Notarzt-Abzug in Vreden wirkt sich negativ auf Ahaus aus

rnNotarzt in Ahaus

Die notärztliche Versorgung wird sich ab 2020 in Ahaus verschlechtern, erklärte Elisabeth Schwenzow vom Kreis Borken am Donnerstag im Rat. Der Kreis sieht das trotzdem nicht problematisch.

Ahaus

, 16.11.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es hörte sich am Donnerstagabend im Rat paradox an, was Dr. Elisabeth Schwenzow vom Kreis Borken zur künftigen notärztlichen Versorgung erklärte. „Die notärztliche Versorgung in Ahaus wird sich ab Januar 2020 verschlechtern“, sagte sie. „Aber wenn Sie drei Jahre zurückschauen, haben Sie eine Verbesserung.“

Hintergrund von Schwenzows Vortrag war die Kündigung des Gestellungsvertrages für den Notarzt in Vreden durch das Klinikum Westmünsterland zum 31. Dezember 2019 (wir berichteten). Die SPD-Fraktion hatte zur Ratssitzung daraufhin um Informationen gebeten.

„Die Ahauser sind unserer Meinung nach künftig wesentlich schlechter gestellt, was die notärztliche Versorgung betrifft“, erklärte der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Dönnebrink. Zu den künftig rund 1150 Einsätzen des Ahauser Notarztes kämen künftig jährlich rund 200 weitere hinzu, um Lücken in Vreden zu schließen.

„Prunkgebäude der Krankenkassen“

Dönnebrink: „Hier wird mit der Gesundheit der Bürger gespielt.“ Was geschehe, wenn der Notarzt aus Stadtlohn in Gescher im Einsatz sei und der Notarzt aus Ahaus in Schöppingen? „Was ist dann mit dem Notfall in Zwillbrock“, fragte Dönnebrink. „Es kann nicht sein, dass sich die Krankenkassen Prunkgebäude hinsetzen, sich aber querstellen, wenn es um Geld für den Notarzt geht.“

Dann durfte Elisabeth Schwenzow, Verwaltungsvorstand beim Kreis Borken, ans Mikrofon. Sie berichtete, dass sich „das System hinter der 112“ in den vergangenen fünf Jahren massiv verändert habe. Heute gebe es Notfallsanitäter mit einer dreijährigen Vollzeitausbildung. „Sie haben viele Kompetenzen inne, die früher nur der Notarzt ausüben durfte.“ Deshalb gebe es auch viel weniger Notarzt-Einsätze.

Jetzt lesen

Das Klinikum Westmünsterland habe sehr deutlich dargelegt, dass es in Vreden keinen Assistenzarzt habe, der bereit sei, Notarzt-Einsätze zu fahren, erklärte Schwenzow. „Die Ärzte können sich diese Verpflichtung sehr einfach aus ihren Arbeitsverträgen streichen lassen.“ Angesichts des Ärztemangels würden viele Krankenhäuser darauf eingehen, um die jungen Ärzte zu halten.

Elisabeth Schwenzow: „In Vreden fuhren am Ende nur noch Oberärzte, die aber auch im Krankenhaus im Tagesgeschäft dringend notwendig sind.“ Zwar sei es für eine Zeit auch mit Ärzten vor Ort und sogenannten Portallösungen möglich, „aber das Krankenhaus teilte uns im Sommer mit, dass es ihm ab Januar nicht mehr möglich sei, den Dienst zu organisieren.“

Viele Gespräche

Seitdem seien viele Gespräche geführt worden. „Wir haben die Krankenkassen als Kostenträger gefragt, ob sie bereit sind, Pool- oder Portallösungen mitzugehen. Sie haben uns schriftlich mitgeteilt, dass sie Alternativlösungen finanziell nicht tragen werden.“

Das gab der Kreis auch am Freitag auf seiner Facebook-Seite bekannt. Laut den Krankenkassen rechtfertige das Einsatzaufkommen in Vreden unter Berücksichtigung der Zielerreichung keinen eigenen Notarztstandort mehr. Die Krankenkassen seien der Ansicht, dass der Kreis Borken mit Notärzten in Gronau, Ahaus, Stadtlohn, Borken und Bocholt recht üppig versorgt sei, sagte Schwenzow.

Doch wie weit ist Ahaus vom Vredener Abzug betroffen? Von Ahaus soll künftig ein Teil des Vredener Gebietes abgedeckt werden. Stadtlohn sei als Notarzt-Standort näher dran. Stadtlohn werde den größeren Teil von Vreden übernehmen. „Aufgabe des Ahauser Notarztes wird es sein, die Kirchdörfer zu übernehmen.“ Schwenzow nannte Lünten und Ellewick.

Die Notarzt-Einsätze gingen seit Jahren zurück, erklärte sie. In Vreden seien 2018 insgesamt 360 Einsätze gefahren worden. „Rund 25 Prozent davon wird Ahaus übernehmen müssen. Das sind dann etwa 90.“ Der Notarzt in Ahaus sei im vergangenen Jahr über 1100 Mal im Einsatz gewesen.

Weniger Einsätze als 2016

Rechne man beide Zahlen zusammen, seien das weniger Einsätze, als der Notarzt 2016 gefahren habe. „Und deutlich weniger, als Ahaus 2015 und 2014 hatte.“

Natürlich könne es den von Andreas Dönnebrink angesprochenen Duplizitätsfall geben und es zu Mehrfach-Einsätzen kommen. „100 Prozent Versorgung gibt es nicht.“ Allerdings werde die Wahrscheinlichkeit – auch mit hinzugerechneten Einsätzen in Vreden – nicht höher sein, als sie 2016 war.

Elisabeth Schwenzow: „Wir reden sehr viel über den Notarzt, dessen Abzug in Vreden und wie schwierig das auch für Ahaus und Stadtlohn ist. Wir sprechen aber nicht über Reken, Raesfeld und Isselburg, die über Jahre nie so gut versorgt waren, wie auch Vreden es in Zukunft sein wird.“

Jetzt lesen

Über den Notarzt in Borken werde das ganze südliche Kreisgebiet mit versorgt. „Das ist auf die Fläche gesehen und die Zahl der Einwohner deutlich ungünstiger als für Ahaus. Wir müssen die ganze kommunale Familie sehen.“

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Thomas Vortkamp brach eine Lanze für die Notfallsanitäter. Sie würden oftmals über eine langjährige Berufserfahrung verfügen und mitunter besonnener agieren als ein junger Notarzt. „Ich sehe keine Krise für das Notarzt-System in Ahaus oder im Kreis Borken.“

Jetzt lesen

Elisabeth Schwenzow lud zum Schluss den Rat und alle Interessierten zu einer Bürgerinformationsveranstaltung ein. Am Dienstag, 26. November, um 19 Uhr können in der Aula des Gymnasiums in Vreden, Zwillbrocker Straße 3, alle noch offenen Fragen zur Notärzte-Versorgung gestellt werden, sagte sie.

Lesen Sie jetzt