Krankenschwester geohrfeigt, am Rathaus randaliert, Beamte beleidigt

rnAuffälliger Ahauser

Selbst vor Gericht schimpfte der Angeklagte unflätig über Polizisten und war kaum zu stoppen. Im Rathaus, im Gericht und an der Polizei hatte er beleidigt; in der Notaufnahme zugeschlagen.

Ahaus

, 12.08.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 35-Jährige kann wohl nicht anders: Er redet, bevor er zu Ende denkt. Dabei beleidigt er oft und belegt sein Gegenüber mit den übelsten Schimpfwörtern. Weil der schwer Alkoholkranke darüber hinaus auch noch handgreiflich wurde, landete er – wieder mal – vor Gericht. Wegen fünf Anklagen.

Im Gerichtssaal war der Angeklagte vielen Beteiligten bekannt

Im Gerichtssaal traf der Angeklagte, der aus dem Maßregelvollzug in Begleitung von zwei Justizbeamten ins Gericht gebracht worden war, auf viele „alte Bekannte“. Selbst der Richter kannte ihn von Jugend an. Der Angeklagte ist den Justizbeamten des Ahauser Amtsgerichts wohlbekannt, den Mitarbeitern des Ahauser Sozialamtes, auch für die Krankenschwestern der Notaufnahme war er kein neuer Patient. Und die Ahauser Polizisten, die er sogar während der Verhandlung bei seinen Erzählungen am Rande mit unflätigen Schimpfwörtern belegte, kannte er alle und er ließ kein gutes Haar an ihnen: Nie würden sie ihm helfen, sondern ihn nicht ernst nehmen.

Richter muss sich Gehör verschaffen: „Sie haben jetzt Pause!“

„Sie haben jetzt Pause!“ war wohl der Satz, der am öftesten fiel in der Verhandlung. Oder „Stopp!“. Und das donnernd laut. Denn damit musste der Richter den Angeklagten unterbrechen, der immer weiter redete. Es gab schließlich fünf Situationen, die vor Gericht zu klären waren. Und viele Zeugen zu hören.

Das Ahauser Rathaus war gleich zweimal Schauplatz seiner Ausraster. Einmal wollte er sich über zu wenig überwiesene Sozialleistungen beschweren. Weil er das in seiner undiplomatischen Art tat, kam schnell der Fachbereichsleiter mit einem Kollegen ins Foyer und brachten ihn nach draußen. Dort ging es aber weiter: Er kletterte auf eine Fensterbank und beleidigte durch das auf Kipp stehende Fenster die Rathausmitarbeiter dahinter – andere Worte als „fette Sau“ Worte mochte der Fachbereichsleiter als Zeuge gar nicht wiederholen.

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Die Polizei beendete diesen Rathausbesuch. Ein anderer versetzte zwei Mitarbeiterinnen im Büro der Bürgermeisterin in Schrecken: Er wollte einen Termin bei der Bürgermeisterin haben. Diese war aber nicht da, was er nicht glauben wollte.

Dabei ging es nicht nur um Beleidigung, sondern auch um Bedrohung. „Ich komme sonst morgen mit dem Messer vorbei“, habe er gesagt. Nicht energisch, eher nebenbei habe er es gesagt. Richtige Angst hätten sie nicht gehabt, aber sich schon bedroht gefühlt, so die als Zeugin geladene Rathaus-Mitarbeiterin. Der Angeklagte hatte zuvor schon seine Version erzählt: Er habe den beiden Frauen seine Hand gezeigt, in der mal ein Messer gelandet war. „Das war ein Missverständnis.“

„Das wollte ich nicht. ich bin jetzt in Therapie“

Er sprang auf und zeigte dem Richter die Hand – die beiden Justizbeamten gingen schon in Stellung. Aber er regte sich gleich wieder ab und entschuldigte sich später bei der Zeugin: „Das wollte ich nicht. Ich bin jetzt in Therapie.“

Seinen Rausschmiss aus dem Amtsgericht – dort hatte er in der Schleuse auf der Fensterbank gesessen und Besucher beleidigt – sah er auch anders: Er habe 1,50 Meter von den beiden Beamten entfernt gestanden „und gefuchtelt.“

Der Beamte hatte eine andere Erinnerung: Er habe mit der Faust gedroht und einen mit zwei Flaschen gefüllten Jutebeutel in seine Richtung geschwungen. „Ich würde doch nicht mit meinem Schnaps schlagen, dann hätte ich ja keinen mehr“, so der Angeklagte dazu. Am Rande: Nach diesem Vorfall wurde eine Blutprobe genommen, die 2,7 Promille ergab.

Angeklagter: „Ich bin sowieso froh, wenn die Show hier vorbei ist“

Der Alkohol und die Aggression – beide Probleme bestritt der Angeklagte gar nicht. „Ich bin immer aggressiv“, beantwortete er eine Frage des Richters, und warum dieser dauernd fragte, ob er in diesem und jenen Fall alkoholisiert war, verstand er auch nicht: „Ein, zwei Bier habe ich immer auf, meistens ein Six-Pack.“ Als der Richter wegen seines Redeflusses eine Pause anordnete, kommentierte der Angeklagte: „Ich bin sowieso froh, wenn die Show hier vorbei ist.“

Tatort Polizeiwache an der Graeser Straße in Ahaus: Mit dem „Stinkefinger“ beleidigte der Angeklagte beim Vorbeigehen einen Beamten dort.

Tatort Polizeiwache an der Graeser Straße in Ahaus: Mit dem „Stinkefinger“ beleidigte der Angeklagte beim Vorbeigehen einen Beamten dort. © Stefan Grothues

Das Verfahren wegen Beleidigung, weil er beim Vorbeigehen an der Ahauser Polizeiwache einem Beamten den „Stinkefinger“ gezeigt hatte, konnte schnell abgehakt werden. „Das habe ich bestimmt zehn Mal gemacht“, sagte der Angeklagte. „Ja, ja, ja, das gebe ich zu.“

Den Schlag stritt der Angeklagte vehement ab

Dass er eine Krankenschwester der Notaufnahme geschlagen haben sollte, bestritt er vehement. Er gab schon zu, wegen der Wartezeit ungeduldig gewesen zu sein und die Krankenschwestern und die Ärztin beleidigt zu haben. Die Krankenschwester schilderte aber sehr genau, wie der Angeklagte sie in einen Raum gedrängt und mit der flachen Hand auf die rechte Wange geschlagen habe.

Alle Zeugenaussagen hielt das Gericht für voll glaubwürdig. Die Tatvorwürfe schränkten Staatsanwalt und Richter aber einvernehmlich ein auf insgesamt zwei Fälle von Beleidigung, auf einen besonders schweren Fall eines tätlichen Angriffs gegen einen Vollstreckungsbeamten und eine vorsätzliche Körperverletzung.

Nochmal eine Chance für den Angeklagten

Weil der Bericht der LWL-Maßregelvollzugsklinik Schloss Haldem aussagte, dass der Angeklagte seiner Therapie gegenüber aufgeschlossen sei, gab der Richter dem 35-Jährigen noch eine Chance: Der Staatsanwalt hatte eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten ohne Bewährung gefordert, der Richter verhängte „mit Bedenken“ ein Jahr Haft, die für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird, und 150 Sozialstunden. Bis 2022 muss der Ahauser, der 2019 in Ahaus wegen ähnlicher Taten verurteilt worden war, sowieso noch in Haft bleiben – und die Alkoholentzugstherapie absolvieren.

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