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Wie wird man Fan?

Nicht nur ein Sieg zählt

OLFEN Eigentlich hatte er sich nur als BVB-Spieler verkleidet. Für den Olfener Karneval, 1995. Damals war Kai drei Jahre jung. Heute ist er BVB-Fan. Ich bin eigentlich nur zum Public Viewing gefahren, für die EM-Serie "Wie wird man Fußball-Fan?". Dort lernte ich Kai kennen, und das erste Mal habe ich für Fußball etwas empfunden.

Nicht nur ein Sieg zählt

Kai Klein (21) ist BVB-Fan, Elke Tenhündfeld (18) liebt Schalke. Beide schauten das Public Viewing auf dem Marktplatz in Olfen, widmeten aber viel Zeit unserem Reporter Nico Drimecker, dem sie die unter anderem erklärten, warum man sich über Tore beim Handball nicht so freuen kann.

Doch das hat nichts mit dem BVB und nichts mit dem 2:1-Sieg von Deutschland gegen Holland zu tun oder den etwa 500 Leuten auf dem Platz. Bereits aus der Entfernung hämmert vom Marktplatz Schlagermusik die Funnenkampstraße herunter. Eine Viertelstunde vor Anpfiff sind die Leute zwischen Buden, Maibaum und Leinwand, essen, trinken, warten entspannt und fröhlich darauf, dass es los geht.  

Public Viewing 2012: Deutschland - Niederlande

Der Platz füllte sich.
Zum Glück spielte das Wetter mit.
Nicht alle waren verkleidet...
... aber alle waren in bester EM-Stimmung.
Warten auf den Anpfiff.
Alles, was schwarzrotgold war, diente als Schmuck fürs EM-Fieber.
Ein Bier darf nicht fehlen.
Die Einen genossen das Spiel im Sitzen...
... die Anderen waren jederzeit für den Freudentanz bereit.
Hier ist noch kein Tor gefallen.
Cowboy-Hut und deutsche Fahnen auf den Wangen tragen diese Damen hoffentlich beim nächsten Spiel wieder.
Kein Wunder, dass Deutschland gewann: Wir hatten Hörner und...
... Fähnchen und Bälle auf dem Kopf...
... und die Partnerin (links) und eine Freundin (rechts) dabei.
So musste es ja zum...
... 2:1-Sieg kommen.
So sah es 2012 aus: Jubel beim Public Viewing in Olfen.

Marianne nicht. Sie ist nur hier für ihren Mann. Was Fußball betrifft, scheint sie meine Seelenverwandte zu sein. Die Profis verdienen zu viel Geld, ein Maurer arbeitet mehr als zweimal 45 Minuten mit keiner Wadenmassage zwischendurch, die deutschen Damen spielen besseren Fußball als die Männer – 1989 bekamen sie für den ersten EM-Titel vom DFB ein Kaffee- und Teeservice. Marianne findet (Männer-)Fußball „nicht langweilig, sondern fürchterlich“. So gern ich mit Marianne weiter über die Nicht-Leidenschaft sprechen würde, will ich wissen, wie man Fan wird und nicht, wie man leidenschaftslos bleibt. Sie sagt: „Red’ mal mit meinem Sohn.“

 Kai ist mir sympathisch. Obwohl er wegen des Deutschlandspiels hier ist, widmet er sich meinem Fußball-Unwissen. Der 21-jährige BVB-Anhänger ist mit einer Freundin da, Elke, 18 Jahre jung, Fußballerin, Schalke-Fan.Während auf der Leinwand Gomez das erste Tor schießt, erklären mir die beiden, warum Deutschland in der Aufstellung 4-2-3-1 spielt. „Das ist das modernste Spielsystem“, sagt Kai. Es bediene offensive und defensive Spielzüge. Das verstehe ich.   Veraltet dagegen, „und was niemand mehr macht“, wie Elke meint: einen Libero aufzustellen. „Der Libero hat die Pille nur weggepöhlt“, sagt Kai. Auch das verstehe ich: Wahrscheinlich gab es irgendwann keinen Profi-Fußballer mehr, der, obwohl er Millionen bekam, das Leder bloß ins Nirvana ballert.

 Aber Taktik, Ballwechsel und Tore gibt es auch beim Handball. Warum der Sport weniger begeistert, ist für Kai auch klar: „Beim Handball fällt jede Minute ein Tor – da freut man sich nur über den Sieg.“ Ich verstehe: Beim Fußball geht es nicht nur ums Ergebnis – wie beim Kochen. Obwohl es Mutter Marianne genügt, das Ergebnis zu kennen. Sie trinkt im Stuhl weit zurückgelehnt einen Latte Macchiato, während Gomez in der 39. Minute das zweite Mal den Ball versenkt.   Kai und Elke freuen sich auch, sind aber nicht euphorisch. Die EM, zumindest zu diesem Zeitpunkt, scheint noch zu unwichtig zu sein. Anders beim BVB, bei Schalke: Im Stadion auf der Südtribüne oder in der Nordkurve reißt die Euphorie der Zuschauer jeden mit, sagen Kai und Elke. Dort trägt Kai natürlich schwarzgelbe Klamotten, so wie damals auf dem Karneval. Nie haben Kai und Elke eine Dortmund-Schalke-Begegnung zu Hause verbracht. „Das guckt man nicht alleine“, sagt Kai. „Das geht nicht“, protestiert Elke.

Was ich nicht verstehe: Fußball sei ein Modesport. Was ich auch nicht verstehe: Die Aussage kommt von Kai. „Ich würde nicht mit 08/15-Tretern auf den Platz gehen.“ Die Profis machen das schließlich auch nicht, und er zeigt zur Leinwand, auf der das Spiel abgepfiffen wird. Marianne ist heute kein Fan geworden. Auch ich nicht. Aber wenn ich in zwölf Jahren im Stadion juble, auf der Südtribüne, in der Nordkurve, am Millerntor: Der Abend in Olfen würde ein Grundstein dafür sein. 

Die Serie zur EM



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