Corona-Alltag für Behinderte in Ahaus – wenn Masken Angst machen

Corona-Krise

Das Corona-Virus hat das Leben der Menschen massiv verändert. Besonders schwer trifft das Bewohner und Beschäftigte in Behinderten-Einrichtungen. Einige Beispiele aus Ahaus.

Ahaus

, 13.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kreativität statt Monotonie: Bewohner haben Zaunelemente und Vogelhäuschen angemalt. Eine von vielen Aktionen.

Kreativität statt Monotonie: Bewohner haben Zaunelemente und Vogelhäuschen angemalt. Eine von vielen Aktionen. © privat

Für die drei Häuser der Caritas, in denen in Ahaus Menschen mit Handicap leben, ist Lisa Bußmann Hilfeplanerin. Sie weiß, wie sehr sich Arbeit und Leben dort durch das Virus verändert hat. Sie weiß um die enormen Anforderungen an die Kollegen, um ihre Belastungen und vor allem um die Ängste der Bewohner.

Wie sollen diese verstehen, dass ihre Bezugspersonen plötzlich mit Atemmasken auftauchen? Wie kann man geltende Hygieneregeln, wie Besuchsverbote und Kontakteinschränkungen, selbst zu den anderen Wohngruppen, erklären? Schließlich sind die 70 Menschen in den Ahauser Caritas-Häusern ganz unterschiedlich eingeschränkt - körperlich und/oder geistig. Die jüngste Bewohnerin ist 31 Jahre, die älteste 76 Jahre alt.

Mehr Unterstützung, mehr Erklärungen

„Das bedeutet aktuell sehr viel Unterstützung, sehr viel Erklärung, es muss an allen sozialen Ecken gearbeitet werden“, sagt Lisa Bußmann und nennt ein bewährtes Instrument, um die Bewohner auch in Extremsituationen „abzuholen“: „Es ist das Konzept der leichten Sprache.“ Einfachere, kürzere Sätze und vor allem Bilder, die zum Beispiel die Sache mit dem richtigen Händewaschen erklären.

Aber auch hier seien die Reaktionen, wie in allen anderen Teilen der Gesellschaft eben auch, ganz individuell. Das „ich kann meine Mama nicht mehr sehen“ werde völlig unterschiedlich aufgenommen: „Der eine reagiert sauer, der andere nimmt es eher gelassen.“ Hilfreich sei da die Video-Telefonie, wenn der Kontakt zur Familie wenigstens virtuell funktioniere.

Außerdem sei es ein großes Glück, dass die großzügigen Gartenanlagen den Bewohnern ausreichend Bewegung ermöglichten. Für Sport sei ebenfalls gesorgt. Lisa Bußmann: „Und im Zweifelsfall geht es mehrfach am Tag die Treppen rauf und runter.“ Kreativität sei zurzeit verstärkt gefragt, als Mittel gegen mögliche Monotonie. Lisa Bußmann erzählt von Malaktionen, dem Bau von Vogelhäuschen, Spielen oder auch gemeinsamen Backen für Ostern. Und: „Steckperlen sind im Moment wieder sehr gefragt.

Bewohner reagieren ganz unterschiedlich

Die Hilfeplanerin steht im ständigen Austausch mit den Kollegen und hat sich umgehört, wie sie die Bewohner und ihre eigne Arbeit in der Krise erleben. Einige Stimmen aus den verschiedenen Gruppen im Dr. Jürgen Westphal- und dem Bischof-Tenhumberg-Haus, die sie zusammengetragen hat: „Einige genießen die Zeit, werden ruhiger – andere sind angespannt, fordern mehr Begleitung und Anleitung ein.“

  • „Erst wurde es genossen, mittlerweile kommen nach und nach kritische Stimmen. Den Bewohnern wird bewusst, dass sie nicht mehr so frei entscheiden können und die sozialen Kontakte und Hobbys fehlen – keine Angebote des Familienunterstützenden Dienstes, kein Schwimmen, kein Stadtbummel.“
  • „Die Tagesstruktur ändert sich durch viele neue Auflagen und beeinflussen auch das Leben im Wohnheim!“
  • „Ich erlebe die Bewohner relativ entspannt, teils genießen sie die freie Zeit. Wir machen mit den Bewohnern viele kreative, große und kleine Aktivitäten, um den Tag bunt zu gestalten.“

Angst vor der Ungewissheit

Und wie hat sich der Arbeits-Alltag der Mitarbeiter verändert, was macht ihnen Sorgen oder sogar Ängste? „Uns fordert die neue Situation, weil Dienstzeiten angepasst werden mussten und wir dadurch Veränderungen erleben“, sagen Mitarbeiter. Oder: „Es haben viele Angst, dass es im Wohnheim ausbricht, viele Kollegen ausfallen, oder sich die Situation noch mehr zuspitzt und die Bewohner durch die besondere Situation stärkere Anspannungen erleben.“

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Drei Caritas-Häuser

Drei Wohnheime für Behinderte unterhält der Caritasverbands Ahaus-Vreden in Ahaus: Ludwig-Bringemeier-, Dr. Jürgen Westphal- und Bischof-Tenhumberg-Haus.
  • Hier leben rund 70 Menschen mit Behinderungen.
  • Untergebracht sind sie in festen Gruppen zu jeweils acht Bewohnern.
  • Um sie kümmern sich feste Mitarbeiter-Teams;
  • Insgesamt sind hier 75 Personen beschäftigt (Gruppenmitarbeiter , Sekretariat, Raumpflege und Hausmeister).
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