Die eigene Kraft nutzen

Pflege

AHAUS „Bewegung ist der Schlüssel zum Wohlbefinden“, wissen sportlich aktive Menschen. „Jede Bewegung ist eine Qual“, ist dagegen die Erfahrung von Pflegebedürftigen und ihren Betreuern. Umbetten, Aufsetzen, in den Rollstuhl setzen: alles ein Kraftakt für Patient und Pflegekraft – bislang. Annette Zumdick kennt einen anderen Weg: Kinaesthetics, die Kunst des sanften, kraftsparenden Bewegens.

von Von Sylvia Lüttich-Gür

, 27.11.2009, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kai Fürst und sein Dackel Lady, den er kurz vor seinem Unfall anschaffte, sind unzertrennlich, Annette Zumdick sucht mit dem 35-Jährigen gebürtigen Gronauer nach immer neuen Bewegungsmustern - hier beim Zähneputzen.

Kai Fürst und sein Dackel Lady, den er kurz vor seinem Unfall anschaffte, sind unzertrennlich, Annette Zumdick sucht mit dem 35-Jährigen gebürtigen Gronauer nach immer neuen Bewegungsmustern - hier beim Zähneputzen.

Gerade hatte er noch zusammengekauert auf dem Rand des Bettes gesessen, dann hat Annette Zumdick ihm geholfen, sich vorsichtig zurück fallen zu lassen. Was unbequem aussieht, ist für den schwerst mehrfach Behinderten eine Wohltat: Kais verkrampfter Körper entspannt sich genauso wie sein Gesicht. Die Männer und Frauen rund um dem Bett – Teilnehmer von Annette Zumdicks Kinaesthetics-Kurses – fallen in Kais lautloses Lachen ein. Manche applaudieren sogar. Sie freuen sich, weil der einst erfolgreicher Leichtathlet, der heute komplett auf Hilfe angewiesen ist, wieder Freude an Bewegung hat. Und weil sie hoffen, dass es ihren Angehörigen vielleicht bald ebenso gehen wird. Das war im Mai. Inzwischen haben Kai, seine Mutter Gundi Fürst-Janning und ihr Mann Willi Janning zwei weitere Kinaestehtics-Seminare besucht. Warum? „Weil es Kai einfach gut tut und uns ebenfalls“, sagt die zierliche blonde Frau aus Nienborg und blickt Annette Zumdick an, die neben Kai am Küchentisch sitzt: längst eine Freundin und nicht nur Trainerin. „Zugegeben“, ergänzt Mutter Fürst, den Kursus im Krankenhaus habe sie nur besucht, „weil ich nichts auslassen wollte“, aber ohne große Erwartungen. „Doch dann sahen wir, mit welch einer Leichtigkeit wir Kai bewegen können und dass er dabei sogar noch mithilft.“ Sie strahlt. Die Belastung durch die Rund-um-die-Uhr-Betreuung ihres Sohnes scheint für einen Moment vergessen.

Nein, Kinaesthetics sei kein Wunderwerk. Annette Zumdick schüttelt energisch den Kopf: „Es ist Bewegungskompetenz – nicht mehr und nicht weniger.“ Für die Betroffenen allerdings ein echter Mehrwert. Das hat die gelernte Krankenschwester, die sich seit acht Jahren mit Kinaesthetics beschäftigt, am eigenen Leib erfahren. Patienten aus dem Bett heben, sie in den Rollstuhl der setzen – „das war Knochenarbeit“, ein Bandscheibenvorfall war die Quittung. „Vermeidbar“, weiß sie heute.

Wie, das setzen Gundi Fürst und ihr Mann täglich um: „Wir probieren erst an uns selbst, wie es funktionieren kann, wenn wir Kai bewegen möchten“, erzählt die Nienborgerin. Zum Beispiel das Aussteigen aus dem Bett: „Das fällt viel leichter, wenn man auf der Seite liegt als auf dem Rücken.“ Ruckartige Bewegungen? „Das ist vorbei.“ Jetzt geht alles stückchenweise voran – „ohne Kraft und ohne Schmerzen“. Kai hört den beiden Frauen aufmerksam zu, wieder mit diesem entspannten Lächeln im Gesicht, obwohl er dieses Mal sitzt. Der neue Weg der Bewegung gefällt ihm offensichtlich, auch wenn er es noch nicht in Worte kleiden kann.

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