Wegen schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes hat das Jugendschöffengericht am Donnerstag einen zum Tatzeitpunkt 18-Jährigen schuldig gesprochen. Die Strafe erscheint milde.

Ahaus

, 04.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Das Opfer ein Kind, der Angeklagte schwer geistig behindert – es war ein schwieriger Fall, der am Donnerstag vor dem Jugendschöffengericht in Ahaus verhandelt wurde. Schwierig besonders für das Gericht in seiner Urteilsfindung.

Schutz für Opfer und Täter

Das Opfer ist ein Kind unter 14 Jahren, der Täter ein schwer geistig behinderter junger Mann: Die Redaktion hat sich dazu entschieden, aus Schutz für Opfer und Täter auf Alters- und Wohnortangaben bei der Berichterstattung über diesen Prozess zu verzichten.

Für alle Seiten war am Ende der über zweieinhalbstündigen Verhandlung mehr oder weniger klar, dass der zum Tatzeitpunkt 18-jährige Angeklagte ungeschützten Geschlechtsverkehr mit dem Kind hatte. Das war zum Tatzeitpunkt noch keine 14 Jahre alt. Damit wurde der Beischlaf zu einer schweren Straftat.

Seit seiner Geburt ist der Angeklagte durch einen Hirnschaden geistig behindert. Ein Sachverständiger bescheinigte ihm gestern im Gerichtssaal einen IQ von unter 55. Dadurch sei bei dem jungen Mann eine verminderte Steuerungsfähigkeit anzunehmen. Auch schloss der Gutachter eine Persönlichkeitsstörung nicht aus. Die Tat beschrieb der Sachverständige aus Meschede mit „einem gewissen Neugierverhalten“ und sprach von einer „testosterongesteuerten Handlungsform“.

Die Tat des Angeklagten birgt eine besondere Tragik für das Opfer. Wie die Mutter des Kindes als Zeugin berichtete, wurde ihre Tochter bereits ein paar Jahre zuvor Opfer eines sexuellen Missbrauchs.

Mädchen schon früher missbraucht

Nach der neuerlichen Tat leide ihr Kind. Es sei in Behandlung bei einem Psychologen. Ihre Tochter habe Albträume, weine viel und habe angefangen, sich zu ritzen, also selbst zu verletzten. „Der Schmerz ist nicht so schlimm wie der andere Schmerz“, habe ihre Tochter auf die Frage geantwortet, warum sie das tue.

Bei dem Opfer handelt es sich um eine Freundin der Schwester des Angeklagten. Die Kinder kennen sich aus der Nachbarschaft. Opfer und Täter mochten sich offenbar. Jedenfalls berichtete ein Vernehmungsbeamter der Polizei, dass das Kind bei seiner Anhörung geschildert habe, von dem Angeklagten Wochen vor der Tat einen Liebesbrief erhalten zu haben.

Liebesbrief zauberte ein Lächeln

Den Brief konnte das Kind auswendig aufsagen. „Sie hat gelacht, als sie ihn vortrug“, schilderte der Polizeibeamte, dass offenbar gegenseitige Zuneigung bestanden haben muss. Im Folgenden kam es zu ersten Küssen und Berührungen. Als das Kind dann im Haus der Eltern des Angeklagten übernachtete, kam es zu dem Missbrauch.

Ob der Geschlechtsverkehr einvernehmlich geschah oder gegen den Willen des Kindes, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Das Opfer berichtete, so stand es im Polizeiprotokoll, der Angeklagte habe sie an den Händen festgehalten. Der Angeklagte sagte aus, sie hätten Händchen gehalten.

Fest steht: Das Opfer hat am Morgen nach der Tat die Familie des Angeklagten überraschend schnell verlassen. Das schilderte die Mutter des Angeklagten als Zeugin.

Schon früher sexuelle Berührung

Ein Vernehmungsbeamter der Polizei berichtete auch, dass es offenbar schon vorher zu Berührungen des Angeklagten im Genitalbereich des Opfers kam. Das Mädchen sagte bei der Polizei aus, sie habe dem jungen Mann weggestoßen und klar gemacht, dass sie das nicht wolle.

Ob die Einvernehmlichkeit bei den sexuellen Handlungen bestand, das war nicht Gegenstand des Verfahrens vor dem Jugendschöffengericht. Dort ging es allein um den sexuellen Missbrauch eines Kindes.

Ein Geschwisterkind des Angeklagten berichtete den Eltern des Mädchens dann, dass Opfer und Täter sich nach seiner Beobachtung geküsst hatten. Daraufhin stellten die Eltern beider zunächst den Angeklagten zur Rede und befragten dann auch das Mädchen.

Mütter gingen gemeinsam zur Polizei

„Wir waren alle schockiert“, sagte die Mutter des Opfers. Ergebnis des Gesprächs: Die beiden Mütter gingen gemeinsam zur Polizei und berichteten dort von der Tat. Damit nahm die juristische Aufarbeitung ihren Lauf.

Der Angeklagte sagte am Donnerstag vor Gericht aus. Er brauchte lange für seine Antworten auf die Fragen des Richters. Teilweise sprach er zu seiner Anwältin, die dann antwortete.

Dass der junge Mann vor Gericht aussagte, ersparte dem Opfer die Aussage vor Gericht. Das Kind war zwar als Zeugin geladen, der Richter bat Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage aber mehrfach, auf die Anhörung des Opfers zu verzichten. Nach den Aussagen des Polizeibeamten und der beiden Mütter stimmten diese dem dann zu.

Sachverständiger: Haftstrafe wäre kontraproduktiv

„Alle freiheitsentziehenden Maßnahmen sind für ihn kontraproduktiv“, warnte der sachverständige Psychologe mit Blick auf die verminderte Intelligenzleistung des Angeklagten vor einer Inhaftierung. Eine Haftstrafe wäre bei der Schwere der Tat durchaus möglich gewesen.

Der Sachverständige empfahl dem Gericht eine Verhaltenstherapie für den Angeklagten. Was er dabei lerne, werde er für den Rest seines Lebens auch umsetzen, meinte der Marsberger: „Er muss es lernen und wird bei dem Erlernten bleiben“.

Keinen Zweifel hatte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer daran, dass der Missbrauch des Mädchens durch den Angeklagten stattgefunden hatte. „Die Bestrafung ist hier nicht so ganz einfach“, schloss sich der Staatsanwalt dem Gutachter an, was die verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten angeht. Trotzdem sei die Tat ein Verbrechenstatbestand.

Mangel an Sanktionsmöglichkeiten

Auf die geistige Situation des Angeklagten eingehend sei es „wichtig, dass der Angeklagte aus dem Fall lernt“. Das war dem Staatsanwalt auch wichtiger als eine Inhaftierung. „Mangels anderer geeigneter Sanktionen“, beantragte er die Durchführung einer Verhaltenstherapie für den Angeklagten.

Dem schloss sich die Nebenklagevertreterin an, die außerdem eine finanzielle Strafe, zu zahlen an das Opfer, beantragte. „Er bekommt 150 Euro Taschengeld“, sagte die Anwältin des Angeklagten. Er gehe einer betreuten Aufgabe nach und bekomme dafür kein großes Entgelt. Auch sie bat um eine langfristige Verhaltenstherapie.

Intellektuelle Einschränkung

Dem schloss sich das Gericht in seinem Urteil an. Es sprach den Angeklagten – wegen seiner Intellektuellen Einschränkungen – unter Anwendung des Jugendstrafrechts des schweren sexuellen Missbrauchs für schuldig.

Der junge Mann sei in seiner strafrechtlichen Verantwortung erheblich eingeschränkt, begründete das Gericht. 50 Stunden gemeinnützige Arbeit, Betreuung durch Jugendamt und Jugendgericht sowie die Verhaltenstherapie gehören zum Urteil. Die Verhaltenstherapie soll so lange andauern, wie es Jugendamt und Psychologen für erforderlich halten.

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