Freiheitsstrafe auf Bewährung für notorischen Verkehrssünder

Bagatelle und ein Todesfall

"Das tut immer wieder weh. Und es scheint nicht aufzuhören." Für Nicole und Ingo Litmeier war es am Donnerstag ein schwerer Gang in den Zuschauerraum des Saals 10 im Landgericht Münster. Vor drei Jahren starb ihr damals 18-jähriger Sohn Kevin bei einem Unfall in Wüllen. Der als notorischer Raser bekannte 22- jährige D. aus Schöppingen, saß wieder auf der Anklagebank. Wieder wegen eines Verkehrsvergehens.

Münster/Ahaus/Heek

, 29.09.2016, 18:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Freiheitsstrafe auf Bewährung für notorischen Verkehrssünder

Gestern wurde vor dem Landgericht in Münster nur die „Bagatellkriminalität“ frisiertes Morfa verhandelt. Der 22-jährige Angeklagte stand aber wegen fahrlässiger Tötung noch unter Bewährung. Er hatte am 22. Dezember 2013 in Wüllen einen Unfall verursacht, bei dem der 18-jährige Kevin Litmeier starb.

Dieses Mal ging es eigentlich nur um einen Fall von "Bagatellkriminalität", wie es die Vorsitzende Richterin ausdrückte. Aber sie sagte auch an D. gewandt: "Vor Ihrem Hintergrund sieht das aber schon ganz anders aus."

Mit frisiertem Mofa gestoppt

Am 11. November 2015 hatte die Polizei D. auf der Königstraße in Ahaus ohne Führerschein auf einem frisierten Mofa gestoppt. Tests ergaben, dass D. das Mofa so manipuliert hatte, dass es statt der erlaubten 25 km/h eine Höchstgeschwindigkeit von 64 km/h schaffte - und das, als er noch unter laufender Bewährung stand.

Am 22. Dezember 2013 war D. viel zu schnell in die Ortschaft Wüllen gerast, hatte die Kontrolle über den Golf verloren und war in einen Vorgarten gerast. Sein Beifahrer, der 18-jährige Heeker Kevin Litmeier, starb einen Tag später an schwersten Kopfverletzungen.

Jugendarrest hinterließ wenig Eindruck

Ein Jahr Jugendstrafe auf Bewährung, Betreuung durch einen Bewährungshelfer, 1000 Euro Geldbuße und ein dreijähriger Führerscheinentzug wegen fahrlässiger Tötung, so lautete das Urteil des Jugendschöffengerichts. Schon vor dem tödlichen Unfall war D. vielfach wegen Raserei, illegaler Autorennen, Fahrens ohne Führerschein und mehrerer Unfälle aufgefallen. Dieses Urteil fiel am 1. April. Nur wenige Wochen später fiel D. erstmals mit einem frisierten Mofa auf. Ein daraufhin verhängter zweiwöchiger Jugendarrest hinterließ offenbar wenig Eindruck. Am 11. November 2015 wurde er erneut erwischt.

Führerscheinsperre verlängert

Dafür musste er sich bereits vor einem halben Jahr vor dem Amtsgericht in Ahaus verantworten. Das verhängte eine 3000-Euro-Geldstrafe und verlängerte die Führerscheinsperre, die ohnehin noch bis ins Jahr 2017 reicht, um sechs Monate. Dieses Urteil war der Staatsanwaltschaft zu mild, sie ging in die Berufung. Darum wurde gestern erneut vor dem Landgericht verhandelt. Dort nannte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft D. einen "Bewährungsversager mit hoher Rückfallgeschwindigkeit". Sie hielt eine dreimonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung für "unerlässlich", um auf D. einzuwirken.

D.s Verteidiger hielt die vom Amtsgericht verhängte Geldstrafe für ausreichend. Er betonte: "Die Botschaft ist dieses Mal bei dem Angeklagten angekommen." Er verwies auf die Aussage des Bewährungshelfers. Der hatte D. eine "vorbildliche Zusammenarbeit" und die Einhaltung der Bewährungsauflagen bescheinigt - bis auf die Verkehrsvergehen. Die nannte der Bewährungshelfer "wirklich dämlich". Er sprach von einer Art "jugendlicher Unbekümmertheit". D. habe aber in der Bewährungszeit seine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker abgeschlossen.

"Kein Spielraum mehr"

Das wertete die Richterin auch als positiv, zugleich auch als problematisch: "Lassen Sie sich bloß nicht zu einer Probefahrt hinreißen. Es gibt keinen Spielraum mehr für jugendliche Unbekümmertheit."

Das Urteil lautete am Ende: drei Monate Freiheitsstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden, und eine 18-monatige Sperrfrist für den Führerschein. Außerdem muss D. die Kosten des Verfahrens tragen.

Nicole und Ingo Litmeier verlassen den Gerichtssaal nach anderthalbstündiger Verhandlung in gedrückter Stimmung. "Ich hätte eine Strafe ohne Bewährung für besser gehalten. Es geht doch nicht, dass er immer nur ermahnt wird", sagt Ingo Litmeier. Mit dem Urteil aber können die Eltern des verstorbenen Kevins leben. "Eine Geldstrafe aber wäre zu wenig gewesen", sagt Nicole Litmeier. Und sie fügt hinzu: "Für uns und Kevins Schwester geht der Schmerz nie vorbei." 

Nach Ende der vom Gericht verhängten 18-monatigen Führerscheinsperre erhält D. die Fahrerlaubnis nicht ohne weiteres zurück. Das Straßenverkehrsamt in Borken kann zuvor eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) anordnen. Diese Prüfung könnte auch zu dem Ergebnis führen, dass der Schöppinger dauerhaft charakterlich nicht geeignet ist, ein Fahrzeug zu führen.

Lesen Sie jetzt