Hätte der Prozess einen anderen Verlauf genommen, wäre die Besetzung etwas feinfühliger ausgewählt worden? © picture alliance/dpa
Vergewaltigung

Fragwürdige Besetzung bei Prozess um versuchte Vergewaltigung

Eine 23-Jährige sieht sich einem Tribunal von Männern gegenüber und wird beinahe selbst zur Angeklagten, obwohl sie doch als Geschädigte in einem Prozess wegen versuchter Vergewaltigung auftritt.

Das Ergebnis der Gerichtsverhandlung gegen einen 31-jährigen Gronauer lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Geldstrafe in Höhe von 1400 Euro wegen Nachstellung bei verminderter Schuldfähigkeit. Und ein Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung.

Richter, Schöffen, Staatsanwalt, Verteidiger: alle männlich.

Wenig Feingefühl bei Besetzung beweisen

Vielleicht wäre das Urteil genau so ausgefallen, wenn die Zusammensetzung nicht ganz so einseitig maskulin gewesen wäre. Aber möglicherweise wäre der als Zeugin geladenen Geschädigten dann die eine oder andere intime Frage erspart geblieben. Und vielleicht hätte sie sich am Ende nicht ganz so deutlich in ihrer Vorahnung bestätigt gefühlt: „Ich hatte Angst, dass ich nicht ernst genommen werde, dass ich nicht stark genug bin, das so oft zu erzählen, wie ich das jetzt getan habe.“

Die Verhandlung zeigte auf fast beschämende Weise, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht ist und legte dabei einen unseligen Spagat des Rechtssystems offen: Während die gesellschaftlichen Sensoren für sexuelle Straftaten in Zeiten von Metoo und Julian Reichel deutlich empfindlicher geworden sind und etwa bei der Polizei für die Vernehmung von Vergewaltigungsopfern weibliche Beamte eingesetzt werden, werden die Geschädigten bei der späteren Gerichtsverhandlung einem Tribunal von Männern überlassen.

„So eine Aussage zieht viele Unannehmlichkeiten nach sich, das ist leider so in unserem Rechtssystem“, zeigte der Staatsanwalt Verständnis für die Empfindungen der Zeugin. Auch der Richter warb bei ihr um Verständnis: „Ich weiß, dass es für Sie kein schöner Tag ist und entschuldige mich dafür. Wenn Sie eine bessere Lösung haben, bin ich dankbar.“

Um den Jahreswechsel 2019/2020 herum soll es der Aussage der Geschädigten nach in der gemeinsamen Wohnung in Ahaus zu der Vergewaltigung gekommen sein. Der Angeklagte, mit dem sie damals zusammenlebte, habe sich ihr abends im Bett von hinten genähert und trotz mehrmaliger Einwände, dass sie das nicht wolle, den Beischlaf mit ihr vollzogen.

Das bestritt der Angeklagte und legte als Gegenbeweis seitenlange WhatsApp-Chats vor, die belegten, dass in der Zeit vor und nach der vermeintlichen Tat die Initiative zum Geschlechtsverkehr durchaus auch manchmal von der 23-Jährigen ausging, die diesen Umstand auch gar nicht bestritt: „Macht das einen Unterschied, wenn ich viermal einverstanden bin und beim fünften Mal nicht? Ist das dann keine Vergewaltigung?“

Unangenehme Fragen und Vorhaltungen

Immer wieder zeigte sich, dass ihre Bedenken, vor Gericht auszusagen, nicht unberechtigt waren. Zu intimsten Details sollte sie Stellung nehmen wie: „Hat der Angeklagte Ihnen das Höschen heruntergezogen oder nur beiseite geschoben?“ „Wie laut haben Sie gesagt, dass Sie das nicht wollen?“

Immer wieder gab es seitens des Richters und des Staatsanwalts Vorhaltungen, selbst bei kleinsten Abweichungen von der zuvor bei der Polizei gemachten Aussage. Die junge Frau reagierte zunehmend frustriert, im Gefühl, selbst auf der Anklagebank zu sitzen.

Haft-Forderung vom Staatsanwalt mit Exit-Strategie

Am Ende der Verhandlung forderte der Staatsanwalt zwar eine Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten, baute Richter und Schöffen aber schon eine goldene Brücke, indem er Möglichkeiten aufzählte, dass man auch anderer Meinung sein könne. Dem folgte dann auch das Gericht und sprach den Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Die Begründung mochten sich die Geschädigte und ihre Begleiterinnen nicht mehr anhören und verließen den Gerichtssaal.