Gesundeter Corona-Patient berichtet von Ischgl-Urlaub: „Wir wurden verarscht“

Coronavirus

Er wollte sich mit Freunden eine schöne Woche in Ischgl machen - so wie jedes Jahr. Doch der Skiurlaub endete für einen Ahauser wegen des Coronavirus vorzeitig: „Es herrschte Endzeitstimmung.“

Ahaus

, 24.04.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie wurde Ischgl zu einem Brennpunkt mit Hunderten vom Coronavirus infizierten Menschen.

Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie wurde Ischgl zu einem Brennpunkt mit Hunderten vom Coronavirus infizierten Menschen. © picture alliance/dpa

Rückblende: In Ahaus werden die ersten drei Corona-Fälle bekannt. Eine Familie aus Alstätte hat es erwischt. Die Irena-Sendler-Gesamtschule, die die beiden Kinder besuchen, wird am Freitag, 6. März, bis auf Weiteres geschlossen. Es ist genau die Zeit, in der ein Ahauser, der namentlich nicht genannt werden möchte, und seine Freunde mit dem Auto in Richtung Österreich aufbrechen. Ihr Ziel: das Skifahrer-Paradies Ischgl.

Zu dieser Zeit ist Tirol kein Risikogebiet, offiziell ist auch Ischgl noch komplett Corona-frei. Große Sorgen machte sich damals keiner der Beteiligten. „Wir sind nicht blauäugig losgefahren, sondern haben uns im Vorfeld beraten. Aber für uns war klar: Infizieren kann man sich überall. Keiner hat ja damit gerechnet, in welche Ausnahmesituation wir noch kommen sollten“, sagt der Ahauser heute. In den ersten vier Tagen verlief der Skiurlaub auch wie all die Jahre zuvor.

Corona war zunächst kein Thema

Der Ahauser berichtet: „Corona war zunächst überhaupt kein Thema. Es war voller Betrieb. Die Stimmung war ausgelassen.“ Erst am Dienstagmorgen, 10. März, erfuhren sie von der Wirtin ihrer Unterkunft, dass es einen ersten Coronaverdachtsfall im (mittlerweile weltberühmten) Wirtshaus „Kitzloch“ gebe. Schon am Nachmittag wurde er bestätigt. Panik brach in dem Urlaubsort trotzdem nicht aus.

Bei der Ahauser Gruppe beriet man das weitere Vorgehen: „Wir haben überlegt, ob wir vorzeitig abreisen oder noch wie geplant bis Samstag bleiben. Doch uns war klar: Wenn, dann haben wir uns schon infiziert.“ Denn auch die Männer hatten im „Kitzloch“ Après Ski gefeiert. Außerdem sollte das Wetter in den kommenden Tagen blendend werden.

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Doch schon am Mittwoch war es mit der Normalität zu Ende. Die meisten Lokale hatten zwar noch geöffnet, allerdings ahnten viele Betreiber schon damals, was folgen würde. „Uns wurde gesagt, dass sie wahrscheinlich erst einmal für 14 Tage die Türen schließen müssen. Es habe noch mehr bestätigte Coronafälle gegeben“, so der Ahauser. Am Donnerstag blieben tatsächlich viele Lokale geschlossen.

„Es herrschte Endzeitstimmung“

Am Freitag war der Spaß dann endgültig vorbei. „Es gab eine E-Mail der Landesregierung, dass bis 19 Uhr alle Touristen Ischgl verlassen müssen. Ansonsten drohe einem vier Wochen Quarantäne“, berichtet der Ahauser. Danach sei ein Ausnahmezustand ausgebrochen. „Aus allen Hotels kamen Personen gerannt, Hunderte Reisebusse fuhren vor. Ich habe mich kurz gefragt: Bricht hier gerade Krieg aus? Es herrschte Endzeitstimmung.“

Die Après-Ski-Hütte „Kitzloch“ wurde zum Hotspot des Coronavirus.

Die Après-Ski-Hütte „Kitzloch“ wurde zum Hotspot des Coronavirus. © picture alliance/dpa

Auch die Reisegruppe packte ihre sieben Sachen und versuchte, abzureisen. Das war allerdings gar nicht so einfach. „Für die 20 Kilometer bis zur Autobahn brauchten wir knapp sechs Stunden. Wir wurden mehrfach kontrolliert. Überall war Blaulicht: Landespolizei, Bundespolizei, Krankenwagen, Feuerwehr. Einige Touristen hatten Panikattacken oder sind kollabiert“, erinnert sich der Ahauser.

Ärger über Betreiber der Wirtshäuser

Mit mehreren Wochen Abstand, inklusive gut zweiwöchiger häuslicher Quarantäne, betrachtet er die Sache differenziert: „Ich kann verstehen, dass niemand freiwillig sofort sein Lokal schließt. Laufende Kosten und Kredite müssen gedeckt werden. Aber: Es 14 Tage unter den Teppich zu kehren, ist nicht ok. Wir wurden schlicht verarscht.“

Zwar wurde der Ahauser nach seiner Deutschland-Rückkehr negativ auf das Coronavirus getestet, dennoch lag er eine Woche später komplett flach: „Es ging mir richtig schlecht. Ich war schlapp und niedergeschlagen, hatte Gliederschmerzen und die Bronchien waren belegt. Es war schon heftig.“

Ein später in Alstätte durchgeführter Antikörpertest bestätigte, was er schon vermutet hatte: Der Ahauser war mit dem Coronavirus infiziert. „Alles andere hätte mich auch überrascht. Mein Zimmernachbar, mit dem ich mir Bett und Bad geteilt habe, war schließlich schon vorher positiv getestet worden.“ Dass Großveranstaltungen bis wenigstens zum 31. August abgesagt wurden, findet er richtig. „Wenn wir eins gelernt haben, dann, dass das Virus sich sehr aggressiv verbreitet.“ Dennoch will der passionierte Skifahrer vielleicht schon im nächsten Jahr nach Ischgl zurückkehren. „Es ist einfach schön da.“

Info:

  • Zu Beginn der Pandemie wurde Ischgl zu einem Brennpunkt mit Hunderten vom Coronavirus infizierten Menschen.
  • Von dort verteilte sich das Virus in zahlreiche europäische Länder.
  • Zum „Hotspot“ wurde die mittlerweile weltberühmte Après-Ski-Hütte „Kitzloch“, bei der die Infektion eines Barkeepers vertuscht worden war.
  • Der Ahauser möchte anonym bleiben, da er bereits Negatives erlebt hat: „Meine Familie und ich wurden komisch angeguckt oder gemieden, obwohl ich die Quarantäne längst hinter mir hatte.“ Sein Name ist der Redaktion bekannt.
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