Ahauser gedenken der jüdischen Familien und der Zerstörung der Synagoge

rnNovemberpogrome 1938

Mit Namen, Bildern und Geschichten erinnerten Schüler und Mitglieder der Stolperstein AG der Anne-Frank-Realschule an die Opfer der Reichspogromnacht vor 81 Jahren.

von Andreas Bäumer

Ahaus

, 10.11.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie fehlen seit der Zeit des Nationalsozialismus, die Ahauser Familien jüdischen Glaubens Cohen, Frankenhaus, Gottschalk, Gumpert, de Jong, Katz, Löwenstein, Schlösser und Winkler.

Am Samstag wurde ihrer gedacht, mit Namen, Bildern und Geschichten. Schüler der 6. und 8. Klasse sowie der Stolperstein AG der Anne-Frank-Realschule gestalteten den Gedenkspaziergang an die Ahauser Juden und den Novemberpogrom 1938 in Ahaus.

Verena Büning sang an beiden Stationen des Spaziergangs, an der Synagogen-Gedenkplatte bei der Goldschmiede Engels John Lennons „Imagine“; Leonard Cohens „Hallelujah“ am Mahnmal für die Ahauser Holocaust-Oper auf dem Schlossvorhof.

Ahauser gedenken der jüdischen Familien und der Zerstörung der Synagoge

Es gibt kaum Abbildungen der 1938 von SA-Männern niedergebrannten Ahauser Synagoge. Die Gedenktafel bei der Goldschmiede Engels erinnert an sie. Hermann Löhring zeigt ein Foto aus der niederländischen Zeitung Tubantia. © Andreas Bäumer

Die Lehrerinnen Nina Zukunft und Marina Bockhoff hatten die Schüler unterstützt und das Programm innerhalb einer Woche erstellt. Hermann Löhring, ehemaliger Lehrer der Realschule, unterstützte sie.

Recherche zum Thema

Mit vorherigen Schülergenerationen hat er gründlich zum Thema recherchiert und konnte deshalb viel Material beisteuern.

Viele der 52 Juden aus Ahaus wurden ab 1941 deportiert und dann ermordet. Die Jüngste war Juliane Katz - im Alter von sieben Jahren starb sie in Auschwitz, gemeinsam mit ihrem achtjährigen Bruder, ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrem Vater.

Wenige Ahauser Juden überlebten die Nazi-Herrschaft, so die aus Vreden ins Ahauser Ghettohaus zwangsumquartierte Amalie Wolff. Sie wurde im Alter von über 80 Jahren nach Theresienstadt deportiert und überlebte.

Erich Gottschalk überlebte ebenfalls. Er konnte über die Niederlande nach Palästina fliehen. Mit seiner jungen Familie lebte er zwischen 1960 und 1984 in Ahaus am Kusenhook. Er war ein selten praktizierender Jude. Damals wie heute hätte er hier weder koscheres Essen noch eine Synagoge vorgefunden.

Bedrückender Bericht

Über die Zerstörung der Ahauser Synagoge am 9./10. November 1938 hat Gottschalk einen bedrückenden Bericht aus erster Hand geliefert. Als er Brandsirenen hörte, kam ihm sein Freund Josef Grimstein entgegen, damals war der bei der Feuerwehr. Gottschalk fragte ihn „Jupp, wat is loss?“ und nach langem Zögern sagte der: „Die Synagoge brennt.“

Ahauser gedenken der jüdischen Familien und der Zerstörung der Synagoge

Schüler der 6. und 8. Klasse sowie der Stolperstein AG der Anne-Frank-Realschule gestalteten den Gedenkspaziergang. © Andreas Bäumer

SA-Truppen hatten sie angezündet. Die Feuerwehr durfte sie nicht löschen und die Synagoge brannte nieder. Die Schläger zogen zu den Häusern jüdischer Familien, zerstörten Möbel und Fenster. Erich Gottschalk schlugen sie dabei so heftig, dass er sein Leben lang unter einem Bandscheibenschaden litt.

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Das Grundstück der Synagoge mussten Moses de Jong und Moritz Cohen an einen hiesigen Kaufmann übereignen. Den Verkaufserlös behielt das Deutsche Reich. Gemeindevorsteher de Jong musste vor seiner Deportation auch noch die Löschung der „Jüdischen Kultusvereinigung Synagogengemeinde Ahaus“ aus dem Vereinsregister unterschreiben.

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