Die Opferrolle steht jungen Türkinnen nicht

13.07.2007, 20:55 Uhr / Lesedauer: 1 min

Ahaus Unselbstständig, unterdrückt und stets ein paar Schritte hinter dem Mann: Dieses Klischee der türkischen Frau hält sich hartnäckig im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit - selbst auf dem gerade beendeten Integrationsgipfel. Dass die Lebenswirklichkeit vieler junger Frauen mit familiären Wurzeln in der Türkei ganz anders aussieht, zeigt die gerade veröffentlichte Studie einer jungen Ahauserin: Die Diplom-Pädagogin Yeliz Gölbol hat die "Lebenswelten türkischer Migrantinnen der dritten Einwanderungsgeneration" untersucht.

Auch wenn es ihre eigene Generation ist, über die sie schreibt, schlüpft Yeliz Gölbol, die 28-Jährige in die Rolle der neutralen Beobachterin. Sie hat mit den Frauen türkischer Herkunft gesprochen und nicht nur - wie sie es kritisiert - über sie. Anhand von wissenschaftlich vorbereiteten Interviews mit türkischstämmigen Studentinnen stellt Gölbol, die inzwischen an ihrer Promotion arbeitet, unterschiedliche Lebensentwürfe vor. Trotz aller Unterschiede: Die Befragten entsprechen nicht der Opferrolle, die ihnen gerne die Öffentlichkeit zuweist. Sie "verharren keineswegs in Passivität, sondern verstehen es, Normen und Werte zu ändern, zu vermischen und zu transformieren", wie sie feststellt.

Gölbol will das einseitige Zerrbild der unterdrückten Migrantin nicht durch das nicht minder einseitige der durchweg erfolgreichen Frau ablösen. Sie spürt eine zentrale Bedingung auf: Bildung. Sie sei der Schlüssel zu sozialem Aufstieg und persönlicher Handlungsfreiheit. Insbesondere Frauen und Mädchen müssten daher die besonderen Bemühungen von Bildungsinstitutionen und von der Politik gelten.

Neues Leitbild gefordert

Vor Zwangsheirat, Ehrenmord und stärkerer Zuwendung zur Religion verschließt die Ahauserin nicht ihre Augen, jedoch sei es wichtig, "solche Phänomene nicht zu pauschalisieren und/oder als Eigenheit der islamischen Religion/türkischen Kultur zu betrachten". Statt dessen fordert sie - ganz im Sinne des Integrationsgipfels - ein neues gesellschaftliches Leitbild, das die Unterteilung der Gesellschaft in Minderheit und Mehrheit überwinden helfe - und überholt Klischees abbaut. sy-

Yeliz Göllbol: Lebenswelten türkischer Migrantinnen der dritten Einwanderergeneration. Eine qualitative Studie am Beispiel von Bildungsaufsteigerinnen, 200 Seiten, Centraurus-Verlag, 2007

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