Neue „Bonpflicht“ sorgt in Ahaus für Unverständnis und bringt laut Steuerberater nichts

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Seit dem 1. Januar gilt deutschlandweit die „Bonpflicht“. Seitdem häufen sich im Einzelhandel Szenen von genervten Kunden und Verkäufern. Sie verstehen den Sinn des Gesetzes nicht.

von Christin Lesker

Ahaus

, 04.01.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Aus der Kasse hängen gut zehn Kassenbons und der Mülleimer unter der Theke ist schon prall gefüllt. Als wir das Personal in der Fleischerei Beckers in Ahaus nach den Veränderungen im Verkauf seit dem 1. Januar fragen, schüttelt die Fleischerei-Fachverkäuferin nur den Kopf. „Ich sehe darin keinen Sinn. Wir drucken die Bons schon seit einigen Tagen bei jedem Kauf aus und es kommt oft zu Gesprächen mit den Kunden. Die sind genervt", erklärt sie.

Das Meinungsbild ist eindeutig: Niemand will für seine kleinen Einkäufe einen Kassenbon haben. Kaum ein Kunde verstehe – so der allgemeine Tenor – den Sinn hinter der Kassenbonpflicht. "Die Kunden schmeißen uns die Bons zurück auf die Theke", erklärt Heike Tenbeitel von der Dorf-Bäckerei am Domhof. Ihre Kollegin Miriam Timmer legt nach: „Es gibt sowieso schon genug Müll. Das neue Gesetz ist völlig unnötig.“ Auch Dr. Wilfried Bachem, Geschäftsführer des Steuerberaterverbands Köln, findet nichts Gutes an der neuen Regelung.

„Der Staat schwimmt im Geld“

Dr. Wilfried Bachem hat eine klare Meinung zu diesem Versuch, dem Steuerbetrug vorzubeugen. „Die Belegausgabepflicht ist bürokratischer Unsinn. Das ist ein verzweifelter Versuch der Politik, kleine, eventuell hinterzogene Beträge ausfindig zu machen. Dabei haben wir in Deutschland kein Steuereinnahmeproblem. Der Staat schwimmt im Geld."

Neue „Bonpflicht“ sorgt in Ahaus für Unverständnis und bringt laut Steuerberater nichts

Miriam Timmer von der Dorf-Bäckerei am Domhof kann über die neu eingeführten Bonpflicht nur den Kopf schütteln. Die Müllberge häufen sich. © Christin Lesker

Diese Einschätzung begründet der Fachanwalt für Steuerrecht mit den Überschüssen, die der Bundeshaushalt aktuell erzielt. "Seit 2004 sind die jährlichen Steuereinnahmen von 443 Milliarden Euro auf über 800 Milliarden Euro gestiegen", erklärt er. „Wir haben ein Ausgabeproblem", behauptet dieser. Eine Kürzung der Ausgaben sei geboten, aber das würde der Staat nicht hinbekommen, poltert Wilfried Bachem.

Riesen Aufwand, minimaler Ertrag

„Es ist ein sehr großer Aufwand für einen allenfalls minimalen Ertrag". Der Aufwand und die damit verbundenen hohen Kosten würden vor allem die kleinen und mittleren Unternehmer treffen.

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Einige Männer essen an dem Stehtisch im Fleischereigeschäft Beckers zu Mittag. Als sie mitbekommen, dass im Geschäft über die Bonpflicht diskutiert wird, meint einer dazu: "Das ist der größte Schwachsinn. Eine der größten Fehlentscheidungen in der letzten Zeit." Ein anderer findet: "Man sollte alle Bons sammeln und dem Finanzamt in den Briefkasten werfen." Als er seine Wurst bezahlt, drückt er der Redakteurin den Bon in die Hand. "Ich brauche den nicht. Vielleicht können Sie ja etwas damit anfangen".

Ausnahmeanträge nicht genehmigt

Hintergrund der Bonpflicht: Wenn kein Beleg ausgedruckt bzw. digital verschickt wird, kann der Kunde nicht nachvollziehen, was der Verkäufer eingebongt hat. Der Verkäufer könnte demnach falsch verbuchen und so Steuern unterschlagen. "Aber zum einen würde niemand Straftaten öffentlich hinter der Ladentheke begehen, schon deshalb ist das der falsche Ansatz", findet Wilfried Bachem. "Zum anderen findet man durch eine Kassenbonpflicht sicher nicht die dicken Fische." Im Übrigen bekämpfe bereits die Pflicht, manipulationssichere elektronische Registrierkassensysteme mit digitaler Grundaufzeichnung einzuführen, eventuelle Steuerhinterziehung bei Bargeschäften mehr als genug, so Bachem.

Vielen Mandanten habe man geraten, einen Ausnahmeantrag zu stellen, um die neue Regelung zu umgehen. Die Finanzbehörden könnten aus Unzumutbarkeitsgründen Ausnahmen von der Belegausgabepflicht gewähren, wenn Waren an eine Vielzahl unbekannter Personen verkauft werden. "Aber ganz egal in welcher Branche, es wurde bisher keiner der Ausnahmeanträge genehmigt", fasst Wilfried Bachem zusammen.

Genervte Kunden und viel Müll

Die Kunden im Ahauser Einzelhandel sind jedenfalls genervt. Viele argumentieren mit dem Umweltschutz und finden vor allem die Sondermüllberge, die durch die neue Belegausgabepflicht entstehen, bedenklich. „Da darf man nicht von Umweltschutz reden. Ich habe die Mülltonne immer voll", erklärt Markus Schmitt, der als Tankwart bei Shell an der Bahnhofstraße arbeitet. Wie vom Gesetz gefordert drückt er seinem Kunden zum Kauf einer Energydrink Dose einen Kassenbon in die Hand. „Die Quittung kannst du behalten, die würde ich niemals mitnehmen", antwortet dieser lachend und gibt ihm den Bon zurück.

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