21-jähriger Bewährungsversager erhält vom Gericht erneut Bewährungsstrafe

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Für sechs Straftaten hat das Jugendschöffengericht in Ahaus einen 21-jährigen Wüllener verurteilt. Der hatte die Taten schon kurz nach seiner Haftentlassung im Jahr 2019 begangen.

Ahaus

, 20.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gleich für sechs Straftaten hat das Jugendschöffengericht in Ahaus am Donnerstag einen 21-jährigen Wüllener verurteilt. Vier Mal hat die Polizei den jungen Mann im September und Oktober 2019 angehalten. Fahren ohne Führerschein, Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz für Kraftfahrzeuge die im Straßenverkehr geführt werden, Urkundenfälschung wegen falscher Kennzeichen und Unfallflucht lauteten die Anklagen.

In einem Fall war der Wüllener in Schöppingen in einem Unfall mit Blechschaden verwickelt und beging Fahrerflucht. In einem anderen Fall fuhr er laut Anklage mit erhöhter Geschwindigkeit in Legden auf zwei Fußgänger zu, die gerade die Straße überquerten. Anschließend stieg der 21-Jährige aus und bedrohte die als Zeugen geladenen Fußgänger.

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Die Reihe der verhandelten Anklagepunkte wurde ergänzt durch einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz: Der Angeklagte hatte ein Gramm Marihuana an einen 14-Jährigen verkauft. Der 21-Jährige bestritt den Vorwurf, wurde aber von dem Drogenkäufer vor Gerichte eindeutig identifiziert. Dafür belastete sich der Zeuge sogar selbst, als er zugab, die Drogen gekauft zu haben.

In einem weiteren Fall hatte der Angeklagte ein nach seinen Angaben nicht abgeschlossenes Damenfahrrad an einem Schnellrestaurant an der Heeker Straße mitgenommen. Unterschlagung lautete der Tatvorwurf in diesem Fall.

Richter und Staatsanwalt sprachen von Lügengeschichten

Insgesamt zwölf Zeugen hatte das Gericht zur Aufklärung der Sachverhalte geladen. Da der Angeklagte in weiten Teilen die Taten einräumte, konnte das Gericht auf einen Teil der Zeugen verzichten.

Der Angeklagte verstrickte sich im Verlauf der Verhandlung immer wieder in Widersprüche. „Mir kommen die Tränen“, meinte der Vorsitzende Richter beispielsweise, als der Angeklagte erklärte, er habe das nicht abgeschlossene Fahrrad mitgenommen, um es dem Fundamt zu melden. Übrigens: Der Kumpel, mit dem er zu dem Zeitpunkt unterwegs war, hatte ein als gestohlen gemeldetes Fahrrad dabei.

Dem Staatsanwalt platzte bei den Ausführungen des 21-Jährigen irgendwann der Kragen. „Das ist Unsinn. Sie hätten es dringend nötig, hier Pluspunkte zu sammeln“, rief er dem Angeklagten zu und forderte ihn auf, sich nicht weiter in Lügen zu verstricken.

Haftstrafe hat auf Angeklagten nicht nachhaltig gewirkt

Dass der Wüllener sich bisher nicht vom Gericht oder Urteilen beeindrucken ließ, zeigte ein Blick in die Strafakte des Angeklagten. Urteile wegen Diebstahls, gefährlicher Körperverletzung und sexuellem Missbrauch von Kindern waren darin aufgeführt. Für den Missbrauch erhielt der Wüllener eine Haftstrafe von 14 Monaten, die das Gericht zur Bewährung aussetzte.

Diese Chance hat der Angeklagte vertan: Weil er die Bewährungsauflagen des Gerichts nicht einhielt – er leistete angeordnete gemeinnützige Arbeit nicht – ging der 21-Jährige sogar in Haft. 14 Monate saß er auf Weisung des Richters, der auch in diesem Prozess den Vorsitz führte, ab Mai 2018 in der Justizvollzugsanstalt in Herford ab.

Nach der Haftentlassung kümmerte sich die Jugendhilfe um den Angeklagten, organisierte ihm eine Wohnung und wollte ihn in Arbeit bringen. Der heute 21-Jährige ließ auch diese Chancen verstreichen, beging kurz danach die neuen Straftaten.

Ein Vertreter der Jugendgerichtshilfe schilderte dem Gericht, dass der Angeklagte „nicht ansatzweise die Reife eines Erwachsenen zeige“ und eher einem 15- bis 16-Jährigem gleichzusetzen sei. Er lebe in den Tag hinein, ohne sich um Arbeit oder Ausbildung zu bemühen.

Angeklagter gefällt sich in seinem Leben in der Perspektivlosigkeit

Dass kann der Angeklagte, weil er seit Jahresbeginn bei der Familie seiner minderjährigen Freundin lebt und dort auch versorgt wird. Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe gab sich vor Gericht ratlos auf die Frage, was man mit dem Angeklagten machen könne: „Er gefällt sich offenbar in der Situation“.

Bewährungsversagen, Verweigerung von Hilfe, Leben in der „völligen Perspektivlosigkeit“ und neue Straftaten schon kurz nach der Haftentlassung - der Staatsanwalt beantragte in seinem Plädoyer eine weitere Haftstrafe von neun Monaten ohne Bewährung nach dem Jugendstrafrecht für den Angeklagten. Und: „Sie sind das Paradebeispiel eines Menschen, der ungeeignet ist, ein Fahrzeug zu führen!“ Mit diesen Worten forderte der Staatsanwalt außerdem eine 36-monatige Führerscheinsperre.

„Bis auf den Handel mit Marihuana haben sich die Tatvorwürfe bestätigt“, räumte der Anwalt des Angeklagten in seinem Plädoyer ein. Er zweifelte an der Aussage des Zeugen, dem der Angeklagte Marihuana verkauft haben sollte. Die Haft-Forderung des Staatsanwalts sei außerdem „nicht angemessen“, da es in dem Prozess um Fälle von Kleinkriminalität gehe.

Neun Monate Jugendstrafe auf Bewährung

In seinem Urteil folgte das Gericht dem Antrag des Anwalts, der neun Monate Jugendstrafe auf Bewährung und eine zweijährige Führerscheinsperre als tatangemessen bezeichnete. Die Jugendstrafe setzt das Gericht für drei Jahre zur Bewährung aus und verhängte außerdem 150 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Eine Auflage des Gerichts ist es außerdem, dass der Angeklagte sich einen Job sucht oder eine Schul- oder Berufsausbildung anfängt. Deutlich machte der Richter auch, dass er den Angeklagten erneut inhaftieren lässt, sollte er den Auflagen nicht nachkommen.

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