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Kleine Schritte mit großer Bedeutung

Reha-Sport für Schlaganfall- und Parkinson-Patienten

Mechthild Schücker hilft in Südlohn Schlaganfall- und Parkinson-Patienten, ihre Motorik zu erhalten. Betroffenen rät sie, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen.

von Alex Piccin

, 18.04.2018
Kleine Schritte mit großer Bedeutung

Unter Anleitung von Mechtild Schücker versuchen die Teilnehmer der Reha-Sport-Gruppe für Schlaganfall- und Parkinson-Patienten, in kleinen Schritten wieder ihrem gewohnten Alltag vor der Erkrankung näherzukommen. Ein hohes Maß an Konzentration und Koordination erfordern die Übungen bei der Reha-Sport-Einheit. © Natalia Walfort

Das untere Ende des eigenen Holzkegels soll jenes des Partners berühren – jedoch nur, wenn dieser das Übungsgerät in der gleichen Hand hält wie man selbst. Kurze Zeit später geht es darum, rückwärts über den aufgestellten Kegel zu steigen. Es sind Übungen, die Außenstehenden möglicherweise sehr einfach erscheinen, bei Betroffenen jedoch ein hohes Maß an Konzentration erfordern. Es ist Mittwochabend in der Turnhalle der St.-Vitus-Grundschule. Mechtild Schücker leitet die Reha-Sport-Gruppe für Schlaganfall- und Parkinson-Patienten des SC Südlohn. Die Teilnehmer haben einen Schicksalsschlag hinter sich und versuchen, unter der Anleitung Schückers wieder ihrem gewohnten Alltag vor der Erkrankung näherzukommen.

Reha-Sport soll Tagesablauf erleichtern

„Gemeinsam sind wir stark!“ lautet das Motto. Gemeinsam bedeutet, seit zehn Jahren im Kollektiv mit den neurologischen Krankheiten umzugehen. Gemeinsam bedeutet auch, sich gegenseitig zu helfen, wenn bei der Gedächtnisübung der richtige Weg durch den Kegelparcours nicht mehr gefunden wird. Darüber sprechen möchten die Teilnehmer nicht. Der Weg, offensiv mit ihrer Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ein weiter. „Ich möchte, dass die Reha-Sport-Gruppe weiterlebt“, sagt Schücker und rührt die Werbetrommel. Sie betreibt Aufklärung, um den Tagesablauf der Betroffenen ein Stück weit zu vereinfachen. Seit 1997 ist sie Übungsleiterin einer Rückenschule. In ihrem familiären Umfeld kam sie in der Folgezeit mit Parkinson in Kontakt. „Ich habe damals mehr über die Krankheit wissen wollen“, sagt sie.

Kleine Schritte mit großer Bedeutung

Ein hohes Maß an Konzentration und Koordination erfordern die Übungen bei der Reha-Sport-Einheit. © Natalia Walfort

Daraufhin absolvierte sie eine neurologische Zusatzausbildung und rief die Reha-Sport-Gruppe ins Leben. An die erste Stunde erinnert sie sich noch genau: „Das war am 20. Februar 2008.“ Betroffene von damals machen noch immer mit. Mittlerweile sind die jüngsten Teilnehmer um die 50 Jahre alt, die ältesten 70.

Werbung bei Neurologen und Hausärzten

Um ihr Angebot bekannt zu machen, fährt die 56-Jährige die Praxen der Neurologen und Hausärzte im Südlohner Umkreis ab und hängt dort ihre Plakate auf. „Es gibt immer mehr Betroffene. Sie tun sich schwer, mit ihrer Krankheit offen umzugehen. Ich kann nur raten, den Arzt aktiv anzusprechen. Dieses Reha-Programm ist für ihn nicht budgetbelastend.“

In der Regel übt Schücker mit fünf, sechs Teilnehmern: „Es waren auch schon mal zwölf. Bis zu 15 Betroffene können auf einmal mitmachen.“ Es kommt aber auch vor, dass sie nur mit zwei oder drei Personen in der großen Halle steht – so wie an diesem Abend. „Manche sind in einem Alter, da kommen andere Krankheitsbilder hinzu. Oder sie wohnen in Ahaus und trauen sich im Herbst und Winter die Fahrt bei Dunkelheit nicht mehr zu“, erklärt die Südlohnerin.

Motorik für den Alltag und Stimmbildung

Die Übungsstunden basieren auf Aufwärmen, Koordination, Gleichgewicht und die sogenannte Gangkunde, also die Alltagsmotorik. Auch die Stimmbildung sei wichtig. Einheiten zu Lautstärke und Gedächtnis werden eingebunden. Die einzelnen Übungen häufig zu wiederholen, sei grundlegend. Sie berichtet von ihren Beobachtungen, als sie Teilnehmern sagte, sie sollen rückwärts gehen: „Sie trauten sich zunächst nicht. Es ist wichtig, Sicherheit zu erlangen. Mittlerweile wagen sie es.“

Bei Parkinson oder in Folge eines Schlaganfalls ist die eine Gehirnhälfte betroffen, die entgegengesetzte Körperhälfte arbeitet dann nicht mehr wie gewohnt. Daher streut Schücker viele Rechts-links-Übungen ein. Diese Maßnahmen helfen Betroffenen, die noch vorhandenen Fähigkeiten zu erhalten. „Nur zu Beginn ist eine Erholung feststellbar, eine generelle Verbesserung ist nicht möglich“, sagt die Übungsleiterin. Sie wendet immer bestimmte Hilfsmittel für einzelne Ausfallerscheinungen an. So klein die Schritte für den Betrachter sein mögen, umso größer ist die Bedeutung dieser Maßnahmen für die Erkrankten, um ihren Alltag besser meistern zu können – sobald sie sich trauen. Zweifel und Ängste weiß Mechthild Schücker ihnen zu nehmen.

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