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Familie Hermez floh aus Syrien ins Münsterland

Flüchtlinge fanden in Selm eine zweite Heimat

Selm Wie fühlt es sich an, seine vertraute Heimat zu verlassen und in Selm noch einmal vollkommen neu zu beginnen? Familie Hermez ist aus Syrien geflohen, Werner Lebsack kam in den 90er-Jahren von Russland nach Selm. Hier erzählen sie ihre Geschichte und was für sie Heimat bedeutet.

Flüchtlinge fanden in Selm eine zweite Heimat

Sumar und Simon Hermez sind aus Syrien nach Bork gekommen. Hier sind sie mit zwei ihrer drei Kinder zu sehen. Foto: Sabine Geschwinder

Die Heimat in Gedanken

Ein Album mit ihren Hochzeitsfotos hat Sumar Hermez aus ihrer Heimat in Syrien mitgenommen, als sie Anfang 2013 erst nach Libyen und dann später nach Deutschland ausreiste. Mehr Bilder von früher bleiben ihr nicht. Ihr Haus und auch alle anderen Häuser in dem Dorf Teltal im Nordosten von Syrien wurden zerstört, als der IS dort war. Nichts ist mehr dort außer Zerstörung. Als Teltal vom IS befreit wurde, durfte Sumar Hermez’ Mutter einmal kurz dorthin zurückkehren. In ihr Haus. „Aber es hatte keine Tür mehr“, sagt Sumar Hermez. Ihrer Mutter brach das Herz. Nicht allein wegen der gesamten Wucht der Zerstörung, die der IS hinterlassen hat. Sondern vor allen Dingen wegen einer Sache: die verbrannten Fotos ihrer Kinder. Zerstörte Erinnerungen.

Als Sumar Hermez aus Syrien floh, zunächst nach Libyen und dann von dort mit dem Flugzeug nach Deutschland, da herrschte bereits der Bürgerkrieg in ihrem Heimatland. Die Familie von Sumar Hermez gehört zur Minderheit der Assyrer, einem Jahrtausende alten Stamm, der eine eigene Sprache, das Assyrisch, spricht, und eine eigene Kultur pflegt und christlich ist

Als Sumar Hermez mit ihren beiden Kindern floh, war ihr Heimatdorf noch nicht zerstört. „Es ist die Heimat, an die ich mich erinnere. Ich denke nicht an die, die zerstört ist.“ Heimat ist für sie nicht das Syrien, das sie sieht, wenn Freunde die Bilder des Krieges auf Facebook posten. Der Kontakt zu Syrien ist da, ihre Eltern leben noch immer dort. Und doch ist es nicht das Syrien, an das sie sich erinnert. Die Heimat bleibt ihr in Gedanken. Diese Heimat. Und dann ist da noch Bork. „Es ist inzwischen eine zweite Heimat“, sagt die 33-Jährige.

Als sie nach Deutschland kam, wurde sie der Flüchtlingsunterkunft in Bork zugeteilt, inzwischen haben sie und ihre Familie eine eigene Wohnung, ebenfalls in Bork. Seit fünf Jahren leben sie dort. Sumar und Simon Hermez haben beide eine Arbeit, sie sprechen deutsch. Die drei Kinder gehen hier in den Kindergarten und zur Schule. Ihre jüngste Tochter Maria ist in Deutschland geboren.

„Ich habe die Sprache durch den Kontakt mit den Leuten gelernt“, sagt Sumar. Zum Beispiel durch den Asylkreis, der sie unterstützt hat. Heute hilft sie dort ebenfalls mit, zum Beispiel, wenn jemand gesucht wird, der arabisch übersetzen kann. „Ich freue mich, wenn ich Leuten helfen kann“, sagt sie. Die fünfköpfige Familie sucht gerade eine größere Wohnung, doch bleiben möchten sie in Bork. „Ich kann aus Bork nicht weg“, sagt Sumar Hermez, „die Leute sind hier so nett“, die grüßen sie auf der Straße, freuen sich, wenn die Kinder lebhaft spielen.

In der Stadt wäre das vielleicht anders. Anonymer. Davor hatten sie und ihr Mann Angst gehabt, als sie nach Deutschland kamen, denn in Syrien hätten Bekannte davor gewarnt, dass die Deutschen nicht grüßen und immer so beschäftigt seien. „Aber wir haben Glück gehabt“, findet Sumar Hermez.

Ob die Familie sich vorstellen kann, einmal zurück nach Syrien zu gehen? „Für unsere Kinder ist es gut hier, sie haben hier eine Zukunft“, sagt Sumar Hermez. Die Kinder sprechen deutsch und assyrisch. Arabisch haben sie gar nicht gelernt. Sie müssten sich in Syrien vollkommen neu zurechtfinden.

Und dann ist da noch eine drängendere Frage: „Wohin soll man denn zurück?“, fragt Simon Hermez, „da sind keine Menschen mehr.“ In Damaskus, dort vielleicht schon. In dem kleinen assyrischen Dorf aus dem sie kommen aber nicht. Keine Menschen mehr. „Keine Lieben“, ergänzt Sumar Hermez. Die heile Heimat Syrien , die ist nur noch in Gedanken da. Und auf wenigen Fotos.

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Zurück in die Heimat

Wer Werner Lebsack in seinem Büro in der Selmer Altstadt besucht, schaut zuerst auf diese fünf Porträts, die da nebeneinander in einem Bilderrahmen hängen. Das eine ist der geniale Physiker Albert Einstein, das andere der russische Dichter Wladimir Semonwitsch Wyssozki, dann ist da noch – in der Mitte – ein Bild von Lebsacks Vater und eines vom Gründer der Firma, für die er als Finanzberater tätig ist. Und, zu guter Letzt, ist da auch noch eines vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. „Das sind Vorbilder“, erklärt Lebsack.

Ein geradliniger Mann mit einem leichten russischen Akzent. Warum Helmut Kohl? „Er hat sich dafür eingesetzt, dass wir alle da sind“, erklärt er. Wir, damit meint er die vielen Russland-Deutschen, die Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland zurückgekehrt sind, nachdem sie vor etwa 200 Jahren zu Zeiten des Zaren Alexander dorthin ausgewandert waren. Sie bildeten dort eine eigene Bevölkerungsgruppe, die die deutsche Sprache und ihre kulturellen Eigenheiten weiter pflegten.

Flüchtlinge fanden in Selm eine zweite Heimat

Waldermar Lebsdsack über Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, Einstein und Kohl. Foto: Weitzel

Und nun hängt da ein Bild von Helmut Kohl. Eine Parallele zu den Selfies, die nun viele Geflüchtete mit der aktuellen Kanzlerin Angela Merkel machen?

Diesen Vergleich findet Lebsack falsch. „Wir sind Deutsche“, sagt er. „Ich bin nicht hier geboren, aber beide Eltern sind deutsch, die Mentalität war deutsch.“

Lebsack wurde in Kasachstan geboren, studierte im russischen Ekatarinenburg. Er sieht sich als Deutscher und als Europäer. 1993 kam er mit seiner Frau nach Deutschland. In Moskau stieg er in einen Flieger, mit einem Koffer. Warum Deutschland? „Verwandte, die schon hier waren, haben gesagt: Hier gibt es Ordnung, hier kannst du etwas aufbauen.“ Die Deutsche Ordnung gegen das Chaos der gerade in sich zusammengebrochenen Sowjetunion. Zwei Wochen verbrachten Lebsack und seine Familie in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Unna, seit 24 Jahren lebt er in Selm.

Die aktuelle Flüchtlingssituation kennt er nur aus den Medien. Er glaubt aber, dass vieles unorganisierter läuft als damals, als er aus Russland kam. „Das war geordnet, wir durften nur rein, wenn wir eine Genehmigung bekommen haben.“

Seit er vor 24 Jahren kam, ist er nur zweimal nach Russland gereist. Seine Kinder sprechen die Sprache kaum. Er fühlt sich angekommen, seine Ziele konnte er erfüllen. „Ich habe sie mehr als erfüllt“, sagt er. „Ich bin zufrieden.“

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