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Start in die Karriere

Zwei Geschwister aus Werne tanzen ihren Weg

Werne Maryam und Matthias Reher aus Werne bereiten sich derzeit auf ihr erstes Tanzturnier vor. Dass Geschwister zusammen ihre Turnierkarriere starten, ist nicht ungewöhnlich, verläuft aber nicht immer reibungslos. Eine Geschichte über Prügel, Vorurteile und Disziplin.

Zwei Geschwister aus Werne tanzen ihren Weg

Maryam und Matthias Reher trainieren derzeit für ihr erstes Turnier. Ende Januar wird es in Dortmund ernst für die 13-Jährige und ihren 15-jährigen Bruder. Foto: Helga Felgenträger

Das ist natürlich ein Dilemma für einen 15-Jährigen: Matthias Reher ist auf seine 13-jährige Schwester angewiesen. Er braucht Maryam und Maryam braucht ihn. „Es sind Geschwister. Die gehen nicht immer nett miteinander um. Da kann auch mal eine Träne fließen“, sagt Britt Reher, die Mutter der beiden.

Maryam und Matthias wollen Ende Januar bei einem Tanzwettbewerb in Dortmund ihre Turnierkarriere bei den Erwachsenen starten. „Eigentlich sind die beiden ein Jugendpaar, dürfen aber als Doppelstarter bei den 18- bis 30-Jährigen im Hauptgruppenturnier in der Klasse D starten“, sagt Britt Reher, die mit Ehemann Thomas im TSC Werne tanzt, sich im Vorstand engagiert und auf Turnieren als Wertungsrichterin aktiv ist.

„Die beiden sind damit aufgewachsen, aber wir haben uns bewusst zurückgehalten, wollten, dass beide breitensportlich sind“, sagt Britt Reher. Als Wertungsrichterin hat sie ihre Erfahrungen mit überambitionierten Eltern: „Bei einer schlechten Wertung kann ich mir den Hinterausgang suchen.“

Simple Motivation

Zum Sport zwingen mussten die Rehers ihre Kinder nicht. Maryams Motivation ist vergleichsweise simpel. Sie tanzt, „weil es einfach schön ist“. Beim Bruder steckt mehr dahinter. „Wir wurden schon reingeboren, allerdings habe ich nie verstanden, warum elf Leute einem Ball hinterherrennen. Tanzen ist eine Sache, die nicht jeder kann“, sagt Matthias – und in seiner Stimme schwingt Rechtfertigung mit.

Tanzen sei kein Sport – noch eines der harmlosen Vorurteile, die ihn seit der Kindheit begleiten. „Von der Grundschulzeit an hat er auch Prügel bezogen. Weil er tanzt“, sagt Britt Reher. Tänzer würden generell als schwul abgestempelt. „Das ist Quatsch. Bei uns trauen sich Schwule vielleicht eher, damit offen umzugehen, weil es akzeptiert ist. Aber: Wir haben nicht mehr Homosexuelle als andere Sportarten auch“, sagt Britt Reher.

Zwei Geschwister aus Werne tanzen ihren Weg

Guido Gottlieb korrigiert die Haltung von Maryam Reher. Gottlieb arbeitet seit über vier Jahrzehnten als Trainer, hat als 13-Jähriger mit dem Tanzen begonnen. Foto: Helga Felgenträger

Die Vorurteile sind für Matthias sowieso hanebüchen. „Als ich in die fünfte Klasse wechselte, bekam eine Abiturientin auf einer Schulfeier mit, dass ich im Verein tanze. Ich sollte ihr ein paar Grundschritte für den Abi-Ball zeigen. Ich habe mir nichts dabei gedacht und plötzlich standen alle Abiturientinnen dabei und die Mitschüler haben blöd geguckt.“

Umgang als Herausforderung

Homosexualität für Hänseleien zu missbrauchen, zieht demnach nicht. Für Matthias und Maryam ist der Umgang miteinander eher die Herausforderung. „Ist halt nicht cool, mit der kleinen Schwester zu tanzen“, sagt Britt Reher. Zwei- bis dreimal die Woche trainiert das Paar im Werner Tanzverein zusammen.

Dass sich die beiden anzicken können, mag Guido Gottlieb gar nicht glauben. „Ich habe das noch nicht erlebt“, sagt der 53-Jährige, der den Geschwistern einmal monatlich eine Extra-Stunde gibt. Dafür hat der Tanzlehrer aus Moers den kleinen Saal im Kolpinghaus angemietet, weil beim TSC die Kapazitäten nicht reichen. Tische wegräumen, Scherben von der letzten Party wegfegen – effektiv bleiben Maryam und Matthias knapp 45 Minuten, um mit ihrem Tanzlehrer zu arbeiten.

Gottlieb tanzt seit vier Jahrzehnten und gibt den beiden für das Turnier im Januar den letzten Schliff – blutige Anfänger sind beide schließlich nicht. Während Bruder und Schwester den Langsamen Walzer üben, schwebt Gottlieb wie Matthias’ Schatten hinter ihm und greift mitunter korrigierend an Schulter, Hüfte und besonders oft an die Schläfe. „Wenn du nach der Drehung deinen Kopf nicht korrigierst, siehst du aus wie bei McDonald’s am Drive In. Bring den Kopf in Fahrtrichtung“, sagt Gottlieb.

Zwei Geschwister aus Werne tanzen ihren Weg

Tanzlehrer Guido Gottlieb gibt Maryam und Matthias Reher einmal im Monat Unterricht. Davon ab trainieren die Geschwister zwei bis dreimal die Woche im TSC Werne. Hier engagieren sich auch die Eltern Britt und Thomas Reher als Trainer. Foto: Helga Felgenträger

Auch wenn beide seit Jahren tanzen, ist es bis zum Turniertänzer ein weiter Weg: „Beide können wunderbar ihre Choreografien durchtanzen, jetzt geht es darum, die Haltungspunkte zu verbessern, die einem Wertungsrichter sofort auffallen“, sagt der Tanzlehrer und verweist auf korrekte Kopf- und Armpositionen. Problematisch sei der Größenunterschied: „Da muss man in der Haltung Abstriche machen, aber Maryam hat versprochen, noch zu wachsen“, sagt Gottlieb und seine Schülerin muss kichern.

Spontan aus der Musik reagieren

Wenn es ernst wird, müssen beide in der D-Klasse nicht nur den Langsamen Walzer, sondern auch die schnellere Variante des Schwungtanzes, den Quickstep und mit dem Tango auch einen Rotationstanz beherrschen. Zudem reagieren die Geschwister spontan auf die Musik. Sie wissen vorab nicht, was gespielt wird. In höheren Klassen kommen weitere Tänze hinzu und beide dürfen dann auch glamouröse Kleidung zeigen. In der unteren Klasse kommt das Trainingsoutfit zum Einsatz. „Ein schönes Kleid zu tragen, reizt Maryam natürlich“, weiß Mutter Britt.

Um in die C-Klasse aufzusteigen, muss das Paar eine gewisse Zahl an Punkten und Erstplatzierungen erreichen. „Was im Training klappt, dann auch auf die Tanzfläche zu projizieren, ist zunächst das erste Ziel“, sagt Gottlieb. Vor Nervosität habe er schon so manchen Filmriss und Stillstand auf Turnieren erlebt. Wie weit sie ihr Hobby führen kann, mag der Tanzlehrer für Maryam und Matthias nicht vorauszusagen: „Talent und Potenzial sind da, aber in dem Alter kann man nicht sagen, was in drei oder fünf Jahren ist.“

Gottliebs Erfahrung ist nicht nur auf dem Parkett hilfreich: „Ich habe auch mit meiner Schwester angefangen. Das ist in dem Sport nicht ungewöhnlich. Zwei Jahre ging es gut.“ Falls es bei den Rehers auch so kommen sollte, kann sich zumindest Matthias trösten: Die Schulzeit geht dann dem Ende entgegen. An Abiturientinnen wird es nicht mangeln.

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