfahrungen in Regionalliga und Oberliga. Er kennt sich also aus im Semiprofi-Geschäft, aber auch im Amateurfußball.
Öztürk respektiert die Offenheit Mertesackers, findet aber auch kritische Worte zum Ex-Nationalspieler. „Wenn er persönlich nicht standhält, war er im Nachhinein fehl am Platz. Als Spieler kann man dann ja gar nicht 100 Prozent geben“, so Öztürk. Den Druck im Profisport hält der Werner für normal. So extrem wie Mertesacker sei ihm bisher aber noch kein Spieler aufgefallen. „Im Amateursport sind wir damit immer realistisch umgegangen und haben Kritik angenommen. Wenn du 100 Prozent gegeben hast, kann dir keiner was“, sagt Öztürk. Er meint damit auch den Druck, der außerhalb des Spielfeldes von beispielsweise Zuschauern entsteht. Maßnahmen zum Abbau des Drucks sieht der Trainer darin, dass man sich als Spieler von Nebengeräuschen nicht irritieren lässt. „Man muss versuchen, den Fokus auf sich zu schieben. Was von Außen Negatives passiert, muss man ausblenden. Man kann die Routine verändern, um mit einer anderen Konzentration zu arbeiten.“ Über Kommunikation versucht „Kutte“ immer wieder den Druck von seinen Spielern zu nehmen. Ein gutes Verhältnis und Vertrauen zum Trainer bilden, laut Öztürk, die Basis.

Mit Drucksituationen müssen nicht nur Amateurfußballer umgehen können. Auch Trainer und Spieler des Handball-Landesligisten VfL Brambauer kennen das Gefühl, wenn es mal nicht so gut läuft und die Kritik an der eigenen Leistung wächst. Das war zum Beispiel zum Anfang der Saison so. Der VfL ist im vergangenen Jahr in die Landesliga aufgestiegen. Der Saisonstart in der höheren Spielklasse ging jedoch gründlich schief. Mittlerweile hat sich der VfL erholt und zuletzt eine Siegesserie hingelegt. An den Saisonstart erinnert sich Nadim Karsifi, Coach des VfL, noch gut. „Als Aufsteiger hatten wir zu Saisonbeginn keinen Druck. Da wir aber zu viele Spiele verloren haben, hatten wir eine schlechtere Ausgangslage. Das war eine Umstellung“, sagt Karsifi und ergänzt: „Ich muss gestehen, die Negativserie war für mich eine neue Erfahrung. Ich habe die Fehler zuerst bei mir selbst gesucht. Dadurch haben die Jungs gemerkt, dass sie keinen Druck haben“, so Karsifi.

Appell an die Trainer

Psychologe Thorsten Loch appelliert an die Trainer, stets positiv zu coachen, damit sich die Spieler auf ihre Stärken besinnen können und Druck so gar nicht entstehen kann. Abstand nimmt Loch von einer erhöhten Erwartungshaltung von außen. „Man muss die Erwartungshaltung reduzieren. Die Fremderwartung beispielsweise durch Sponsoren nimmt man sich sonst selbst an. Ist die Zielsetzung unrealistisch, kann man sie gar nicht meistern“, sagt Loch.

Ob Druck bei einem Sportler entstehe, sei auch eine Typfrage. „Es geht um die subjektive Wahrnehmung. Das klassische Optimisten- und Pessimistendenken gibt es im Amateur- wie im Profisport. Habe ich die Erfahrung, dass ich etwas öfter meistere, fühle ich mich kompetenter“, so Loch.

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