Am zweiten Verhandlungstag des erweiterten Schöffengerichts in der Stadthalle Ahaus fallen etliche Anklagen in sich zusammen. Nur einer der sieben Angeklagten wird wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Richter und Verteidiger sprechen davon, dass die Anklageschrift übertrieben war. © Stephan Rape
Gemeinschaftliche Körperverletzung

Anklage übertrieben? Gericht spricht sechs von sieben Angeklagten frei

Schneller als gedacht ist der Prozess gegen sieben Angeklagte in Ahaus beendet. Die Anklageschrift war wohl größer als nötig. Das sagt selbst der Richter. Dennoch fällt er ein klares Urteil.

Von den schweren Anklagen – im Raum stand immerhin Clankriminalität – gegen insgesamt sieben Beschuldigte bleibt am Dienstag vor dem erweiterten Schöffengericht in der Stadthalle Ahaus nicht viel übrig: Sechs Mal lautet das Urteil auf Freispruch. Lediglich einem 25-jährigen Angeklagten kann das Gericht eine Beteiligung an der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung im Oktober 2018 in Vreden nachweisen.

Selbst der Richter räumt am Ende ein, dass die Anklageschrift einige Übertreibungen enthalte. So hatte die Staatsanwältin am ersten Verhandlungstag noch von einer „kriegerischen Handlung“ gesprochen. Das lassen am Dienstag weder Verteidigung noch Richter so stehen: Zwar handele es sich bei der Tat nicht um eine einfache Diskoschlägerei, allerdings könne auch von Clankriminalität keine Rede sein.

Mit großem Aufwand wurde das Verfahren gegen insgesamt sieben Angeklagte vor dem erweiterten Schöffengericht Ahaus geführt. Am zweiten Verhandlungstag ergingen sieben Freisprüche und eine Verurteilung.
Mit großem Aufwand wurde das Verfahren gegen insgesamt sieben Angeklagte vor dem erweiterten Schöffengericht Ahaus geführt. Am zweiten Verhandlungstag ergingen sieben Freisprüche und eine Verurteilung. © Stephan Rape © Stephan Rape

Aber: „Es geht definitiv um eine größere Gruppe, die mitten am Tag bewusst zu Selbstjustiz gegriffen hat“, betont der Richter. Ein Verhalten, das Staat und Justiz nicht dulden würden. Warum allerdings ein Verfahren mit diesem Ausmaß durchgezogen werden musste, erschließe sich auch ihm nicht.

25-jähriger Ahauser wird schließlich verurteilt

Verurteilt wird der 25-jährige Ahauser schließlich, weil er sein Opfer, einen heute 25-jährigen Mann aus Vreden, über einen weiteren Vredener damals zur Wüllener Straße bestellt. Dann macht er sich in einer größeren Gruppe – die Angaben schwanken zwischen 8 und 15 Personen – dorthin auf und überfällt den Mann. Mehrere Männer schlagen auf das Opfer ein. Ob der 25-jährige Ahauser selbst zuschlägt oder nur dabei steht, bleibt vor Gericht im Unklaren. Diese Aufklärung sei aber auch nicht erforderlich, betont der Richter.

Für den Ahauser stehen am Ende zwei Jahre und sechs Monate Haft. Dabei handelt es sich allerdings um eine Gesamtstrafe: Kurz nach der Tat in Vreden war er wegen Beihilfe zu schwerer räuberischer Erpressung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Danach hatte er sich zwar straffrei verhalten, dennoch floss diese Strafe in das Urteil von Dienstag mit ein.

Zeuge kann sich im zweiten Anlauf besser erinnern

Der 24-jährige Zeuge, der sich noch am ersten Verhandlungstag in Widersprüche verstrickt hatte, erscheint am zweiten Tag in Begleitung seines Anwalts und erinnerte sich genauer: Obwohl er das am ersten Tag ganz anders dargestellt habe, kenne er den 25-jährigen angeklagten Ahauser. Der habe ihn im Oktober 2018 darum gebeten, ein Treffen mit dem späteren Opfer zu vereinbaren. „Die hatten wohl Stress und er [der Anklagte, Anm. d. Redaktion] wollte das klären“, sagt der Zeuge am Dienstag.

Am Treffpunkt seien dann mehrere Fahrzeuge eingetroffen, aus denen etwa acht Personen ausgestiegen seien. „Die haben dann aber nicht geredet, sondern direkt zugeschlagen“, sagt der Zeuge, der immer wieder in Richtung der sieben Angeklagten blickt. Er könne aber nicht sagen, wer geschlagen habe.

Weitere Körperverletzung löst sich in Luft auf

Erst einmal ging es am Dienstag aber nicht um die Schlägerei in Vreden, sondern um eine weitere Tat, die einem der Angeklagten zur Last gelegt wurde. Vor einer damaligen Shishabar in der Tembrinkstraße in Ahaus soll es zum Streit gekommen sein. Der 47-jährige Angeklagte habe versucht, den Bruder des Betreibers zu treten. Dabei brach er sich jedoch selbst das Fußgelenk und kam ins Krankenhaus.

Vor Gericht mochten am Dienstag weder der heute 31-jährige damalige Betreiber der Shishabar noch seine beiden 23 und 29 Jahre alten Brüder nähere Angaben zum Tattag machen. Sie alle konnten sich nicht genau erinnern. Auch habe keiner von ihnen direkt dabei gestanden oder die ganze Szenerie nur von drinnen beobachtet. Für eine Verurteilung reichte das Richter und Schöffen nicht aus.

Das Plädoyer der Staatsanwältin fiel dementsprechend dünn aus: Fünf der Angeklagten sei überhaupt nicht nachzuweisen, dass sie mit den Taten in Verbindung stünden. Beim später verurteilten 25-Jährigen hingegen sei sie überzeugt, dass er dabei gewesen sei. Auch wenn er selbst nicht zugeschlagen habe, so habe er den Angriff veranlasst. Für ihn forderte sie die zweieinhalb Jahre Gesamtstrafe. In ihren Augen sei auch der 51-jährige Vater des Angeklagten überführt. Dem folgten Richter und Schöffen jedoch nicht.

Verteidiger reagieren wütend über das Ausmaß des Verfahrens

Aber noch einmal zurück zum Ausmaß des gesamten Verfahrens: Wegen dessen Umfang hatte das erweiterte Schöffengericht schließlich in die Stadthalle ausweichen müssen. Ein bisher einmaliger Vorgang in Ahaus.

Mehrere Verteidiger kritisierten das Verfahren insgesamt: Die Anklageschrift sei bewusst groß gemacht worden. Hätten die Angeklagten Müller oder Meier geheißen, hätte ein Angeklagter allein vor dem Amtsgericht gesessen.

Der Verteidiger des 47-jährigen Angeklagten teilt in seinem Plädoyer sogar noch deutlicher aus: „Wir sitzen hier wegen Clankriminalität. Das hat die Staatsanwaltschaft bewusst hoch gehängt“, erklärt er. „Ich finde das richtig zum Kotzen“, poltert er weiter. Für Berufskriminelle möge ein Verfahren wie in Ahaus ja reiner Kindergarten sein. „Für normal arbeitende Menschen ist das etwas anderes“, fügt er hinzu. Das Strafverfahren, das sich – auch wegen der Pandemie – über drei Jahre hingezogen habe, sei für alle Angeklagten extrem belastend gewesen.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape