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Hecking kündigt 23 Mitarbeitern

Textilfirma setzt auf Spezialisierung statt Masse

Stadtlohn Schlechte Nachrichten aus der traditionsreichsten Firma der Stadt: H. Hecking Söhne entlässt 23 Mitarbeiter. Aber es gibt auch neue Hoffnung.

Textilfirma setzt auf Spezialisierung statt Masse

Die ältesten Gebäude an der Sprakelstraße wurden 1907 errichtet. Foto: Stefan Grothues

Im sonst schmucklosen Besprechungszimmer hängen die Bilder ihrer Ahnen. In Öl und in gedeckten Farben hat der Maler den ernsten und entschlossenen Blick Heinrich Heckings (1791-1874) eingefangen. Ernst blicken auch seine Nachfahren am ovalen Besprechungstisch: Geschäftsführer Heinrich-Hermann Hecking und sein Bruder Werner. In der vergangenen Woche haben sie 23 Mitarbeitern die Kündigung ausgesprochen.

„Aussprechen müssen“, sagen die beiden Brüder. „Das ist ja jedes Mal ein persönliches Drama“, erklärt Werner Hecking. Und die Mitarbeiter seien für die Entwicklung ja nicht verantwortlich. Der Schritt sei ihnen daher sehr schwer gefallen. „Aber die Restrukturierung ist notwendig, damit das Unternehmen eine neue Zukunft hat“, sagt Heinrich-Hermann Hecking.

Textilfirma setzt auf Spezialisierung statt Masse

Werner und Heinrich-Hermann Hecking (v.l.) blicken nach schmerzhaften Entscheidungen optimistisch in die Zukunft. Foto: Stefan Grothues

Überraschend kam dieser Schritt nicht. Im August 2017 hatte das Unternehmen das Eigenverwaltungsverfahren eröffnet, in dem es zum Insolvenzverwalter in eigener Sache wurde. Das eigentliche Insolvenzverfahren wurde am 26. März 2018 eröffnet. Eine Woche später wurden die Kündigungen ausgesprochen. „Nach langen konstruktiven Gesprächen mit dem Betriebsrat“, betont Volker Schreck, der im August 2017 als zusätzlicher Geschäftsführer in das Unternehmen eingetreten ist.

Sozialplan und Interessensausgleich für die Gekündigten

Für die Gekündigten sowohl aus der Produktion wie aus der Verwaltung gebe es einen Sozialplan und einen Interessenausgleich. „Wir haben uns auch bemüht, einzelne Mitarbeiter in andere Unternehmen der Textilbranche zu vermitteln“, sagt Heinrich-Hermann Hecking. Tröstlich sei auch, dass der gute Arbeitsmarkt im Moment vielen eine neue Stelle in Aussicht stelle.

Auch in dem Schwesterunternehmen in Sachsen, der Baumwollweberei Zittau, steht eine Restrukturierung bevor. Dort laufen zurzeit noch die Gespräche mit dem Betriebsrat.

Nach der schwierigen Entscheidung in Stadtlohn blicken die Brüder Hans-Heinrich und Werner Hecking sowie Volker Schreck optimistisch in die Zukunft. Das Insolvenzverfahren soll im dritten Quartal zu einem positiven Abschluss gebracht werden. Aber wie will das Unternehmen denn künftig der Konkurrenz aus den Niedriglohnländern begegnen?

40 Mitarbeiter verbleiben

Mit den verbleibenden 40 Mitarbeitern will sich H. Hecking Söhne künftig auf die Produktion spezieller technischer Textilien konzentrieren. „Sie werden für die verschiedensten Zwecke gebraucht: für Spezial-Kleidung, Keilriemen, Klebebänder, industrielle Anwendungen…“, erklärt Heinrich-Hermann Hecking und blickt nun so entschlossen wie sein Urahn auf dem Ölporträt. Werner Hecking ergänzt: „Textilien aus Stadtlohn sind zum Beispiel mit im Spiel, wenn sich an den großen Bühnen der Welt der Vorhang hebt.“ Spezialstoffe in Überbreite gehören zu den Spezialgebieten der Stadtlohner Weberei.

„Unsere Stärke ist es, mit den Kunden Stoffe für Spezialanwendungen zu entwickeln“, sagt Heinrich-Hermann Hecking. Und er verweist auf das große Know-how der Hecking-Textilingenieure und Textilmeister. Werner Hecking sagt: „Tradition ist ja gut und schön. Aber sie macht nicht satt. Wir wollen in die Zukunft schauen und die Glut weitergeben, nicht die Asche.“

Über 350 Jahre textiles Know-how

  • 1619: In der Heimatchronik Stadtlohns wird die Familie Hecking bereits als Leinenweber, die sich auch in dem Kaufmanns- und Unternehmerstand betätigten, beschrieben.
  • 1820: Die Firma Heinrich Hecking in Stadtlohn, die Keimzelle aller Hecking-Betriebe in Westfalen, ist dokumentarisch nachweisbar. Sie beginnt 1848 mit der Baumwollgarn-Verarbeitung in Stadtlohn.
  • 1863: Heinrich Hecking und seine Söhne Engelbert und Heinrich errichten die erste Dampfmaschine in Stadtlohn. Sie treibt 100 englische Webstühle an.
  • 1874: Das Unternehmen erhält seinen bis heute gültigen Namen „H. Hecking Söhne“.
  • 1907: Werner Hecking errichtet die Spinnerei Heinrich Hecking an der Sprakelstraße. Sie wird 1919 an die Firma H. Hecking Söhne angegliedert.
  • 1933: Die Firma verfügt über drei Betriebe und beschäftigt 500 Mitarbeiter.
  • 1945: In den letzten Kriegstagen werden beide Webereien zerstört und die Spinnerei stark beschädigt.
  • 1949: Die ersten Webstühle und die Spinnerei laufen wieder an.
  • 1956: Sieben Jahre nach dem Wiederaufbau der Firma stellt H. Hecking Söhne 50 Schweizer Webautomaten auf und gehört somit zu den westfälischen Betrieben, die die moderne Automatisation in großem Stil betreiben.
  • 1981: Ein Auslagerungsvertrag mit der Stadt Stadtlohn wird geschlossen und bereits am 11. November erfolgt der erste Spatenstich für den Weberei-Neubau am Standort der Spinnerei an der Sprakelstraße, der 1983 bezogen wird.
  • 1990: Die Familie Hans-Werner Hecking gründet die Baumwollweberei Zittau in Zittau/Sachsen. Aus dem ehemaligen Lautex-Verbund wird das Werk 4 übernommen.
  • 2017: Die Unternehmen H. Hecking Söhne und die Baumwollweberei Zittau beantragen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Das Ziel: Im dritten Quartal 2018 sollen die restrukturierten und sanierten Unternehmen aus den Insolvenzverfahren entlassen werden. Die Spinnerei in Stadtlohn wird geschlossen.

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