Neustart in ein Leben in Frieden und Freiheit: Shukria (20) fängt in Deutschland ganz neu an

Flucht

Shukria ist aus ihrer Heimat Somalia vor Unterdrückung und Hass geflohen. Nun möchte sie in Deutschland ein neues Leben anfangen – mit ein wenig Hilfe. Das ist ihre bewegende Geschichte.

Ahaus

13.09.2019, 05:05 Uhr / Lesedauer: 4 min
Neustart in ein Leben in Frieden und Freiheit: Shukria (20) fängt in Deutschland ganz neu an

Shukria mit dem Anleiter in der Jugendwerkstatt, Gert Steverding . © Privat

Es sind tiefbraune, dunkle Augen, die Shukrias Gesicht beherrschen. Ein hellgraues Kopftuch verbirgt die Haare, eine weite, fliederfarbene Jacke die Körperkonturen. Die weißen Zähne blitzen, wenn die junge Frau lächelt. Nur ihre Augen erreicht dieses Lächeln selten. Sie sind beherrscht von einer großen Melancholie. Skepsis lässt sich erkennen, auch ein wenig Vorsicht. Aufmerksam verfolgt die 20-Jährige die Fragen, antwortet mit einer Sprach-Mischung aus Deutsch und Englisch.

Seit zehn Monaten ist Shukria in Deutschland – geflohen aus ihrer Heimat Somalia. Ihr Vater war dort vor drei Jahren von der Terrormiliz erschossen worden. Mutter und Tochter kümmerten sich seitdem gemeinsam um das Familienunternehmen – einen Kiosk – um sich sowie Shukrias drei Schwestern und zwei Brüder zu ernähren.

Bei einer Kontrolle der Miliz wurde das Päckchen entdeckt

Eines Tages, so erzählt die junge Somalierin, sei ein Mann zu ihnen gekommen und habe sie darum gebeten, ein Paket für ihn aufzubewahren. Bei einer Kontrolle der Miliz wurde das Päckchen entdeckt – es enthielt den im Land verbotenen Alkohol. Shukria und ihrer Mutter wurde ein „kurzer Prozess“ gemacht.

Die beiden unverheirateten Frauen wurden festgenommen, die Geschwister ebenfalls. Nach dem traditionellen Freitagsgebet im Stadion des Ortes gab es für die Familie ein Gerichtsverfahren. „Natürlich ohne Anwalt. Und natürlich ohne Anhörung“, sagt Shukria bitter.

Gefängnisse in Somalia sind nicht denen in Europa ähnlich

Die Frauen wurden wegen Alkoholbesitzes und aufgrund der Tatsache, dass sie keinen Ehemann vorweisen konnten, zu drei (die Mutter) und sechs Monaten (Shukria) Gefängnis verurteilt. Anschließend, so ordnete der Richter an, würden Mutter und Tochter zwangsverheiratet.

Gefängnisse in Somalia, so erklärt Shukria, sind nicht denen in Europa ähnlich. Es sind Lehmhütten ohne Gitterstäbe – aber mit Wächtern davor. Als ihre Bewacher eines Tages von ehemaligen Dorfbewohnern angegriffen wurden, nutzte Shukria ihre Chance zur Flucht. Mutter und Geschwister blieben zurück. „Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht“, sagt die junge Frau leise.

Die militante islamistische Bewegung beherrscht das ganze Land

Die 20-Jährige rannte orientierungslos durch den Dschungel um ihr Leben. Sie wusste, die Al-Shabaab-Kämpfer würden nach ihr suchen. Die militante islamistische Bewegung beherrscht das ganze Land und steht auf der Liste der durch das US-Außenministerium ausgewiesenen terroristischen Organisationen im Ausland.

Schließlich landete sie in dem Dorf, wo ihre Großmutter lebt. Die alte Dame aber erkannte, dass sie ihre verfolgte Enkelin nicht beherbergen konnte. Gemeinsam mit einem Onkel Shukrias und einem Helfer wurde für die junge Frau die Flucht außer Landes organisiert.

Über Kenia und Griechenland führte der Weg nach Deutschland

Über Kenia, die Türkei und Griechenland führte der Weg nach Deutschland. „Mein Ziel war immer Europa“, sagt Shukria, deren heutiger Aufenthaltsort sich letztlich in Griechenland entschied. „Dort hat mir ein Mann ein Bahn-Ticket in die Hand gedrückt und mir gesagt, an welchem Bahnhof ich mich in Deutschland in den Zug setzen und an der wievielten Station ich aussteigen musste.“ Ihre Endstation war Bochum.

Törperliche Misshandlungen sind an der TagesordnungVon Deutschland, so erzählt sie weiter, habe sie nur eines gewusst: „Hier gibt es Freiheit. Freiheit auch für Frauen.“ Die, so fährt Shukria fort, kenne vor allem der weibliche Bevölkerungsteil in Somalia nicht. Frauen seien dort ein Nichts. Sie hätten weder einen eigenen Willen zu haben, noch gäbe es für sie Mitspracherecht.

Die Sprachen Arabisch und Englisch haben ihr die Eltern beigebracht

Über diese absolute Unterwerfung hinaus sind beispielsweise auch körperliche Misshandlungen – wie etwa die Genitalverstümmelung – an der Tagesordnung.

Zur Schule ist Shukria nie gegangen. Die Sprachen Arabisch und Englisch haben ihr die Eltern beigebracht. Ihre Aufgabe als Tochter war es, im Haushalt zu helfen. In der Erwartung, dass eines Tages ein Mann kommen und sie zur Ehefrau nehmen würde.

„Bei uns wird nicht nach Liebe gefragt. Der Mann bestimmt, wer seine Frau wird, spricht mit deren Vater – und der gibt in der Regel seine Zustimmung. Man bekommt viele Babys und kümmert sich um die Kinder.“ Ein für die meisten Afrikanerinnen vorgezeichneter Lebensweg, dem sie sich entzogen hat.

Angst war ihr stetiger Begleiter

Shukria wechselt das Thema. Taucht aus der Vergangenheit auf – hinein in die Gegenwart. „In Deutschland“, schildert sie ihre ersten Eindrücke, „dürfen Mädchen und Jungen zur Schule gehen. Hier dürfen beide arbeiten. Auch in der Familie ist es anders.“ Familie, das sind für sie jetzt die Teilnehmer im „Haus der Integration“ mit dem Soziallädchen und der Jugendwerkstatt. Dass sie dort als einzige Frau unter Männern ist, daran hat sie sich inzwischen gewöhnt.

Ihr stehen „Mama Marina“ Butzert, Anleiterin im Soziallädchen, sowie die Sozialpädagogin Anna Fleer zur Seite, die dort im Auftrag der Stadt Ahaus, des LWL sowie des Berufsorientierungszentrums der BBS das Soziallädchen und die Jugendwerkstatt betreuen. „Wenn ich in Somalia aus dem Haus gegangen bin, wusste ich nie, ob ich wiederkomme oder unterwegs getötet werde. Jetzt bin ich sicher“, sagt die 20-Jährige.

Ihre Wünsche und ihre Träume richten sich auf eine dauerhafte Bleibe

Ihre Wünsche und ihre Träume richten sich auf eine dauerhafte Bleibe. Einen gewissen Schutz gebe ihr dabei auch ihr Kopftuch: „Nicht alle hier verstehen mich und meine Beweggründe. Aber sie akzeptieren und respektieren mich mit dem Kopftuch als muslimische Schwester“, ist sie überzeugt.

Neustart in ein Leben in Frieden und Freiheit: Shukria (20) fängt in Deutschland ganz neu an

© Privat

Ihre Wünsche und ihre Träume richten sich auf eine dauerhafte Bleibe. Ihr Asylstatus ist noch nicht abschließend geklärt. Shukria hat gegen den ersten Bescheid des Bundesamts Klage eingereicht. Mit guter Perspektive bei der nun anstehenden Prüfung durch das Gericht, denn Somalia gilt (noch) als unsicherer Herkunftsstaat. Bis zur endgültigen Entscheidung will Shukria ihre Deutschkenntnisse weiter verbessern.

„Gerne würde ich eine Arbeit aufnehmen“, äußert sie erste Hoffnungen. „Und natürlich wäre dann eine eigene Wohnung schön. Für mich allein.“ Ja, gibt sie auf Nachfrage zurück, „irgendwann könnte ich mir auch vorstellen zu heiraten. Aber leben möchte ich nach deutschem Vorbild. Für die Kinder gibt es einen Kindergarten. Ich möchte später nach der Geburt wieder arbeiten. Hier geht für Frauen ja beides.“

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