"Den Tag überleben"

Holocaust-Gedenktag

Die Erzählungen der Schüler über ihr Wochenende verstummen schlagartig, als Margot Friedlander ihre Stimme im Fürstensaal des Schlosses erhebt. Die Holocaust-Überlebende liest aus ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen“, in dem sie über ihre Flucht vor den Nazis und ihre Deportation nach Theresienstadt berichtet.

AHAUS

, 27.01.2014, 17:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
"Den Tag überleben"

Margot Friedlander zeigt den Schülern des Lise-Meitner-Berufskollegs den sechszackigen Judenstern.

Das einzige, was sie ihrer Tochter bei Freunden hinterließ, war die Botschaft: „Versuche, dein Leben zu machen“, zusammen mit einer Handtasche mit einem kleinen Adressbuch und einer Bernsteinkette – beides zeigte die Autorin den Schülern. „Was ist aus ihr geworden, warum hat sie mich verlassen? Ich war doch auch ihr Kind“, wirft Margot Friedlander fragend in die große Runde der Schüler. Später erfuhr sie, dass ihre Mutter und ihr Bruder im Konzentrationslager Auschwitz umgekommen waren. Sie selber wurde 1944 im Auftrag der SS verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. „Theresienstadt war ein Zwischenreich – nicht Leben, nicht Tod. Jeder wurde zu einem Einzelkämpfer. Es galt, den Tag zu überleben“, schildert sie. Stille im Fürstensaal, nur das Summen des Lautsprechers ist zu hören. „Das war schon sehr beeindruckend, meine Großeltern konnten mir leider über diese schreckliche Zeit nichts mehr erzählen“, sagt Schülerin Lisa Rehbein, die mit der Schülerversammlung und einigen Lehren die Lesung mitorganisiert hat. „Es ist unbegreiflich, was sie alles miterleben musste“, fügt Melanie Limberg aus der FOS 12 hinzu.

Nur kurz erhellt sich die Miene der Schüler während der anschließenden Fragerunde – das Handy von Margot Friedlander klingelt in ihrer Handtasche. „Ich habe dieses neumodische Gerät noch nicht so lange“, entschuldigt sie sich. Sie ist mit ihren 92 Jahren eine sehr rüstige Frau, klar in ihrer Sprache, führt ihren Haushalt noch selbst und plant eigenständig ihre zwei, bis drei Lesungen in der Woche. „Ich wünsche mir, dass ich einige von euch erreicht habe“, gibt sie den Schülern am Ende ihres Vortrages mit auf den Weg. „Das haben Sie“, antwortet ein Schüler, „Sie haben uns alle erreicht“, fügt ein anderer hinzu und erntet Beifall.

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