Garderoben für die Welt der Illusion

Ahaus Ein eiserner Vorhang trennt den Alltag von der Illusion - ein Vorhang mit Tür, die lautlos aufschwingt: Noch zwei Schritte, und die etwas staubigen Bretter, die die Welt bedeuten, sind erreicht. Gesungene Liebesschwüre klingen dort nach, geflüsterte Mordkomplotts hallen wieder - alles ungehört, denn das Parkett unten ist leer. In den Ferien spielt die Musik nicht auf der Bühne, sondern darunter.

06.07.2007, 20:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

«Renovierung» steht auf dem Spielplan. Regie führt das Hochbauamt der Stadt - eine Premiere seit der Errichtung des Gebäudes in den 60er Jahren. Der klassische Dreiakter beinhaltet das Ausräumen der alten Garderoben, die Modernisierung der Sanitäranlagen und als Happy-End die Erneuerung des fast vergessenen, rückwärtigen Parkplatzes. Unterm Strich kostet diese schnörkellose Inszenierung 170 000 Euro, wobei das Gros mit 110 000 Euro auf die rund 60 Parkplätze entfällt.

Zwei Etagen Unterwelt

Der Versuchung, einmal selbst auf die leere Bühne zu huschen und für einen Moment einzutauchen in die gedachten Welten des Schauspiels, der Oper oder Operette, erliegen die Maler nicht. Sie haben Besseres zu tun - in der Unterwelt, die sich gleich über zwei Etagen erstreckt.

Statt der hellen Weite der großen Bühne oben herrscht hier bedrückende Enge: Ein schmaler langer Korridor zu beiden Seiten der Treppe, von dem Räume abgehen - kleine Einzelgarderoben für die Hauptdarsteller, große Gruppenumkleiden für das restliche Ensemble. Eine Treppe tiefer genau das gleiche nur, dass sich hier auch Duschen befinden.

Spieglein, Spieglein

Die beiden Maler verstehen sich zwar nicht auf die Kunst der schauspielerischen Illusion, dafür kennen sie aber andere Tricks der Täuschung: Helles Gelb an den Wänden lässt die kalten Kellerwände warm erschienen. Helles Grau an den Rahmen lässt die Türen in die Höhe wachsen.

Das leise Schlurfen der Pinsel über die Wand ist das einzige Geräusch - kein Vergleich mit dem aufgeregten Hin und Her, das im Herbst hier herrschen wird, wenn sich die Schauspieler, Tänzer und Sänger der Tournee-Theater auf ihre Aufführungen vorbereiten. Dann zählt nicht die Farbe an den Wänden, sondern die auf den Lippen und Lidern. Letzte prüfende Blicke in die neuen Spiegel, und dann geht es die beiden Treppen hoch hinter die Bühne. Für die echten Künstler hebt sich dann ein Vorhang aus Stoff. Der aus Eisen kommt nur in den Spielpausen zum Einsatz - ein Schutz vor Flammen und vor unberechtigten Eindringlingen in die Welt der Illusion. sy-

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