„Ein Suchtmittel macht vor keiner Schicht halt“

rnDrogensucht

Die Ahauser Drogenszene sei nicht mit der von Münster zu vergleichen, sagt Beate Kuipers von der Sucht- und Drogenberatung der Diakonie. Doch ganz so „sauber“ ist auch Ahaus nicht.

Ahaus

, 29.06.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Beate Kuipers arbeitet seit 29 Jahren bei der Sucht- und Drogenberatung der Diakonie. Die 59-jährige ist Diplom-Sozialarbeiterin, verfügt über eine suchttherapeutische Ausbildung und ist FreD-Trainerin – das steht für „Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten“. Um Drogen und die Arbeit der Drogenberatung geht es im Interview mit ihr.

Frau Kuipers, wenn Personen in Sachen Drogen in Ahaus polizeilich auffallen – was wird da vorwiegend konsumiert?

Der Hauptanteil bei den illegalen Drogen liegt eindeutig bei Cannabis und Amphetaminen.

In Ahaus wird der Marienplatz als Drogenumschlagplatz genannt. Gibt es hier eine harte Szene?

Cannabis werden sie an den typischen Plätzen wie dem Marienplatz bekommen können. Aber Heroin und Kokain werden dort sehr wahrscheinlich nicht verkauft oder benutzt. Es gibt hier keine offene Szene, was die härteren Drogen angeht. Relativ kleine Städte wie Ahaus kann man nicht mit Münster und der Szene hinterm Bahnhof dort am Bremer Platz vergleichen. Das läuft in Ahaus eher hinter verschlossenen Türen ab. Aber die Problematik ist da, auch wenn sich Ahaus gerne als „saubere Stadt“ sieht.

Wie viele Klienten betreuen Sie pro Jahr?

Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 55 Klienten aus Ahaus. Davon sind weit über 60 Prozent cannabisabhängig oder mehrfach abhängig. Im Moment betreuen wir einen reinen Heroinabhängigen. Aus Legden haben wir fünf Klienten, aus Heek nur zwei, aus Vreden sind es 48. Der Großteil ist männlich und zwischen 25 und 30 Jahre alt. Darüber hinaus betreuen wir im Rahmen einer psychosozialen Begleitung 75 Substituierte im Nordkreis Borken, die von niedergelassenen Ärzten Drogenersatzstoffe wie Methadon und Subutex erhalten.

Was sind die Auslöser für Drogensucht?

Bei jungen Menschen ist es meistens die Pubertät. Es geht darum, sich von den Eltern abzugrenzen – die eher Alkohol trinken, als Cannabis zu konsumieren. Junge Menschen wollen sich in Gruppen ausprobieren – Drogen werden von ihnen in der Regel in der Clique konsumiert. Generell kann man aber sagen, dass hinter jeder Sucht eine individuelle Geschichte steht, das können Arbeitslosigkeit, Eheprobleme, psychische Erkrankungen aber auch genetische Faktoren sein.

Wer kommt zu Ihnen und warum?

Bei illegalen Drogen ist es so, dass unsere Klienten polizeilich aufgefallen sind. Bei Heroinkonsumenten spielt die Beschaffungskriminalität eine Rolle. Bei jüngeren Klienten ist es so, dass sie häufig mit Auflagen vom Gericht hierher kommen. Wir beraten aber auch häufig Klienten, die in eine Therapie vermittelt werden wollen und unterstützen sie nach der Therapie im Rahmen einer ambulanten Nachsorge.

Jetzt lesen

Kommen Ihre Klienten aus allen Schichten?

Ja, zu uns kommen Klienten aus allen Schichten nicht nur die „Underdogs“! Ein Suchtmittel macht vor keiner Schicht halt. Wir haben auch Akademiker als Klienten, die drogenabhängig sind.

Wie arbeitet die Drogenberatung der Diakonie?

Mit vielen Methoden, zum Beispiel systemisch, verhaltenstherapeutisch oder mit Paar- und Angehörigengesprächen. Bei Cannabis-Konsumenten arbeiten wir mit dem FreD-Programm zur „Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten“. Das Angebot richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 21 Jahren. Es ist ein Gruppenangebot für Personen, die polizeilich aufgefallen sind. Bei der Einzelarbeit mit Cannabis-Konsumenten arbeiten wir mit dem „Candis“ Programm, das speziell für diese Zielgruppe entwickelt wurde.

Lässt sich Drogensucht verhindern?

Das fängt schon mit Süßigkeiten bei Kindern an. Wenn Kinder getröstet werden, greifen viele Eltern eher zu materiellen Dingen, statt sie umarmen. Man kann nicht verhindern, dass der Nachwuchs etwas ausprobiert, aber er sollte vorher informiert werden. Deshalb ist Suchtvorbeugung für uns ein großes Thema. Wir arbeiten dabei eng mit der Fachstelle für Suchtvorbeugung im Kreis Borken zusammen und informieren in den Schulen.

Wie hoch ist die Rückfallquote Ihrer Klienten?

Sehr hoch. Wenn man die Diagnose „Drogenabhängigkeit“ hat, ist man sein ganzes Leben abhängig. Man kann abstinent sein – je länger, umso sicherer ist es, keinen Rückfall zu bekommen. Aber es ist eine lebenslange Krankheit.

Was ist Ihrer Meinung nach das gefährlichste Suchtmittel?

Schwierig zu sagen. Für den einen ist Alkohol am gefährlichsten, weil Alkohol immer sichtbar ist. Für ihn wird Reklame gemacht. In meinen Augen haben es die Alkoholabhängigen oft am schwersten. Alkohol ist eine Gesellschaftsdroge, die Leute müssen sich rechtfertigen, wenn sie keinen Alkohol trinken. Das ist eine ständige Auseinandersetzung. Wenn Sie auf eine Feier gehen, dann wird Ihnen in der Regel kein Heroin oder Cannabis angeboten, da wird in der Regel Alkohol konsumiert. Was die Gefährlichkeit von Suchtmitteln angeht: Der Kokser sagt, Kokain ist eine gemeine Droge, weil sie nicht körperlich sondern eher psychisch abhängig macht und erst mal positiv wirkt.

Beate Kuipers ist mittwochs von 15 bis 18 Uhr zur Außensprechstunde im Dorothee-Sölle-Haus an der Wüllener Straße 16 in Ahaus, um die Anfragen von Konsumenten illegaler Drogen im Nordkreis Borken abzudecken.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt