Familie fürchtet sich vor Abschiebung

Protest in Ahaus

Familie Arifovic kommt aus Serbien und wohnt seit knapp eineinhalb Jahren in einem Haus in der Bauerschaft Thiebrink. Sie fühlen sich wohl dort. Ihre Kinder gehen zu Schule. Die Eltern haben mehrere Jobs und verdienen ihren Lebensunterhalt zum Großteil selbst. Doch ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Genau wie ihre Klage gegen diese Ablehnung. Die Härtefallkommission der Landesregierung hat entschieden, dass man der Familie dennoch Bleiberecht einräumen sollte. Beim Kreis sieht man das jedoch offenbar anders. Während die Familie um ihre Zukunft fürchtet, formiert sich in Ahaus der Protest.

GRAES

, 01.11.2016, 17:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Damir (38) und Bodana (32) Arifovic sowie ihre drei Kinder Leonardo (16), Leonora (14) und Anjela (4) leben seit eineinhalb Jahren mit ihren drei Kindern in einem Haus in der Bauerschaft Thiebrink. Sie haben Angst, bald abgeschoben zu werden. Der Kreis Borken erkennt ihre Fluchtgeschichte – im Gegensatz zur Härtefallkommission der Landesregierung – nicht als Härtefall an.

Damir (38) und Bodana (32) Arifovic sowie ihre drei Kinder Leonardo (16), Leonora (14) und Anjela (4) leben seit eineinhalb Jahren mit ihren drei Kindern in einem Haus in der Bauerschaft Thiebrink. Sie haben Angst, bald abgeschoben zu werden. Der Kreis Borken erkennt ihre Fluchtgeschichte – im Gegensatz zur Härtefallkommission der Landesregierung – nicht als Härtefall an.

Grünen-Politiker Jens Steiner und Integrationslotse Manfred Laumann haben den Fall an die Öffentlichkeit gebracht. Steiner war es auch, "Die Familie soll abgeschoben werden, obwohl sie sich hier gut integriert hat und obwohl ihnen in Serbien Verfolgung droht", sagt Steiner gestern Mittag im Wohnzimmer der Familie Arifovic. Damir Arifovic nickt stumm. "Ich habe Angst, abgeschoben zu werden", sagt er.

In seiner serbischen Heimat war er LKW-Fahrer und Gemüsehändler. Weil die Familie zu den Roma gehöre, hätten ihm die Großhändler immer schlechtere Ware verkauft, sagt er. Ware, die er schließlich nicht mehr verkaufen, aber weiterhin abnehmen und bezahlen musste. Die Erträge blieben aus, die Schulden stiegen. "Das ist eine Mafia", sagt Damir Arifovic.

Anzeigen bei der Polizei hätten nichts gebracht. "Weil wir Roma sind", sagt seine Frau Bodana. Man habe ihm aufgelauert, ihn geschlagen und mit einer Waffe bedroht. "Ich hatte Angst um mein Leben", erzählt er. Dann wurde ihm von den Großhändlern erst der LKW und dann das Haus genommen. Mit seiner Frau, und den drei Kindern Anjela, Leonardo und Leonora floh er. Das war 2009. Der Weg führte bis in die Schweiz. Ihr Asylantrag dort wurde abgelehnt. Nach vier Jahren wurden sie zurück nach Serbien geschickt. Sofort habe die Verfolgung und Bedrohung wieder angefangen, berichtet er.

Zustände geschildert

Gleichzeitig sollten die Kinder, die nur wenig Serbisch sprechen, in die erste Klasse gesteckt werden. "Dabei waren sie 13 und 14 Jahre alt", sagt Bodana Arifovic. "Man hat gesagt, sie seien geistig behindert", erklärt sie den Tränen nahe. Um seine Familie zumindest vor der Verfolgung durch die mafiösen Strukturen zu schützen, versteckte sich Damir Arifovic bei Verwandten oder Bekannten. Anfang 2015 flüchteten sie wieder - dieses Mal nach Deutschland. Sie kamen in der Bauerschaft Thiebrink unter.

Bis sie ihren Asylantrag stellen konnten, dauerte es bis zum Dezember. Es folgten die Ablehnung des Asylantrag und eine erfolglose Klage dagegen. Auf Antrag der Caritas befasste sich die Härtefallkommission der Landesregierung mit dem Fall Arifovic. Ergebnis: Es wäre der Familie nicht zuzumuten, abgeschoben zu werden. Rechtlich bindend ist das jedoch nicht. Und tatsächlich will der Kreis offenbar anders entscheiden: "Ich habe Akteneinsicht genommen, der Kreis Borken sagt, es handelt sich um keinen Härtefall", sagt Jens Steiner, der als Politiker im Kreistag sitzt. Er will nun durch eine möglichst große Öffentlichkeit Druck auf die Ausländerbehörde ausüben. "Wir nehmen die Parteien und Kirchen mit ins Boot und sammeln Unterschriften", sagt er.

Ihm sei klar, dass es sich laut deutscher Flüchtlingspolitik bei Serbien um ein sicheres Herkunftsland handele. Rein rechtlich könne der Kreis als Ausländerbehörde die Abschiebung veranlassen. "Aber die Härtefallkommission sagt etwas anderes. Warum hält sich der Kreis nicht daran?", fragt er. Kategorisch schließt er aus, dass es sich bei der Familie um Wirtschaftsflüchtlinge handele. Auch das habe die Härtefallkommission so gesehen. Diese Fakten seien auch für den Kreis unstrittig. "Das Schicksal der Familie wird von der Ausländerbehörde einfach anders bewertet", so Steiner.

Gut integriert

Auch für Manfred Laumann ist die drohende Abschiebung der Familie eine Katastrophe. Schließlich sei die Familie gut integriert. Die Kinder seien gut in der Schule. Beide Elternteile würden für den Lebensunterhalt sorgen und sich um das Haus kümmern. Er sieht den Kreis in der Pflicht, für das Bleiberecht der Familie zu entscheiden. "An so eine Entscheidung einer Kommission muss man sich doch gebunden fühlen", sagt er in Richtung des Landrats, der letztlich ja auch die Ausländerbehörde leitet.

Beim Kreis Borken gibt man sich gestern verschlossen, was die Frage nach der Zukunft der Familie angeht. Über einzelne Fälle könne in der Öffentlichkeit ohnehin nicht gesprochen werden, sagt dazu Ellen Schlütter, Sprecherin des Kreises Borken. "Allein schon aus Datenschutzgründen." In der Regel folge man beim Kreis aber den Empfehlungen der Härtefallkommission. Die Ausländerbehörde selbst prüfe jeden Fall aber noch einmal für sich. Was diese Prüfung ergeben hat, ob die Familie abgeschoben wird, welche Punkte gegen die Härtefallentscheidung sprechen könnten - dazu gibt es keine Antworten. Der Datenschutz.

Was passiert, wenn sie abgeschoben werden? "Wir wissen es nicht", sagt Bodana Arifovic. In Serbien würden sie auf der Straße stehen. Verwandte, die bisher geholfen haben, hätten nun auch Angst vor Verfolgung. "Dort können wir nicht mehr hin", sagt sie. In der Bauerschaft Thiebrink geht das Abwarten in der Zwischenzeit weiter.

Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Interview mit Pfarrer Stefan Jürgens
Stefan Jürgens: Nach der Corona-Krise den Klimawandel mit mehr Verantwortung angehen