Dr. Johannes Wolters steht kurz vor seinem 75. Geburtstag. Nach 42 Jahren als Arzt in Wüllen verlässt er nun seine Praxis. In den Ruhestand will er deswegen dennoch nicht gehen. Vielleicht sucht er sich eine Stelle als freier Mitarbeiter. © Stephan Rape
Dr. Johannes Wolters

Landarzt verlässt seine Praxis nach 42 Jahren – und arbeitet weiter

Dr. Johannes Wolters ist eine Institution in Wüllen. Der Hausarzt ist 42 Jahre in seiner Arztpraxis tätig – gewesen. Mit fast 75 Jahren legt er seinen Dienst nieder. Und will doch weiter arbeiten.

Seine letzte Sprechstunde hatte er am Mittwoch, am Donnerstag folgte dann sein letzter Tag in der Arztpraxis: Dr. Johannes Wolters hat nach 42 Jahren als Arzt in Wüllen seinen Kittel an den Nagel gehängt. Im stolzen Alter von fast 75. Endgültig aufzuhören – daran denkt er trotzdem noch nicht.

Am 1. Juli 1979 nahm er nach dem Studium in Münster den Dienst in Wüllen auf. Bis kurz vorher hatte er noch mit dem Gedanken gespielt, sich in Vreden als Kinderarzt niederzulassen. Doch das habe sich dann anders ergeben. Ein Schritt, den er nie bereut hat. „Ich würde mich heute sofort wieder niederlassen“, sagt er ganz klar. In der Anfangszeit wohnte er sogar in der Praxis. Seine Frau mit den beiden Kindern lebte da noch in Vreden.

Früher galt für Hausärzte eine strenge Residenzpflicht

Für Ärzte galt eine strenge Residenzpflicht: Sie mussten im Umkreis von 500 Metern um die Praxis wohnen. Neben dem Dienst gab es nur wenig freie Zeit. „Unter 60 Stunden pro Woche waren es nur selten“, sagt Johannes Wolters. Auch 70 oder 80 Wochenstunden seien recht regelmäßig vorgekommen. Dazu Dienste am Wochenende oder die Notdienste. Die seien damals längst nicht so regelmäßig verteilt gewesen.

Zusätzlich zu Sprechstunden, Hausbesuchen und Notfällen kam dann ja noch die ganze Verwaltung. „Das habe ich allerdings immer sehr gerne gemacht“, betont Johannes Wolters. Das Erfolgsrezept für ihn: „Ich bin einerseits ein sturer Esel und andererseits sehr pingelig.“ Jeden Abend sieht er beispielsweise die Akten jedes Patienten des Tages noch einmal durch. „Das kostet natürlich Zeit“, sagt er. Doch an jedem Tag finde er Fehler.

Lange Wege in die Wüllener Bauerschaften

Zwei Jahre nachdem er in Wüllen die Praxis eröffnet hatte, zog er an den Ammelner Weg, direkt neben sein damals neu gebautes Wohnhaus. „Ich hatte damals noch ‚Landarzt‘ auf dem Schild stehen“, erinnert sich der geborene Borkener. Wegen der langen Wege in die Bauerschaften habe es damals noch etwas mehr Geld für einen Arzt auf dem Land gegeben. „Bis Sabstätte 1 sind es gute zehn Kilometer“, sagt er. Das sei die größte Entfernung von der Praxis am Ammelner Weg. Barle, Ortwick, Unterortwick, Sabstätte – Wüllen verteile sich ja schließlich über eine sehr große Fläche. „Da fährt man eben eine ganze Menge“, fügt er hinzu. Noch dazu wo er in den Anfangsjahren der einzige Arzt in Wüllen gewesen sei.

Klar sei das damals noch ein ganz anderes Arbeiten gewesen: „Es gab ja weder Mobil- noch Funktelefon.“ Wenn er unterwegs zu Hausbesuchen war und dann ein zusätzlicher Patient anrief, musste seine Ehefrau hinter ihm her telefonieren. „Die hatte eine Liste mit meinen Patienten und meinen ungefähren Zeitplan“, erklärt er. Und diese Patienten habe sie dann auf der Suche nach ihrem Mann abtelefoniert. Wenn sie ihn schließlich erwischte, konnte sie ihm die zusätzlichen Termine übermitteln.

Betreuung war früher „anders“, aber „persönlicher“

Auch Computer und Chipkarten gab es früher nicht. Genauso wie ambulante Pflege oder betreutes Wohnen. Johannes Wolters mag nicht von einem „besser“ oder „schlechter“ sprechen. „Anders war es“, sagt er. „Und persönlicher.“

Insgesamt spricht er den Wüllenern ein großes Lob aus: „Über die Menschen hier kann ich nur ganz wenig stinkstiefeln“, sagt er mit unbewegtem Gesicht. Für einen kurzen Moment huscht dann doch ein Lächeln durch seine Mundwinkel. „Nein, die Menschen hier vertrauen ihrem Arzt. Das hat sich nicht geändert“, sagt er. Trotz Google und dem „unvermeidlichen Smartphone in der Tasche“.

Offiziell ist er schon vor zehn Jahren in den Ruhestand gegangen. Doch er arbeitete weiter, schloss einen Vertrag über zehn Jahre mit seinem Kollegen und Nachfolger Ansgar Wolf. Dieser Vertrag ist nun ausgelaufen. Eine Verlängerung schien dann doch zu unsicher. In der Praxis tritt Galina Valcheva seine Nachfolge an. Sie arbeitet schon seit dem 1. Januar dort. Auch diese Nachfolgeregelung sei allerdings nicht ganz einfach gewesen. „Wir mussten eine ganze Zeit lang suchen“, ergänzt Ansgar Wolf.

An wirklichen Ruhestand ist noch nicht zu denken

Für Johannes Wolters ist es ein durchaus schmerzhafter Abschied: „Ich würde auch jetzt noch weiter arbeiten“, sagt er. Und das hat er auch weiter vor: vielleicht als Vertretung oder als freier Mitarbeiter. „Ich versuche irgendwo unterzukommen“, sagt er. Ob das allerdings realistisch sei, sei eine andere Frage. „Ich will aber nicht den ganzen Tag mit Golfspielen oder Fahrradfahren vertrödeln“, macht er ganz klar. Das liege ihm nicht.

Ansgar Wolf nickt. „Johannes Wolters gehört eindeutig noch zu der Generation der absoluten Vollblutmediziner“, sagt er. Der 74-Jährige will das Lob schon beinahe angestrengt beiseite wischen.

Einem Menschen will Josef Wolters am Ende seiner Berufslaufbahn auf jeden Fall danken: „Hätte mir meine Frau über die ganzen Jahre nicht den Rücken freigehalten, hätte das so nie funktioniert.“

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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