Anna Miedecke fährt alten Franzosen

Ahauser Weinhändlerin

Es gibt Autos, deren Fahrer muss man einfach grüßen. Gute-Laune-Autos mit Kult-Charakter und einem enormen Wiedererkennungswert. Der Citroën HY ist so ein Auto – trotz seiner Falten im Blechkleid. Anna Miedecke ist stolze Besitzerin des 43 Jahre alten Franzosen. Die 26-jährige Ahauserin dürfte in nächster Zeit also ziemlich oft gegrüßt werden.

AHAUS

, 30.05.2017 / Lesedauer: 3 min

Die Juniorchefin der Weinhandlung Miedecke nutzt den rollenden Sympathieträger, auch als „Schweinsnase“ bekannt, für ihr Geschäft. Ziel ist es, näher am Endverbraucher zu sein. „Jeder kennt den Namen Miedecke, aber nur wenige wissen, wo wir zu finden sind.“

„Hingucker“

Von der Kampstraße hinaus in die Welt, das ginge auch mit einem modernen Transporter. Doch Anna Miedecke wollte lieber einen Oldtimer, einen „Hingucker“. Ein Opel Blitz wäre noch in Frage gekommen, ein Daimler schon nicht mehr. „Die sind zu schwer. Wenn man die von innen ausbaut, braucht man zum Fahren einen LKW-Führerschein.“ Ende 2016 sah sich Anna Miedecke im Internet um – und blieb bei der Variante „Citroën HY“ hängen. „Das sieht man dem Wellblechbomber gar nicht an, aber er kann sein Leergewicht noch mal als Zuladung tragen“, erklärt die 26-Jährige. Das war ein ganz wichtiger Faktor für die Weinhändlerin. So liegt das zulässige Gesamtgewicht des Citroën HY bei 2975 Kilogramm, das Leergewicht beträgt demnach knapp 1,5 Tonnen. Wo wir gerade bei Zahlen sind, hier noch einige: Der Wagen ist Baujahr 1974, die Dieselmaschine leistet mit 1900 Kubikzentimetern 58 PS und auf dem Tacho stehen 68 816 Kilometer. „Es können aber auch mehr sein“, sagt Seniorchef Wolfgang Miedecke. „Bei den alten Tachos mit fünf Stellen blickt ja keiner durch.“ Der 62-Jährige hält sich ansonsten im Hintergrund, wenn es um das Auto geht. Anna Miedecke: „Mein Vater hat zuerst skeptisch geguckt. Aber als ich ihm erläuterte, was ich vorhabe, war er voll dabei.“ Der Senior nickt: „Das Auto ist ihr Ding.“ Und das meint er absolut positiv.

Fahrzeug in England

So fasste also Anna Miedecke  nach längerer Suche ein in England angebotenes Fahrzeug ins Auge. „Es hat seine Zeit gebraucht, einen HY in relativ gutem Zustand zu finden. Die Wagen bekommen langsam Kult-Status und die Preise ziehen an.“ Anfang des Jahres ging der Transport des Autos nach Deutschland über die Bühne. Ein Fachmann in Epe baute den Wagen ab Februar um. Das dauerte länger als geplant. „Ursprünglich waren fünf Wochen vorgesehen. Jetzt, Ende Mai, ist am Wagen immer noch was zu tun.“ Darum kümmert sich Anna Miedecke nun selbst. So spartanisch der Franzose von außen daherkommt – von innen werden Genussmenschen mit der Zunge schnalzen. Das liegt weniger an den eingebauten Kühlfächern, der Spülmaschine und dem Handwaschbecken, sondern an der vorgesehenen Zuladung. Zwischen 300 und 400 Flaschen Wein kann Anna Miedecke in den Laderaum packen. Zwei Personen haben zwischen Theke und Regal immer noch reichlich Platz.

Große Klappe

Dafür knubbelt sich der Motorblock unter dem Fußraum. „Viel Mechanik, wenig Elektronik“, sagt Anna Miedecke und öffnet eine große Klappe zwischen Fahrer und Beifahrersitz. Sichtbar wird das Getriebe mitsamt Gestänge. Künftig steht der befüllte Wagen nicht nur auf dem Ahauser Wochenmarkt, sondern auch bei Firmenfesten, Jubiläen oder anderen Veranstaltungen. So plant es die Juniorchefin. Bis dahin hofft Anna Miedecke noch auf die Zuteilung eines „H“-Kennzeichens für den Oldtimer und auf neue Papiere. Denn die fehlen dem Citroën. Dafür hat der Wagen schon einen Namen: „Gerti“. Benannt nach Anna Miedeckes Großmutter.

 

  • Der Citroën Typ H – abhängig von der Zuladung unter anderem auch als HY bezeichnet, war einer der am weitesten verbreiteten Kleintransporter in Frankreich (rund 500 000 Exemplare). Er wurde 33 Jahre lang gebaut, von Juni 1948 bis Dezember 1981.
  • Große Verbreitung fand das Fahrzeug im öffentlichen Dienst, beispielsweise für die Polizei sowie als Krankenwagen.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt