Ahauser muss für Luftschläge gegen Polizeibeamte zehn Monate ins Gefängnis

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Ein 30 Jahre alter Ahauser muss für einige Luftschläge für zehn Monate ins Gefängnis. Die Schläge waren gegen Polizeibeamte gerichtet, verfehlten sie aber. Und sie hatten eine Vorgeschichte.

Ahaus

, 11.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Angeklagte war am Montag nach dem Urteilsspruch am Boden zerstört. Soeben hatte ihn der Richter wegen versuchter Körperverletzung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Angeklagter beteuert sein Unschuld

Der 30-Jährige selbst hatte zuvor seine Unschuld beteuert: „Wirklich, ich habe nicht geschlagen und getreten. Wenn ich was gemacht habe, dann habe ich immer dazu gestanden.“ Jetzt ist sein guter Arbeitsplatz als Teamleiter in einer Werkstatt in Gefahr. Und er kann die Unterhaltsleistungen für seine Tochter nicht mehr aufbringen.

Drei Prozesstermine und viele Zeugenaussagen brauchte es, um zu klären, was an jenem frühen Sonntagmorgen im September 2019 in einer Garage in Ahaus passierte. Fünf Polizeibeamte, die Eltern und die Noch-Ehefrau des Angeklagten wurden vernommen.

Randale vor der Wohnung der Noch-Ehefrau

Die unmittelbare Vorgeschichte war unstrittig: Der 30-Jährige war nach einer feuchtfröhlichen Betriebsfeier noch in eine Diskothek in Ahaus gegangen. Dort sah er seine von ihm getrennt lebende Ehefrau. „Da kam in mir alles noch mal hoch. Ich war wütend“, erzählte der Angeklagte vor Gericht. Die Folge: Der 30-Jährige randalierte im weiteren Verlauf der Nacht vor der Wohnung seiner Noch-Ehefrau und demolierte ihre Wohnungstür.

Zweimal rückte die Polizei an, beruhigte die Lage, ermahnte den Randalierer und sprach einen Platzverweis aus. Die Eltern des Angeklagten nahmen ihn in jener Nacht in ihrem Auto mit. „Wir hatten den Eindruck, dass er einsichtig ist“, sagte ein Polizeibeamter vor Gericht.

„Die Nachbarn waren schon stinksauer“

Doch der 30-Jährige kehrte erneut lautstark zur Wohnung seiner Noch-Ehefrau zurück. „Das ganze Mehrfamilienhaus war schon wach. Die Nachbarn waren stinksauer und haben sich über uns geärgert, weil wir ihn nicht gleich mitgenommen haben“, berichtete ein Polizeibeamter im Zeugenstand.

Bei diesem dritten Einsatz trafen die Beamten den Randalierer in der Garage an. „Er saß auf einem Reifenstapel. Mit dem Rücken zu uns.“ Und er reagierte nicht auf die Aufforderung der Beamten, seine Hände zu zeigen.

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„Das war für uns ein großes Fragezeichen“, erklärte 59-jährige Einsatzleiter vor Gericht. „Ich habe meinen Kollegen gesagt: „Seid vorsichtig. Er hält irgendetwas in der Hand, vielleicht einen gefährlichen Gegenstand.“ Der Mann war für die Polizeibeamten schließlich kein Unbekannter. Nur wenigen Wochen vor dem jüngsten Zwischenfall war er vom Amtsgericht in Ahaus wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt worden.

Angeklagter: „Ich wollte mich nur schützen“

Der Angeklagte erklärte am Montag vor Gericht: „Das habe ich damals auch zugegeben. Dieses Mal aber sind die Beamten mit Geschrei auf mich zugestürmt und haben mich zu Boden geworfen. Ich habe nicht geschlagen und nicht getreten. Ich habe nur versucht, meine gebrochenen Finger zu schützen.“

Die Noch-Ehefrau unterstützte diese Version des Angeklagten. Sie hatte das Geschehen vom Balkon ihrer Wohnung aus beobachtet. Sie räumte aber vor Gericht ein, dass sie den entscheidenden Moment der Auseinandersetzung nicht sehen konnte, weil die Polizeibeamten in der Garage die Sicht verdeckt hätten.

Serie von zehn Vorstrafen

Die Polizeibeamten indes schilderten den Hergang anders. Nachdem der Mann auf mehrfache Ansprache nicht reagiert habe, sei man auf ihn zugegangen. „Da ist er pfeilschnell aufgesprungen und hat um sich geschlagen und getreten. Da haben wir ihn zu Boden gebracht und gefesselt“, so einer der Beamten vor Gericht.

Schon als Jugendlicher war der Angeklagte durch Diebstähle, Beleidigungen und Körperverletzungen aufgefallen. Seine Bewährungshelferin erklärte vor Gericht, dass seine Straftaten immer in Zusammenhang mit Alkoholkonsum gestanden hätten. „Er trinkt zwar nicht regelmäßig, aber Alkoholmissbrauch war immer Thema bei seinen Straftaten.“

Verteidigerin fordert Freispruch

Die Verteidigerin plädierte auf Freispruch: „Was mein Mandant getan hat, das hat er stets eingeräumt. Es handelte sich in desem Fall nicht um Gegenwehr, sondern nur um den Schutz der verletzten Hand.“ Die Polizei sei aufgrund der Vorgeschichte möglicherweise auch massiver vorgegangen als sonst üblich. „Es wäre fatal, ihn jetzt zu inhaftieren, ein ganz falsches Zeichen. Er hat doch eine feste Arbeit, hält Kontakt zu seiner Tochter und zahlt für den Unterhalt.“

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft forderte zwölf Monate Haft. Sie sah nach der Beweisaufnahme und den „glaubhaften Aussagen der Polizeibeamten“ die versuchte Körperverletzung als erwiesen an. Dabei spiele es keine Rolle, dass von den Schlägen niemand tatsächlich getroffen worden sei.

So sah es am Ende auch der Richter, der eine zehnmonatige Haftstrafe verhängte. Eine Bewährung sei angesichts der zehn Vorstrafen nicht mehr angemessen: „Sie haben hier schon im letzten Jahr beteuert, dass so etwas nicht mehr vorkommen werde. Nur acht Wochen später sind Sie wieder straffällig geworden.“ Die Haftstrafe könnte daher auch noch länger als zehn Monate andauern, weil der 30-Jährige gegen die Bewährungsauflagen des Urteils aus dem vergangenen Jahr verstoßen hat.

Polizei sichert seit einigen Monaten Beweise mit Körperkameras

  • Die Beweissicherung bei Attacken gegen Polizeibeamte wird künftig einfacher sein, erklärte einer der als Zeugen vernommenen Polizeibeamten am Rande des Prozesses in Ahaus und zeigt seine Bodycam.
  • Die Bodycam, oder auch Körperkamera, ist eine sichtbar getragene Videokamera. Sie dient zur Prävention, um Gewalttaten gegen Einsatzkräfte der Polizei zu verhindern.
  • Polizisten könnten auf Knopfdruck brenzlige Situationen aufzeichnen. Wenn die Kamera filmt, leuchtet ein rotes Licht auf, sodass potenzielle Täter wissen, dass alles, was geschieht, nun festgehalten wird.
  • Die Kreispolizei Borken hat die ersten Geräte im Oktober 2019 eingeführt und erstmals auf der Bocholter Herbstkirmes eingesetzt.
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