Erinnerungen bei Demenzkranken schwinden, doch das Herz wird nicht dement, Gefühle bleiben

rnWelt-Alzheimertag

Die Pflege und Betreuung von Angehörigen mit Demenz ist eine Vollzeit-Herausforderung. Mit Wissen, Tricks und ganz viel Respekt helfen dabei ausgebildete Pflegetrainerinnen.

von Andreas Bäumer

Ahaus

, 21.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bruno Abbing sitzt auf der Couch, schaut gelassen und mit offenem Blick in die Kamera. Seine Hände umschmiegen einen kleinen Hund auf seinem Schoß. Es ist ein Körnerkissen, das ihm seine Frau Ursula Abbing gegeben hat.

Die 70-Jährige pflegt ihren 77-jährigen Mann. Vor sechs Jahren zeigten sich bei ihm erste Anzeichen einer Demenz. „Es begann damit, dass er zwar im Haus herumwerkelte, aber nichts mehr fertig bekam“, erzählt seine Frau. Inzwischen sei ihm das Zeitgefühl abhandengekommen. Er spricht nicht mehr.

Das Foto von ihrem Mann hat Ursula Abbing mitgebracht, um eine Alltagstaktik zu skizzieren. Der Hund gibt Bruno Abbing Sicherheit und Wärme. Deshalb reicht sie ihm das Körnerkissen, wenn sie für fünf Minuten aus dem Raum geht, was ihn sonst schnell beunruhigt.

Erinnerungen bei Demenzkranken schwinden, doch das Herz wird nicht dement, Gefühle bleiben

Mit der Hände-Kampagne will die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf das Thema aufmerksam machen. © Deutsche Alzheimer Gesellschaft

Solche Taktiken ermöglichen beiden einen Alltag mit der Demenz. „Vor fünf Jahren war ich da noch ganz unbedarft“, sagt Ursula Abbing. Doch inzwischen habe sie viel zum Thema gelesen, mit anderen Angehörigen über Probleme und glückliche Lösungen gesprochen und Kurse besucht. Zwei Leiterinnen solcher Kurse haben sie anlässlich des Welt-Alzheimer-Tags am Samstag, 21. September, eingeladen, um gemeinsam über diesen Alltag aufzuklären.

Pflegetrainerinnen bieten Kurse für pflegende Angehörige an

Emine Kerimoglu und Christel Abbing sind Pflegetrainerinnen für das Klinikum Westmünsterland. Sie geben Kurse und begleiten einzeln pflegende Angehörige. Kerimoglu bietet die Beratung auch auf Türkisch und Arabisch an. Beide sind ausgebildete Krankenpflegerinnen, beide haben demenzkranke Angehörige gepflegt und eine lange Fortbildung für die Anleitung von Pflegenden speziell bei Demenz gemacht.

Seit gut sieben Jahren lehren sie Angehörige, wie diese ihre demenzkranken Partner oder Elternteile verstehen, wie sie mit ihnen im kommunikativen Kontakt bleiben und wie sie für sich selbst sorgen sollten.

Angehörige können bei ihnen aber auch günstige Wege lernen, um jemanden in den Rollstuhl oder das Bett zu hieven. Nach den Kursen können die Angehörigen sich weiterhin zu Gesprächskreisen treffen. „Angehörige untereinander können sich sehr gut auffangen“, sagt Christel Abbing dazu.

Wie ein bisschen Freiraum in den Alltag kommt

Kerimoglu erwähnt voller Respekt, wie souverän Ursula Abbing ihren Mann pflegt. Die sagt dazu: „Das ist eine Aufgabe, die sich jeden Tag der Woche über 24 Stunden erstreckt.“

Vor einiger Zeit habe sie eine Knie-Operation und die darauf folgende Reha abgelehnt. In dieser Zeit hätte sie ihren Mann nicht pflegen und betreuen können. Viel Bewegung habe dann ihre Knieprobleme gelindert. Das Ehepaar Abbing hat nun inzwischen eine Tagespflege, die Ursula Abbing auch heilsame Bewegung besser ermöglicht.

In einem Pflegeheim in Alstätte verbringt Bruno Abbing an vier Tagen der Woche die Zeit von 8 bis 17 Uhr. „So habe ich für meine Bedürfnisse Zeit und bin am Nachmittag entspannt, wenn er zurückkommt. Das tut ihm gut und mir gut“, sagt Ursula Abbing.

Gute Gesprächspartner sind wichtig

Das Ehepaar Abbing ist ein sehr positives Beispiel und es kann für jede Familie mit einem Demenzfall auch wesentlich tragischer kommen. Emine Kerimoglu und Christel Abbing erwähnen Demenzerkrankte, die im sozialen Umgang schwierig sind oder aus der Unsicherheit heraus aggressiv werden. In allen Fällen ist es für die Angehörigen aber wichtig, konkrete Hilfe und gute Gesprächspartner zu finden.

Christel Abbing unterstreicht, dass manch Demenzerkrankter zwar nicht viel nach außen gibt, aber doch im Gesicht seines Gegenübers liest. Sie sagt das so: „Das Herz wird nicht dement, die Gefühle bleiben.“

Hinweise für pflegende Angehörige

Die Betreuung und Pflege Demenzkranker werden überwiegend zu Hause von Angehörigen übernommen. Hier sind einige Hinweise für eine geeignete Pflege, aber auch für das Wohlbefinden der pflegenden Angehörigen.

Die Krankheit verstehen

  • Rund 1,7 Millionen Menschen sind in Deutschland an verschiedenen Formen der Demenz erkrankt. Die Ursache sind unterschiedliche Veränderungen im Gehirn. Bei zwei Dritteln der Erkrankten beschädigen abgelagerte Eiweiße fortschreitend die Nervenzellen, wie es Arzt Alois Alzheimer schon vor mehr als 100 Jahren beschrieb. Abhängig davon, welche Gehirnareale betroffen sind, verlieren die Betroffenen zunächst Erinnerungen oder sie verhalten sich sozial anders oder es fällt ihnen schwer, zu sehen und damit zu lesen. Für Angehörige ist es wichtig, die Krankheit zu verstehen.


Emotionen und Kommunikation

  • Auch wenn die Demenz weit fortgeschritten ist, nehmen die Erkrankten sehr genau die Emotionen ihres Gegenübers wahr. Es ist deshalb wichtig, würdig und zugewandt mit ihnen zu kommunizieren. Die „drei A“ sind eine Merkregel dazu: Es gilt den Gegenüber anzuschauen, ihn mit Namen anzusprechen und, indem man atmet, eigene kurze Sätze ruhig zu strukturieren.

Selbstfürsorge

  • Nur Angehörige, die sich Zeit und Erholung für sich selbst nehmen, können gut für ihre demenzerkrankten Partner oder Elternteile sorgen. Zeit dafür schaffen zum Beispiel Kuren für Angehörige mit paralleler Kurzzeitpflege oder auch die Betreuung der Erkrankten in der Tagespflege.


Tricks und Handgriffe

  • Häusliche Pflege und Betreuung lebt von Tricks und Handgriffen, die den Umgang miteinander vereinfachen und verschönern. Angehörige lernen diese in Kursen bei Pflegetrainerinnen. Für Ahaus und Vreden bieten Christel Abbing und Emine Kerimoglu Kurse und Gesprächsgruppen an. Tel. 0151-12007097
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