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Von jetzt auf gleich verloren die Kinder ihre Mutter, der Vater verlor seine Frau, die ganze Familie eine wichtige Stütze. Über ein Leben, das nie mehr so sein wird, wie es mal war.

Werne

, 26.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Dabei war doch alles so banal. Ein Tag im Mai, alle zu Hause, der Backofen an. Er piepte, wie er es immer tat, wenn das Essen fertig war. Nur war das Piepen diesmal nicht das übliche Signal – sondern der Moment, in dem Mama starb.

„Macht ihr bitte den Ofen aus?“, hatte sie immer gerufen, wenn der schrille Ton durchs Haus ging. An diesem Tag rief sie nicht. Der damals 12-jährige Jan war es, der sie leblos auf der Toilette fand.

Das ist eineinhalb Jahre her. Aber es könnten auch eineinhalb Wochen sein. Zu tief sitzt die Trauer. Und am liebsten würde man die Trauer in den Ofen schmeißen und verbrennen lassen, Mama die Badtür öffnen hören und dann gemeinsam essen. Ganz banal. Aber ganz unmöglich.

Plötzlich alleinerziehend

Im Mai 2017 war das, als Mamas Herz plötzlich stehen blieb, die Familie den Krankenwagen rief und Albin noch raus rannte, um bei den Nachbarn Hilfe zu holen. Alles ganz hektisch. Und dann – Stillstand. Und Trauer und Wut und Fassungslosigkeit – und Albin. Vater von Drillingen und plötzlich alleinerziehend.

„Kannst du denn gar nichts alleine?“, hatte irgendwann jemand zu Albin gesagt. Ein Schlag ins Gesicht in einer Zeit, in der er schon viele Schläge abbekommen hatte. Nein, so ist es nicht. Aber wenn der Mensch, den du liebst, der sich um die Kinder gekümmert und den Haushalt geschmissen hat, plötzlich nicht mehr da ist, musst du vieles erst lernen.

Wenn Mama nicht mehr da ist: Witwer aus Werne muss Drillinge alleine großziehen

Fabian, Lena und Jan sind Drillinge. Sie kamen 2004 in Münster zur Welt. © Vanessa Trinkwald (Repro)

Fabian, Lena, Jan – in der Reihenfolge kamen sie damals in Münster zur Welt – sind heute 14 Jahre alt. Fabian, Lena, Jan – in der Reihenfolge sind sie auch auf allen Kinderfotos zu sehen – gingen vier Tage nach dem Tod ihrer Mutter wieder zur Schule, um ein bisschen Normalität zu leben.

Wer sie heute besucht, spürt so etwas wie Normalität. „Du immer mit deinen Pferden“, sagt Fabian. „Lass doch mal meine Haare!“, sagt Lena. „Irgendwann gründen wir eine WG“, sagen die Jungs und klatschen sich ab. „Will nicht wissen, wie es da dann aussieht.“ Lena verdreht die Augen und zwirbelt ihre Haare zu einer langen Strähne zusammen. Mama kann das alles nicht mehr hören. Ein Bild von ihr und Albin in jüngeren Jahren steht neben dem Esstisch auf der Kommode.

„Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

Albin (der seinen Nachnamen und Fotos nicht öffentlich sehen möchte) ist nicht vier Tage nach dem Tod seiner Frau wieder arbeiten gegangen. Er musste die Beerdigung organisieren, eine neue Struktur finden, trauern. Er bekam die nötige Unterstützung von seinem Chef. „Das weiß ich auch wirklich sehr zu schätzen“, sagt der 56-Jährige heute. Er arbeitet bei der Hölscher-Gruppe in Werne: Palettenservice, Landschaftsbau, Winterdienst. Er müsse auch gleich wieder los. Die Arbeit ruft.

Arbeit ist das heute alles. „Einkaufen, Sachen zum Anziehen, die Kinder werden krank, Schule“, zählt Albin auf. Früher habe er seiner Frau manchmal vorgeworfen: „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ Es wird Frauen geben, die diesen Satz schon einmal von ihrem Mann gehört haben. Heute würde Albin das nicht mehr rausrutschen. Er blickt auf den Tisch, um diesmal nicht seine Frau, sondern sich selbst zu fragen: Hast du das damals wirklich gesagt?

Eine Haushaltshilfe unterstützt die Familie

1999 lernten sich die beiden kennen. Später bauten sie das Haus aus, in dem Mama aufgewachsen war. Beide gebürtige Werner, beide ab 2004 Eltern von Drillingen. „Meine Mutter ist Zwilling“, erzählt Albin und lächelt – nur kurz. Vielleicht liegt das in der Familie. Er wurde spät Vater, seine Frau war knapp zehn Jahre jünger. Am Tag ihres Todes war sie 47 Jahre alt.

„Das wird mir manchmal alles zu viel.“
Albin (56), Witwer und Vater von Drillingen

„Ich habe ihr immer gesagt: Geh doch mal zum Arzt. Sie hätte mal zum Arzt gehen müssen“, sagt Albin. „Ja“, sagt Jan am anderen Ende des Tisches. Er redet nicht viel an diesem Nachmittag, das „Ja“ ist ein knappes.

Das Jugendamt hat der Familie eine Haushaltshilfe vermittelt. Sie kocht für die Kinder, damit nach der Schule warmes Essen auf dem Tisch steht. „Wir sehen sie eigentlich gar nicht, weil sie hier ist, wenn wir in der Schule sind“, erzählt Lena. Zwischendurch schaut das Jugendamt vorbei, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Albin ist ehrlich: „Das wird mir manchmal alles zu viel. Es fehlt halt immer eine Person.“ Das sagt er öfter mal. Am Telefon, an diesem Nachmittag am Esstisch der Familie. Es fehlt halt immer eine Person. Mama fehlt.

Mama war nicht nur Hausfrau und Mutter von Drillingen, sondern arbeitete für ein paar Stunden in der Woche in der Familienbildungsstätte. Früher war sie Erzieherin in einem Kindergarten. Eine Frau, die Kinder liebte, und am meisten ihre eigenen.

Nicht die emotionalen Bedürfnisse missachten

Wenn plötzlich ein Elternteil fehlt, dann reißt das nicht nur ein emotionales Loch. Dann fehlt von heute auf morgen auch Struktur im Alltag. „Wir erleben es immer wieder, dass Menschen nach dem Tod eines Familienmitgliedes erst mal funktionieren, sie auf Autopilot stellen“, sagt der Werner Jugendamtsleiter Maik Rolefs.

Menschen versuchen das aufzufangen, was plötzlich über sie hereinbricht – „und dann verliert man die emotionalen Bedürfnisse aus den Augen“. Funktionieren und trauern – das müsste aber eigentlich parallel laufen. Und es sei wichtig, die Kinder in die Trauerarbeit miteinzubeziehen. „Es bringt nichts, das totzuschweigen“, sagt Rolefs. Kinder würden das früher oder später merken und sich dann im schlimmsten Fall in ihre eigene Welt zurückziehen.

Es ist ok, wenn Papa trauert. Als Albin das Gespräch an diesem Nachmittag kurz unterbrechen muss, nimmt Lena ihn in den Arm. Es ist ok, wenn Papa um Mama weint. Mama hieß Gerlinde.

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