Angeklagter gibt den Opfern eine Mitschuld

Missbrauchsprozess

Der wegen sexuellen Missbrauchs dreier Mädchen angeklagte Ahauser ist laut einem psychologischen Gutachten voll schuldfähig. Es gebe jedoch Hinweise auf eine schwere Persönlichkeitsproblematik, wie die zuständige Fachärztin am zweiten Verhandlungstag am Landgericht Münster berichtete.

AHAUS/MÜNSTER

08.01.2016, 17:00 Uhr / Lesedauer: 1 min

Dem Gutachten zufolge liegt weder eine psychologische Erkrankung im engeren Sinne noch eine schwere Bewusstseinsstörung vor. Folglich sei der wegen sexuellen Missbrauchs in mehr als 1000 Fällen angeklagte Ahauser voll schuldfähig, wie die Sachverständige am Freitag vor Gericht erklärte.

Bei dem 62-Jährigen bestehe zudem "pädophile Handlungsbereitschaft", jedoch keine Kernpädophilie. Diese liegt dann vor, wenn Kinder eindeutig der präferierte Sexualpartner sind.

Verzerrungen

Der gebürtige Gronauer habe sich erst nach dem Ende einer langjährigen Beziehung aus Mangel an erwachsenen Sexualpartnern den acht- bis vierzehnjährigen Mädchen zugewandt und dabei das Vertrauen der Familien ausgenutzt, so die Psychiaterin. Im Gespräch habe er außerdem "kognitive Verzerrungen" offenbart, indem er seine Taten bagatellisierte und den Mädchen eine Mitschuld gab.

So habe er ihnen laut eigener Aussage nur Gutes tun und ihre sexuellen Bedürfnisse erfüllen wollen. Eine Restrukturierung dieses verzerrten Denkens im Rahmen einer Therapie sei unabdingbar, betonte die Ärztin.

Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftstrafe lägen aus medizinischer Sicht nicht vor. Laut Gutachten sei es unwahrscheinlich, dass der Angeklagte sich nach seiner Entlassung neue, fremde Opfer sucht.

Das Risiko, dass er wie in den angeklagten Fällen innerfamiliäre Taten begehen könnte, sei hingegen hoch, durch Therapien und Bewährungsauflagen aber beeinflussbar.

Zu Beginn der Verhandlung war der mit dem Fall beauftragte Polizeibeamte angehört worden. Er berichtete von "schwer traumatisierten Mädchen", deren Vernehmung teilweise nicht mehr möglich gewesen sei. Auch ihm gegenüber habe der Angeklagte den Mädchen eine Teilschuld gegeben.

Taten eingeräumt

Bei seiner Festnahme vor einem halben Jahr hatte der Ahauser die Taten zunächst abgestritten, bei der richterlichen Anhörung am Amtsgericht dann aber ein Teilgeständnis abgelegt. Zum Auftakt der Hauptverhandlung am Dienstag hatte er die Taten weitgehend eingeräumt. Den Opfern blieb dadurch eine Anhörung erspart.

  • Die Verhandlung wird am 28. Januar fortgesetzt.
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