Felix Ruwe: Die Stimme des Widerstands

Bürgerinitiative

Felix Ruwe ist Sprecher der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“. Der 66-Jährige ist immer im Einsatz, auch wenn kein Atommülltransport rollt. Aktuell ärgert er sich über den BUND und Greenpeace.

AHAUS

, 07.10.2017, 06:45 Uhr / Lesedauer: 4 min
Felix Ruwe: Die Stimme des Widerstands

Seit über 15 Jahren Sprecher der Ahauser Anti-Atom-Bewegung: Felix Ruwe.

Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen. An Kommunikation übers Smartphone war noch lange nicht zu denken. Wer zu der Zeit einen Nadeldrucker besaß, der gehörte schon zu den Fortschrittlichen. Felix Ruwe war damals einer der wenigen Ahauser, die ein solches Gerät besaßen. „So kam ich an die Leute“, erinnert sich Ruwe an die Anfänge seines Wirkens bei der Bürgerinitiative (BI) „Kein Atommüll in Ahaus“. Denn die Aktivisten wollten damals einen Brief an den NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau schreiben – und fragten bei Ruwe nach Druckerkapazitäten. „Ich habe den Brief auf Endlospapier ziemlich oft ausgedruckt.“

Technische Seite

Es war und ist die technische Seite, über die Felix Ruwe die Dinge angeht. So war es in seinem Job als Lehrer für Elektrotechnik (und Sport) an der Berufsschule, so ist es bei seinem Engagement für die Bürgerinitiative. Es war um 1997, als Felix Ruwe seine technischen Fertigkeiten erstmals bei der BI einbrachte. „Damals wurde bei Kundgebungen ein Megafon benutzt, für das man zwar acht Batterien brauchte, aber mit dem man nicht einmal 100 Leute beschallen konnte.“ Ruwe hatte im Keller noch einen Lautsprecher. „Mit dem war der gute Ton für mehr Leute zu machen.“ Heute reichen die Boxen für 10 000 Leute.

"Riesengeschrei"

Felix Ruwe merkte damals als BI-Mitglied ziemlich schnell, dass in Ahaus Prozesse ablaufen, die „nicht so demokratisch und nicht sehr bürgerfreundlich“ waren. „Ich weiß noch, wenn Transparente gegen das Brennelemente-Zwischenlager oder Atomtransporte bei Sitzungen des Stadtrates ausgerollt wurden, gab es ein Riesengeschrei und alle Politiker waren entsetzt. Das war ja ein Sakrileg.“ Felix Ruwe schloss sich der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) an, damals wie heute der politische Arm der Anti-Atom-Bewegung in Ahaus. „In der UWG hatten sich aus allen Parteien Leute gesammelt, die mit dem Bau des Zwischenlagers nicht einverstanden waren.“ Felix Ruwe ging und geht auch bei der UWG die Dinge technisch an. „Wenn man sich eingelesen hat, kommt man zu der Überzeugung, dass ein Zwischenlager ein zeitlich begrenztes Lager ist. Das ist in Ahaus wenig absehbar.“ Zu Felix Ruwes Ärger grätschen der BUND und Greenpeace der Ahauser Bürgerinitiative derzeit kräftig in die Beine. „Sie fordern, dass an allen Zwischenlagerstandorten Neubauten erstellt werden, die mindestens für die nächsten 100 Jahre sicher sind. Das ist aber dann kein Zwischenlager mehr, das ist Langzeitlagerung. Ich kann mir vorstellen, wie ein Politiker reagiert, wenn er 100 Jahre Luft bekommt. Der legt sich auf die Seite und lacht sich halb tot, tut 99 Jahre nichts zielführendes und gründet dann einen Arbeitskreis.“

Ernsthafter Konflikt

Die Ahauser BI habe mit dem BUND und Greenpeace einen ernsthaften Konflikt. „Die haben mit uns überhaupt nicht gesprochen.“ Die BI habe beiden Organisationen sehr deutlich gemacht, dass sie mit dieser Vorgehensweise überhaupt nicht einverstanden sei. Felix Ruwe: „Das einfachste wäre, wenn sie in ihre Forderung schreiben, dass nur dort neu gebaut wird, wo es rechtlich zulässig ist.“ In Ahaus sei es nämlich nicht möglich. Hier gebe es einen rechtssicheren Vertrag, der den Bau und den Betrieb sogenannter „heißer Zellen“ verbiete. Das heißt: „Es gibt hier keinerlei Möglichkeit zur Reparatur und Wartung von Castoren.“ Zumal deren „Laufzeit“ auf 40 Jahre begrenzt sei. „Folglich ist das Lager in Ahaus 2036 aus Sicherheitsgründen zu räumen und zu schließen.“ Daran arbeite er mit seinen Mitstreitern auf allen Ebenen.

40 E-Mails täglich

Schon weit über eineinhalb Jahrzehnte ist der 66-Jährige der Sprecher der Ahauser Anti-Atom-Bewegung. Die 1977 gegründete BI „Kein Atommüll in Ahaus“ ist eine der ältesten Bürgerinitiativen ihrer Art. „So alt wie die BI in Gorleben und immer noch die größte in NRW.“ Gut 300 Mitglieder sind es aktuell. Die Meinung der BI habe durchaus Gewicht, „weil wir in der Anti-Atom-Bewegung immer bundes- und europaweit mitgearbeitet haben.“ Die Bedeutung der Ahauser Bürgerinitiative wird auch daran deutlich, dass Felix Ruwe als Sprecher täglich um die 30 bis 40 E-Mails bekommt. Er erzählt von gewachsenen Strukturen, vom ständigen Austausch mit den Mitstreitern in Gorleben. „Wir sind gut vernetzt.“ Gezeigt habe sich das beispielsweise bei einem Atomtransport von La Hague nach Gorleben vor vielen Jahren.

Infos aus sicherer Quelle

„Die Bekanntgabe des Transporttermins gilt in Frankreich als Hochverrat. Wir sind aber an die Informationen gekommen und hatten die Spitzenleute des französischen Widerstandes hier. Die Infos aus ganz sicherer Quelle haben wir an die Gorlebener weitergegeben.“ Spannende Zeiten seien das gewesen. Vor allem das Jahr 1998 mit dem Castor-Transport im März und der größten Demonstration, die Ahaus jemals gesehen hat. „20 000 Polizisten waren hier, mit Hubschraubern, mit Wasserwerfern.“ Ohne jede Vorwarnung seien die Einsatzkräfte auf die Menschen losgegangen. Wenn Felix Ruwe an den 20. März 1998 denkt, dann spürt er noch heute eine Wut darüber, wie der Castor-Transport sprichwörtlich durchgeprügelt wurde. „Es war schwierig, in manchen Situationen die Tränen zurückzuhalten. Viele Leute wurden festgenommen, zu Gefangenensammelstellen in Rheine und Münster gebracht und dort bis zum nächsten Tag festgehalten. Das war alles rechtswidrig.“

Argumente und Emotionen

Dabei wollten Ruwe und seine BI-Kollegen einfach nur Anti-Atom-bewegt arbeiten. „Ich habe immer versucht, mit den Argumenten der Technik zu überzeugen. Aber manchmal muss man auch Emotionen mit hineinbringen.“ Doch nicht immer drang Felix Ruwe mit seinen Argumenten durch. Manch endlose Diskussion sei mit den sogenannten Autonomen geführt worden. „Das war interessant, aber auch anstrengend.“ Die Bürgerinitiative haben die Autonomen und den „Schwarzen Block“ in Ahaus jedoch nicht ausbremsen können. „Bei denen ging es sofort um fundamentale Gesellschaftskritik. Es war aber nicht unser vorrangiges Ziel, gleich das gesamte System abzuschaffen.“ Bei den Demos in Ahaus sei der Schwarze Block entgegen den Absprachen immer vor dem Transparent vorweg gelaufen. „Die bogen auch zur anderen Seite ab, um die Auseinandersetzung mit der Polizei zu suchen. Damit war unsere Veranstaltung unfriedlich und konnte aufgelöst werden. Das war nicht in unserem Sinne.“ Über diese und andere Begebenheiten werden Felix Ruwe und die Mitglieder der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ am Sonntag, 8. Oktober, im Foyer der Ahauser Stadthalle an der Wüllener Straße sicher reden. Ab 11 Uhr wird gefeiert: 40 Jahre Widerstand in Ahaus.

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