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Tabubruch im Minutentakt

SCHWERTE „Ein Mann sagt mehr als tausend Worte“ hieß das Programm, mit dem die 45. Kleinkunstwochen zu Ende gingen. Mit Heinz Rudolf Kunze. Er war dabei so geschmacklos, dass sich Raunen und Gelächter in der Rohrmeisterei die Hand reichten.

Tabubruch im Minutentakt

Sang diesmal erst zum Schluss: Heinz Rudolf Kunze.

Jeder kennt den Ohrwurm „Dein ist mein ganzes Herz“, mit dem der heute 50-Jährige vor zwei Jahrzehnten die Hitparaden stürmte. 25 Alben produzierte er, schrieb die Libretti zu Musicals wie „Les Misérables“ und „Miss Saigon“.

Am Samstagabend bewies der Rockmusiker, dass er auch lesend drei Stunden lang bestens unterhalten kann. Etwa als er den Auffahrunfall, bei dem zwei Rentner sterben, demographisch wünschenswert nannte. Den Gürtel als Demarkationslinie beißender Satire unterwandernd, ließ Kunze nichts und niemanden aus.

Jeder ist ein Ziel von Kunzes Zynismus

Klimakatastrophe, Eva Herman, der braune Sumpf im Osten, Kinderlose, die gestörte Identität der Deutschen: Jeder und alles musste durch die Zentrifuge des Kunz'schen Zynismus.

Bestechend sind die Bilder, die der Literat findet: Der „Polarfrosch mit den Frostschenkeln“, der sich nicht entscheiden kann, ob er die Erderwärmung nun herbeisehnen oder aus Solidarität mit dem Eisbären beweinen soll, „ein arktischer Deutscher“. Oder der schwitzende Wal, der fettleibig an die Wasseroberfläche treibt.

Mit tiefschwarzem Humor scherzt Kunze, dessen Vater bei der Waffen-SS diente, über die Nazis. Witze über Pädophile, Aufruf zum Selbstmord („Du bist hässlich, du bist dumm, wenn du's nicht tust, bring ich dich um“): Tabubruch im Minutentakt! Das kann ins Auge gehen.

Trotz Tabubrüchen kam der Komiker sehr gut an

Ging es aber nicht. Antiamerikanismus, allgemeine Politikerschelte, üble Anekdoten aus dem Eheleben: Kein Wortspiel zu platt, kein Thema zu abgedroschen, um nicht große Teile des Publikums zu erreichen. Das ist bekannter Comedy-Pop, der auch an diesem Abend beklatscht wird.

Der gedrungene Mann mit der markanten Brille aber verkörpert den scharfzüngigen Luzifer wie kein Anderer und feuert dabei mit einem Timing, das nur Vollblut-Musiker besitzen. So einer ist auch Wolfgang Stute, der mit seinen „Flamenco-Fingernägeln“ ein virtuoses Gitarrenspiel zelebrierte und auch trommelnd das Publikum mitriss.

Nach weit mehr als tausend Worten sang Kunze aber doch noch und legte mit Stute eine minutenlange, begeisternde Gitarren-Session hin, die das Publikum vom Hocker riss: Stehende Ovationen! 

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