Deutschlandweit wird eine Rekordzahl der Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet. In Ahaus sind die Zahlen stabil, zwei Mitarbeiter erzählen aus dem Alltag und wollen Familien unterstützen.

Ahaus

, 06.09.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Jugendämter in Deutschland haben im Jahr 2019 bei rund 55500 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren das 10 Prozent oder rund 5100 Fälle mehr als 2018. Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen ist damit auf einen neuen Höchststand angestiegen.

Beim Jugendamt der Stadt Ahaus sind die Zahlen dagegen zuletzt nicht erheblich gestiegen. „Wir sind ein kleines Amt und stellen wenige Anträge auf Kindeswohlgefährdung“, berichtet Ralf Rehorst, beim Jugendamt unter anderem für den Schutz von Kindern zuständig. Die Anzahl der Fälle, mit denen sich das Jugendamt insgesamt beschäftigt, habe sich in den vergangenen Jahren auf einem stabilen Niveau eingependelt.

Umdenken vor etwa 15 Jahren

Eine größere Veränderung habe es dagegen vor etwa 15 Jahren gegeben. Fälle wie der Tod von Kevin in Bremen, den sein Stiefvater 2006 totprügelte und danach die Leiche im Kühlschrank aufbewahrte, hätten zu einem Umdenken und deutlich mehr Anrufen beim Jugendamt geführt.

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„Politik und Bevölkerung sind damals auf das Thema aufmerksam geworden. Die Bedeutung hat zugenommen, die Wichtigkeit ist angekommen“, weiß Heiner van Weyck, der bereits seit 25 Jahren im Jugendamt arbeitet. Derzeit passiere angesichts der bekannt gewordenen Fälle vom sexuellem Missbrauch in Lügde, Münster oder Bergisch Gladbach Ähnliches bei diesem Thema.

Frühe Hilfen sind wichtig

Daraufhin sei das Bundeskinderschutzgesetz Anfang 2012 eingeführt worden. „Dadurch ist der Bereich der Frühen Hilfen stärker in den Fokus getreten“, erläutert Heiner van Weyck, Leiter der Sozialen Dienste im Jugendamt. In Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) nehme man zum Beispiel beim Projekt „Morgensonne“ Kontakt zu den Familien in Geburtskliniken auf.

Die Fälle von Kindeswohlgefährdung haben bundesweit zugenommen.

Die Fälle von Kindeswohlgefährdung haben bundesweit zugenommen. © picture alliance / dpa

Alle 14 Tage wird das „Café Kinderwagen“ für Schwangere und junge Mütter abgehalten. Familien, die Nachwuchs bekommen, werden vom Jugendamt angeschrieben. „Wir versuchen, vor der Geburt der Kinder schon Hilfen zur Verfügung zu stellen“, fasst Ralf Rehorst die Präventivmaßnahmen zusammen.

Meldungen helfen

Die regelmäßigen Mitteilungen, die das Jugendamt von Bürgern aus ganz unterschiedlichen Bereichen erhält, reichen von Vernachlässigung und zu großer Lautstärke bis zu Gewalt. „Auch in Ahaus findet alles statt, obwohl wir ein kleines Amt sind. Meldungen an das Jugendamt sind ganz wichtig. Bei Familien, die wir nicht kennen, ist das eine Initialzündung“, so Heiner van Weyck.

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Durch mindestens zwei Fachkräfte wird zunächst ein Bogen ausgefüllt, bevor die Jugendamt-Mitarbeiter über weitere Schritte beraten. „Wenn Gefahr in Verzug ist und die Kinder in Not sind, machen wir einen unangemeldeten Hausbesuch“, erläutert Heiner van Weyck. Im weitaus häufigeren Fall werde aber die jeweilige Familie angeschrieben und ein gemeinsamer Termin vereinbart.

Hohe Hemmschwelle bei Familien

„Oft kommt man mit den Familien gut ins Gespräch“, stellt Ralf Rehorst fest. „Teilweise haben die Familien darauf schon gewartet, aber die Hemmschwelle, sich selbst zu melden, ist zu groß“, beobachtet Heiner van Weyck. Unter anderem mit sozialpädagogischen Hilfen und familientherapeutischen Maßnahmen könne das Jugendamt dann unterstützend tätig werden.

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Ein Antrag auf Kindeswohlgefährdung oder Inobhutnahme ist „meistens das Endprodukt einer Entwicklung, oft wird den Familien vorher schon geholfen“, so Ralf Rehorst. Oft können Jugendliche, nachdem sie von ihren Familien getrennt werden, später auch wieder zu diesen zurückkehren.

„Ganz wichtig sind gute Kommunikation und Kooperation“, stellt Heiner van Weyck heraus. Mit den Schulen und der Jugendhilfe arbeite man unter Beachtung des Datenschutzes mittlerweile eng zusammen. Mit der Polizei hat man gerade eine entsprechende Vereinbarung getroffen.

Mehr Anfragen in Corona-Zeiten

In Corona-Zeiten habe es zuletzt etwas mehr Anfragen und Rückmeldungen gegeben. „Es herrscht offensichtlich mehr Hilfebedarf“, meint Ralf Rehorst. Schulen und Kindergärten würden nach dem Eintritt in den Alltag anrufen, aber auch Familien und Nachbarn melden sich. „Da sind wir gerade erst dabei, die Auswirkungen mitzukriegen“, glaubt er.

Ein schockierender Fall wurde kürzlich in Solingen bekannt. Eine Mutter hat fünf ihrer Kinder umgebracht. Das lässt auch die erfahrenen Mitarbeiter des Jugendamts nicht kalt. „Ich war erst mal wirklich geschockt. Das macht auch deutlich: Auch wenn wir daran arbeiten, das absolute Kindeswohl gibt es nicht“, schildert Heiner van Weyck.

„Das kann nicht mehr sein“, war Ralf Rehorsts erste Reaktion. Gerade solche Fälle könnten aber auch eine Wirkung für die Zukunft haben. „Man muss einfach mal dahinter gucken und das aufarbeiten, damit frühzeitig Dinge erkannt werden und wir uns überlegen, wie man den Kinderschutz besser gestaltet.“

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