Nach dem Freitagsgebet in der Ahauser Moschee sprachen Abdullah Tetik (l.) und Ali Sönmez über ihr Leben im Münsterland. © Christiane Hildebrand-Stubbe
Neue Heimat gefunden

Als Gastarbeiter gekommen und Ahauser und Heeker geworden

Abdullah Tetik (76) und Ali Sönmez (70) leben mehr als ihr halbes Leben in Deutschland. In Ahaus und Heek haben sie echte Wurzeln geschlagen. Die Türkei bleibt dennoch ihr Mutterland.

Sie gehören noch zur ersten Generation der Gastarbeiter, die seit 1961, also vor 60 Jahren, durch das sogenannte „Anwerbeabkommen mit der Türkei“ ihren Arbeitsplatz in Deutschland finden. Abdullah Tetik ist 27, als er am 13. August 1972 in Ahaus ankommt. In Burdur lässt er Frau und Tochter zurück. Alle hoffen auf eine bessere Zukunft. Und sind völlig ahnungslos.

„Ich wusste gar nicht, was mich erwartet“, sagt Abdullah Tetik. Klar ist nur, dass es in der türkischen, gerade von einem Erdbeben heimgesuchten Heimatstadt kaum Hoffnung auf Arbeit gibt. Ganz anders die Situation im Wirtschaftswunder-Deutschland. Von der berichten Landsleute bei ihren Heimaufenthalten, und Abdullah Tetik lässt sich auf das Abenteuer Gastarbeiter in Deutschland ein.

Familie kommt ein Jahr später

Der ausgebildete Feuerwehrmann findet einen Job bei der Ahauser Eisengießerei als Arbeiter, wohnt im Arbeiterheim in Ammeln. Einer von vielen aus verschiedenen Nationen. Als der Vertrag in Ahaus nach einem Jahr ausläuft und er bei Silkock in Heek eine neue Stelle findet, siedelt er dorthin um und holt seine Frau und Tochter zu sich. Die Familie wächst, drei weitere Kinder werden geboren.

Inzwischen sind auch fünf Enkelkinder dazugekommen. „In Heek hatte ich deutsche Arbeitskollegen und deutsche Nachbarn“, erzählt Abdullah Tetik. Zwischenzeitlich sei er der einzige Türke im Ort gewesen. Als Exot habe er sich dennoch nicht gefühlt: „Die Leute waren alle sehr, sehr nett zu uns.“ Das hat sich auch nicht geändert, als er beim Bauhof der Gemeinde arbeitete.

Mit der deutschen Sprache aber tut er sich schwer. Bis heute. Genau wie sein Landsmann Ali Sönmez. Warum? Da sind sich beide einig: „Zuerst haben wir gedacht, dass wir nur kurz bleiben, dann haben wir immer nur schwer gearbeitet, die Freizeit mit der Familie verbracht und da natürlich Türkisch gesprochen.“

Eine verpasste Chance, finden die beiden mittlerweile. Bei dem aktuellen Gespräch in der Moschee in Ahaus hilft Enver Gürbüz von der Türkisch Islamischen Kulturgemeinde als Übersetzer, wenn es mal hakt.

Die Ehefrau kam zuerst nach Ahaus

Ali Sönmez‘ Biografie ist ähnlich wie die von Abdullah Tetik. Nur, dass zuerst seine Frau bei den Textilwerken Solati Arbeit findet und den Ehemann später nachholt und er ebenfalls bei den Textilwerken Arbeit findet. An das Datum erinnert er sich genau: „Es war der 28.8.1973, ich kam freitags an und fing montags an zu arbeiten.“ Bei der Zugfahrt von München nach Ahaus half ihm eine junge Frau mit Kind: „Die hat aufgepasst, dass ich am richtigen Bahnhof aussteige.“ Sein erster Lohn: Rund 500 DM, so ganz genau weiß er es nicht mehr.

Abdullah Tetik meint, dass es bei ihm 900 DM waren. Mit dem Geld wird sparsam umgegangen, ein Teil in den Anfangsjahren noch nach Hause geschickt. Zuhause im Münsterland sorgt man für die Familie und beide Männer werden im Laufe der Jahre auch Eigenheim-Besitzer. In der Textilfabrik ist es Multikulti, bevor es das Wort überhaupt gab. Ali Sönmez: „Wir waren 50 Leute, darunter nur zwei Deutsche.“ Fremdenfeindlichkeit oder gar Rassismus sei ihnen in all den Jahren nicht begegnet. Allerdings, auch das haben sie festgestellt: „Die junge Generation ist irgendwie kühler.“

Die Türkei ist ein wenig fremd geworden

Die Türkei ist für die beiden Männer mittlerweile vor allem ein Urlaubsland geworden. Ali Sönmez war gerade wieder zwei Monate in der (alten) Heimat und hat festgestellt: „Die Türkei ist uns irgendwie fremd, viele der Älteren sind gestorben, viele der jetzigen Bewohner kennen wir gar nicht.“ Aber: „Wenn ich hier bin, vermisse ich die Türkei.“ Vor allem das Klima.

Abdullah Tetik fährt ohnehin nur drei Wochen in die Türkei. Das reiche ihm völlig. Wie er hat auch Ali Sönmez eine große Familie in Ahaus, vier Kinder und neun Enkelkinder. Das heißt für beide: „Unsere Heimat ist hier, wo die Familie ist, man seinen Lebensunterhalt verdient hat.“ Mittlerweile sind es vier Generationen türkische Bürger.

Und dennoch will Ali Sönmez in der Türkei beerdigt werden: „Dort, wo ich geboren bin.“ Abdullah Tetik ist es egal: „Dann bin ich ja tot und es interessiert mich nicht.“

Über die Autorin