Aidshilfe in Ahaus: „Im Münsterland ist HIV immer noch als Schmuddelkrankheit verpönt“

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Manuela Brandt arbeitet für die Aidshilfe Westmünsterland in Ahaus. Im Interview sprach sie unter anderem über Wissenslücken bei Jugendlichen und erklärt, warum das Internet ihr Feind ist.

Ahaus

, 21.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diplom Sozialarbeiterin Manuela Brandt arbeitet seit zehn Jahren für die Aidshilfe Westmünsterland in Ahaus. Obwohl bereits Projekte und Kampagnen gelaufen sind, sieht sie ihre Arbeit noch lange nicht abgeschlossen.

Trotz großer Aufklärungsarbeit wirkt es so, als sei das Thema HIV im Münsterland noch nicht richtig angekommen. Täuscht der Eindruck?

Lassen Sie es mich mal so sagen: Das Thema wird hier ganz gut ignoriert. Oftmals wird so getan, als betreffe es nur die Großstädte. Das ist allerdings mitnichten so. Allein in diesem Jahr hatten wir kreisweit 148 Beratungen. Die Menschen wiegen sich leider häufig in Sicherheit.

Inwiefern?

Durch verschiedene Kampagnen wissen die Menschen, dass HIV sehr gut therapierbar ist. Das finde ich zunächst einmal klasse. Dabei verkennen viele allerdings, dass dafür eine rechtzeitige Diagnose erforderlich ist. Besonders bei Frauen sind die Zahlen allerdings alarmierend. Bei 80 Prozent wird HIV erst dann diagnostiziert, wenn die Zahl der Helferzellen bei unter 350 pro Milliliter Blut liegt. Das ist viel zu spät.

Woran liegt das?

Das große Problem: Ärzte haben die Krankheit häufig nicht auf dem Schirm. Wenn die Frauen nicht dem gängigen Klischee entsprechen, wird nicht auf HIV getestet. Es scheint weiterhin schwer vorstellbar – überspitzt gesagt -, dass die Frau im blauen Faltenrock mit drei Kindern und Ehemann HIV positiv ist: „Nein, Herr und Frau Ottonormalverbraucher haben das nicht.“ Aber es sind nicht nur Drogenabhängige, Homosexuelle und Sexarbeiter, die erkranken.

Was erwarten Sie von den Ärzten?

Dass sie das Thema häufiger ansprechen. Wenn ein Patient über eine längere Pilzinfektion oder über Gürtelrose klagt, sollten die Ärzte einen HIV-Test anbieten. Ich erwarte, dass sie ihren Teil dazu beitragen, dass HIV im Münsterland nicht mehr als Schmuddelkrankheit verpönt wird.

Gibt es dieses Bild tatsächlich noch?

Ja, das merken wir bei den Betroffenen. Viele stehen nicht dazu, HIV positiv zu sein, weil die Ängste horrend groß sind. Sie haben Angst, stigmatisiert zu werden. Gerade bei unseren nichtdeutschen Mitbürgern kann HIV dafür sorgen, dass sie in ihrer Community nach einer positiven Diagnose komplett ausgeschlossen werden. Deshalb wandern viele in Großstädte ab.

Liegt es daran, dass HIV weiterhin vor allem mit Homosexualität in Verbindung gebracht wird?

Ja, das trägt sicher dazu bei. Dabei sprechen die neusten Zahlen des Robert-Koch-Instituts eine andere Sprache. Danach steigt die Anzahl der Infektionen bei heterosexuellen Menschen.

Es klingt so, als sei die Arbeit der Aidshilfe Westmünsterland mehr denn je gefragt?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist einiges besser geworden. Aber für uns gibt es weiterhin sehr viel zu tun. Heute denken die Leute sie wissen alles. Das Internet ist unser größter Feind. Wir müssen das Halbwissen – vor allem der jüngeren Generation – wieder geradebiegen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Wissen den Jugendlichen fehlt.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich glaube, es hat sich immer noch nicht rumgesprochen, dass es allgemein drei Präventionsmaßnahmen gibt. Das Kondom, die orale HIV-Präexpositionsprophylaxe, bei der nichtinfizierte Personen zum eigenen Schutz eine Tablette einnehmen, und die Therapie, bei der die Viruslast unter die Nachweisgrenze fällt und man bei entsprechender Dauer der Behandlung nicht mehr infektiös ist. Das halte ich für verheerend.

Was unternehmen Sie konkret, um solche Wissenslücken zu füllen?

Wir arbeiten sehr eng mit Schulen zusammen. Es ist wichtig, sich schon in der Jugend mit den Themen HIV und Aids zu beschäftigen. Obwohl wir mit den Schulen in Ahaus und Umgebung sehr positive Erfahrungen gemacht haben, macht uns hier der zunehmende Zeitdruck zu schaffen. Mit einer Doppelstunde ist es nicht getan. Umso mehr freut es uns, dass wir beispielsweise Anfang Oktober mit dem Driland Kolleg Gronau/Ahaus in den Dortmunder Zoo fahren und dort eine Führung zum Thema „Homosexualität im Tierreich“ erhalten. Im Anschluss fahren wir noch ins Deutsche Fußballmuseum. So kann man das Thema ganz entspannt angehen.

Prävention ist die eine Sache, doch viele Menschen wenden sich erst an Sie, wenn sie infiziert wurden oder zumindest den Verdacht haben. Wie helfen Sie in solchen Fällen?

Wenn sie HIV positiv sind, stehen wir nicht nur als Berater zur Verfügung, sondern stellen in vielen Fällen auch die medizinische Versorgung sicher – gerade bei Menschen nichtdeutscher Herkunft. Bei ihnen ist häufig die Krankenversicherung noch gar nicht geklärt. Schwangere Frauen müssen monatlich bei der Gynäkologin vorstellig werden. Da wir kein Geld nehmen, ist es für uns mit immensen Kosten verbunden. Das Schöne: In den vergangenen Jahren wurden sechs Kinder von Frauen geboren, die HIV positiv sind. Keines der Kinder ist mit dem Virus infiziert.

Und wenn noch keine Diagnose gestellt wurde?

Wenn nur der Verdacht besteht, bieten wir den kostenlosen HIV-Selbsttest an. Wir lassen die Menschen damit natürlich nicht allein, sondern begleiten sie. Auf Wunsch sind wir auch dabei, wenn sie sich selbst testen.

Das alles kostet Geld. Wie finanziert sich die Aidshilfe Westmünsterland?

Der Ausflug mit dem Driland Kolleg wird beispielsweise von den Stadtwerken Ahaus und dem Förderverein der Schule unterstützt. Auch der Lions Club fördert viele unserer Projekte. Ansonsten können wir sehr froh sein, dass die Mittel des Kreises Borken in den vergangenen Jahren erhöht wurden. Sonst würden wir nicht mehr existieren.

Warum?

Wir haben einen großen Spendenrückgang zu verzeichnen. Wir mussten in den vergangenen fünf Jahren immer wieder auf unsere Rücklagen zurückgreifen. Dadurch werden diese natürlich kleiner und verschwinden irgendwann ganz. Aber ich bin trotzdem optimistisch. Bisher ist es uns immer gelungen, uns über Wasser zu halten. Fakt ist aber auch: Wenn die Spenden ausbleiben, wird es uns irgendwann nicht mehr geben.

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