Die Ahauser Canisiusschule: Ein ungewöhnlicher Lieblingsort

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Im Rahmen des 150-jährigen Bestehens von Lensing Media stellen die Mitarbeiter der Münsterland Zeitung ihren persönlichen Lieblingsort vor. Heute: die Canisiusschule in Ahaus.

Ahaus

, 12.11.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn man den 14-jährigen Johannes Schmittmann aufgefordert hätte, eine Liste seiner 20 Lieblingsorte in Ahaus zu erstellen, hätte an der Spitze wohl der Bolzplatz im Windhuk gestanden.

Vielleicht aber auch das Karl-Leisner-Haus, wo jede Woche unsere Messdiener-Gruppenstunde stattfand. Eines steht aber fest: Die Canisiusschule hätte man hier lange suchen können. 15 Jahre später ist das anders. Wenn ich heute meinen ehemaligen Schulhof betrete, was beruflich bedingt relativ oft vorkommt, packt mich jedes Mal eine seltsame Nostalgie.

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Seltsam deshalb, weil ich lange Zeit nicht zu denjenigen gehörte, die gerne zur Schule gegangen sind. Man sagt oft: Was hatten wir damals für eine sorgenfreie Zeit. Dass die Angst vor der nächsten Latein-Klausur (oder noch schlimmer, dem Elternsprechtag) subjektiv größer war als heute vor Geheimratsecken oder Corona, wirkt lächerlich. Zumindest in meinem Fall entspricht es aber der Wahrheit.

Hiobsbotschaft wird zur besonderen Erinnerung

Dass ich trotzdem positiv an meine Schulzeit zurückdenke und die Canisiusschule sogar zu meinen Lieblingsorten zähle, ist einer glücklichen Fügung zu verdanken, die sich am Anfang jedoch als Hiobsbotschaft tarnte. Anfang des achten Schuljahrs übernahm der vielleicht gefürchtetste Lehrer der Schule unsere Klasse. Ihm traute man offenbar als einzigem zu, die Titanic vor dem Sinken zu retten.

Die Canisiusschule ist für Redakteur Johannes Schmittmann erst spät zum Lieblingsort in seiner Heimatstadt Ahaus geworden.

© Johannes Schmittmann

Drei Mädchen fingen bei dieser Nachricht spontan an zu weinen und auch mir graute es bei dem Gedanken, plötzlich Günther Wesker Rede und Antwort stehen zu müssen, wenn ich mit meinen Freunden mal wieder etwas ausgefressen habe. Als studierter Historiker kann ich heute aber sagen: Es ist eher die Ausnahme als die Regel, dass mündliche Überlieferungen mit der Wahrheit übereinstimmen.

Aus Chaosklasse wird ein eingeschworener Haufen

Es zeigte sich schnell, dass der Mathe- und Erdkundelehrer zwar ein harter Hund war und man sich für Streiche besser den neuen Referendar aussuchen sollte, aber zumindest zu mir war er eines nie: unfair. Erst spät hat sich herausgestellt, wie er uns, die Chaos-Klasse, im Lehrerzimmer vor seinen Kollegen verteidigt hat.

Ich werde nie vergessen, wie uns die Kinnlade herunterfiel, als unsere

Die Canisiusschule ist für Redakteur Johannes Schmittmann erst spät zum Lieblingsort in seiner Heimatstadt Ahaus geworden.

© Johannes Schmittmann

Deutschlehrerin mit verzweifelter Stimme zu uns sagte: „Bei Herrn Wesker seid ihr immer die Lieben.“ Keine halbe Stunde vorher hatte er uns so zusammengefaltet, dass man mit uns eine Bierflasche hätte öffnen können. Seine goldene Regel: Kritik wird nur nach innen geübt. Dieser Gemeinschaftssinn übertrug sich auf die Klasse. Vorher so zerstritten wie Liam und Noel Gallagher, wurde aus uns ein eingeschworener Haufen, der noch heute in großen Teilen miteinander in Kontakt steht.

Anekdoten und Erinnerungen

2015 starb Günther Wesker. Am Tag vor der Beerdigung habe ich gedacht, dass ich eigentlich etwas in der Kirche sagen müsste. Aus Dankbarkeit und Respekt – und weil ich tatsächlich die (arrogante) Sorge trug, dass wir vielleicht die einzigen waren, die seine guten Seiten erkannt hatten. Als ich die Kirche betrat, packte ich den Zettel schnell wieder in die Sakko-Tasche.

Die Reihen waren dicht gefüllt; Schüler, Lehrer, Familie, Freunde und Weggefährten waren gekommen, um Abschied zu nehmen. Nach der Beerdigung saßen einige seiner ehemaligen Schüler zusammen im benachbarten Café und wir erzählten uns gegenseitig Anekdoten und Geschichten. Solche, wie sie mir heute in den Kopf kommen, wenn ich den Schulhof der Canisiusschule betrete.

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