Einer von vielen Arbeitsplätzen im Augenzentrum Nordwest: Fabienne Anders an der Anmeldung. © Privat
Teilzeit-Ausbildung

Kinder, Küche, Job: Wenn junge Mütter aus Ahaus zu Azubis werden

Drei Frauen, jung, ledig, alleinerziehend, ein Ziel: eine sichere Zukunft für sich und ihre Kinder. Der Weg dahin ist eine Ausbildung – in Teilzeit. Wie das geht, stellen wir in einer Serie vor.

Drei junge, allein erziehende Frauen haben sich für eine Ausbildung in Teilzeit entschieden. Oft ein sehr steiniger Weg bis zur Abschlussprüfung und neben Beruf, Kind, Haushalt eine echte Herausforderung. Wir stellen beispielhaft die drei Frauen vor.

Die eine hat ihre Ausbildung abgeschlossen und ist im Ausbildungsbetrieb geblieben, die andere ist gerade erst gestartet. Die Serie beginnt mit der Dritten im Bunde, die über ein Jahr Erfahrung mit dieser Ausbildungsform berichten kann.

Fabienne Anders ist längst angekommen im Team des Augenzentrums Nordwest. Die 25-Jährige hat ein Jahr ihrer dreieinhalbjährigen Ausbildung zur „medizinischen Fachangestellten“ bereits hinter sich und weiß genau, worauf sie sich eingelassen hat.

Sie weiß um die vielen großen und kleinen Hürden, die Alleinerziehende wie sie überwinden müssen, wenn sie sich zu einer Ausbildung „nebenbei“ entschlossen haben. Schließlich geht es hier um mehr als „nur“ um eine Doppelbelastung. Neben Beruf, Kind und Haushalt muss irgendwie ja auch noch Zeit fürs Büffeln dem Alltag abgerungen werden.

Und plötzlich Mutter

Die Ahauserin ist 20, als sie schwanger wird, mit 21 ist sie bereits Mutter eines Sohnes, den sie fortan alleine betreut. Mit dem Fachabitur hat sie zwar eine schulische Qualifizierung in der Tasche, aber keine berufliche Perspektive, zumal die neue Solisten-Rolle als Mutter ja auch erst einmal ihre komplette Aufmerksamkeit fordert und ihr viel abverlangt.

Zunehmend aber wird ihr klar, dass sie das auf Dauer ändern will und sie ergreift die Chance, die sich ihr durch einen dualen Ausbildungsgang mit reduzierter Arbeitszeit und die Begleitung durch das Projekt TEP bietet. TEP steht für Teilzeitausbildung-Einstieg begleiten-Perspektiven eröffnen und wird durch die BBS in Ahaus und Bocholt durchgeführt (siehe Infokasten).

Auch mit den technischen Geräten hat sich Fabienne Anders schon vertraut gemacht.
Auch mit den technischen Geräten hat sich Fabienne Anders schon vertraut gemacht. © Privat © Privat

Da sie ein Interesse an medizinischen Aufgabenfeldern hat, ist das Angebot der Augenklinik Nordwest für sie durchaus interessant. Vorab aber stehen Gespräche mit den Projekt-Mitarbeiterinnen der BBS, bei denen ihre Stärken und Schwächen ebenso Thema sind wie das häusliche Umfeld. Fabienne Anders: „Man hat mich motiviert, mich zu bewerben, was definitiv der richtige Rat war, dafür bin ich dankbar.“

Ein Jahr in der Realität

Wie aber sieht die Realität nach einem Jahr Teilzeitausbildung aus? Tagsüber, wenn sie arbeitet, besucht der Kleine die Kita, außerdem bekommt sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Unterstützung von ihrer Familie und ihrem Freund.

„Ich lerne abends, oder alle zwei Wochen an den Wochenenden, wenn der Kleine bei seinem Vater ist“, sagt sie. Und natürlich gebe es „gute, aber eben auch schlechte Tage.“

Sie habe aber das Glück, dass ihr Kind recht pflegeleicht sei, dennoch: „Oft bin ich abends froh, wenn ich die Tür des Kinderzimmers zumache.“ Klar sei, dass wenig Zeit für Muße bleibe. Sie treffe sich zwar nach wie vor mit Freundinnen, gleichwohl steht die Ausbildung aktuell ganz oben auf der Agenda. Und: „Jede Frau steckt, wenn sie sich für ein Kind entscheidet, ein Stück zurück.“

Bestärkt fühlt sich die Teilzeit-Auszubildende auf ihrem Weg durch das Klima am Arbeitsplatz: „Die gehen schon sehr auf mich ein.“ Außerdem hat sie bereits die feste Zusage, dass sie nach der Ausbildung bleiben kann und eine feste Stelle bekommt.

Lebenserfahrung mitbringen

Auch für die andere Seite, die der Arbeitgeber, sind Auszubildende wie Fabienne Anders ein Gewinn. Davon ist Sebastian Boonk, Personalreferent beim Augenzentrum Nordwest, überzeugt. Auch deswegen, weil sie reifer seien, Lebenserfahrung mitbringen, sieht er den Benefit für den Arbeitgeber, auch wenn es etwas mehr Betreuungsbedarf gebe.

Ein weiteres Motiv für sein Haus, sich nicht zum ersten Mal für Teilzeit-Auszubildende zu entscheiden, ist ein strategisches: „Azubis sind zurzeit wirklich rar gesät, so wird der Bewerberkreis einfach erweitert.“

Bewerberin Fabienne Anders war jedenfalls „sehr schnell mittendrin“. Sie hat in ihrem ersten Jahr sehr viel Neues kennen gelernt und ist inzwischen auch schon mit einigen der vielen technischen Geräte vertraut: „Es ist hier wirklich alles sehr interessant, man erfährt sehr viel, es wird einem aber auch sehr viel zugetraut.“

Insofern hat sie keinerlei Zweifel daran, dass sie durchhalten wird und ihr Ziel in dreieinhalb Jahren mit der Abschlussprüfung erreichen wird: „Es ist anstrengend, ja, aber ich mach‘ das alles schließlich auch für mein Kind.“

Die Teilzeitberufsausbildung und das Projekt TEP

  • Eine Teilzeit-Ausbildung bietet Menschen (Frauen wie Männern) die Chance, Familie und Ausbildung zu vereinbaren; Arbeitgeber finden zusätzliches Potenzial zur Fachkräftegewinnung.

  • Im Kreis Borken haben bislang 60 Betriebe über TEP ausgebildet und 65 Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen. Die positive Bilanz: hohe Motivation, niedrige Abbruchquote, wenig Fehlzeiten, gute Noten.

  • Seit 2009 führt die BBS an den Standorten Ahaus und Bocholt das Projekt TEP durch. Das wird durch das Land NRW und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Es bereitet Menschen mit Familienaufgaben auf eine Ausbildung in Teilzeit vor; es akquiriert Ausbildungsplätze; vermittelt Betrieben Auszubildende; berät Betriebe bei der Umsetzung.

  • Kontakt: Berufsbildungsstätte Westmünsterland, Tel. (02561) 699440 (Ulrike Broscheit)
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