Pfarrer Stefan Jürgens zum Finanzskandal: „Frühere Päpste hätten versucht, es zu verschleiern“

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Er gilt als einer der schärfstens Kritiker der katholischen Kirche aus den eigenen Reihen. Pfarrer Stefan Jürgens ist in Ahaus angekommen und nimmt auch hier kein Blatt vor den Mund.

Ahaus

, 27.11.2019, 20:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das Klingelschild ist angebracht, die meisten Umzugskartons sind ausgeräumt: Stefan Jürgens (51) ist endgültig in Ahaus angekommen. Der neue leitende Pfarrer der beiden Pfarreien St.-Mariä-Himmelfahrt Ahaus und St.-Mariä-Himmelfahrt Alstätte/Ottenstein freut sich auf seine neue Aufgabe in seiner neuen, alten Heimat. Im Gespräch mit der Redaktion sprach er unter anderem über seine Zeit in Münster, die Resonanz auf seine Kirchenkritik und Frauen in der Kirche.

Von 1994 bis 1997 waren Sie Kaplan in St.-Mariä-Himmelfahrt in Ahaus. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Mit Ahaus verbinde ich eine sehr lebendige Gemeinde mit selbstbewussten Christen, die gut wissen, was sie tun. Jetzt werde ich Pfarrer in Ahaus und Alstätte/Ottenstein. Das heißt, auf mich kommt jetzt auch Neues zu. Ahaus hat als Schulstadt und ehemalige Kreisstadt ein großes kulturelles Angebot, ein großes Bildungsangebot mit der VHS und dem Schloss zum Beispiel. Von daher habe ich an Ahaus wirklich beste Erinnerungen. Und vor allem: Man kann sagen, was man denkt.

Wussten die Ahauser das wertzuschätzen? Die Westfalen gelten ja manchmal auch als Sturköpfe.

Ahaus ist eine Stadt, die etwas liberaler ist als das Umfeld. Natürlich gibt es hier auch sehr traditionelle Elemente, aber es stimmt die Mischung. Die liberale Art der Ahauser kommt der meinigen auf jeden Fall entgegen. Wir haben hier vor Ort eine Menge theologisch sehr aufgeschlossener Menschen und Christinnen und Christen, die ihre Gemeinde von der Basis gestalten wollen.

Wie war in den vergangenen Jahren der Kontakt ins westliche Münsterland?

Ich hatte natürlich weniger zu Ahausern Kontakt, sondern mehr zu den Stadtlohnern, weil ich dort bis vor drei Jahren als Pfarrer tätig war. Aber ich kenne den Menschenschlag. Die Menschen hier sind bodenständig und pragmatisch. Das gefällt mir gut.

Ihr Abschied aus Münster war alles andere als leise. In Ihrer letzten Predigt und Ihrem Blog „Kreuzschnabel“ haben Sie abschließend auch um Vergebung gebeten. Warum?

Ich habe in den letzten acht Wochen, in denen ich Pfarrer in der Gemeinde Heilig-Kreuz Münster war, sehr offen gesagt, warum ich gehe. Das mochten einige Menschen nicht so gerne hören. Deshalb habe ich in meiner letzten Predigt um Verzeihung gebeten. Dazu stehe ich auch.

Erklären Sie doch bitte kurz, was Sie aus Münster nach Ahaus getrieben hat.

Münster ist eine Universitäts- und Bischofsstadt, in der es sehr viele Priester gibt. Und ich fühlte mich dort nicht ausgelastet. Hier auf dem Land werde ich gebraucht. Und es gefällt mir, dass Kultur und Kirche hier noch näher beieinander sind, als im säkularen Kreuzviertel in Münsters Innenstadt. Das birgt sehr viele Chancen. Als Pfarrer hat man hier – in Ahaus, Alstätte, Ottenstein und Graes – noch mehr Möglichkeiten, auf die Kultur einzuwirken.

Wie wollen Sie den Spagat zwischen Ahaus und den drei Ortsteilen meistern?

Das geht nur im Miteinander. Ich bin als Pfarrer nicht für alles verantwortlich, aber ich stehe für das Ganze. Wir haben erst einmal ein Pastoralteam mit sehr motivierten Seelsorgerinnen und Seelsorgern sowie eine ganze Menge von Ehrenamtlichen. Ich versuche, das alles zusammenzubinden und dadurch meine eigenen Schwerpunkte zu setzen. Ich gehe das mit sehr viel Gelassenheit an, weil ich weiß, dass man hier miteinander viel auf die Beine stellen kann.

Sie haben mehrfach gesagt, dass Sie sich darauf freuen, „den Wandel mitgestalten zu können“. Was meinen Sie damit?

Die Kirchlichkeit wird in nächster Zeit abnehmen. Nicht nur der Kirchenbesuch, sondern auch die Bedeutung von Christentum und Kirche wird geringer werden. Wir sind in Europa auf dem Weg zu einer völlig säkularen Gesellschaft. Das heißt, wir können hier als Kirche nicht mehr alles bestimmen. Aber wir können mit am Tisch sitzen, wenn Gutes geschieht. Wir werden in Zukunft weniger Leute haben, die bei Kirche mitmachen. Wir werden auch weniger Seelsorgerinnen und Seelsorger haben. Aber wir werden Schwerpunkte setzen können, damit wir das Evangelium lebendig gestalten können.

Wie genau?

Das geht durch spirituelle und theologische Bildung. Und durch Ansprechen in den Gottesdiensten, Präsenz in den Gottesdiensten, das geht aber auch durch die vielen Schulen, die viel Kontakt zur Kirche wünschen. Das ist in der Stadt nicht so. Das geht auch durch die Kindergärten und das Netzwerk vieler Einrichtungen. Die VHS hatte zum Beispiel immer einen großen theologischen Schwerpunkt. Und an dem Schnittpunkt Kultur und Kirche kann man in einer Stadt wie Ahaus viel machen.

Sie haben die Schulen angesprochen. Wie stehen Sie zu verpflichtenden Schulgottesdiensten?

Man kann sich nur für oder gegen etwas entscheiden, das man kennt. Kinder und Jugendliche sollen die Chance haben, erstmal Religion kennenzulernen. Wenn wir sagen, Religion ist nichts mehr für die Schülerinnen und Schüler, dann berauben wir sie dieser Erfahrung. Deshalb glaube ich, dass Schulgottesdienste eine ganz wichtige Möglichkeit sind, dass man in Kontakt zu seinen grundlegenden Fragen.

Wie kann man junge Menschen erreichen?

Junge Menschen kann man nirgendwo mehr hintreiben. Man muss selber so sein, dass man anziehend wird. Mit Druck und Zwang geht gar nichts. Heute geht alles nur noch in Freiheit. Ich gehe nicht davon aus, dass ich hier Massen von Menschen von Jesus begeistern kann, aber ich möchte ein Mensch sein, der für Jesus steht.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie in einer vollen oder eher spärlich besuchten Kirche predigen?

Eigentlich nicht. Natürlich motiviert eine volle Kirche, weil auch ein Pfarrer vom Glauben der Menschen mitgetragen wird. Man gibt nicht nur, sondern empfängt auch. Aber ich glaube, die Zeit der großen Hochämter mit zum Bersten gefüllten Kirchen ist vorbei. Stattdessen versuchen wir, so anziehend zu sein, dass jeder seinen Weg mit Gott findet, indem wir ein Netzwerk aufbauen mit vielen Einzelbegegnungen und Gesprächen. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich bin in einer vollen Kirche nicht anders.

Freut oder ärgert es Sie, wenn dann an Weihnachten plötzlich doch alle in die Kirche strömen?

Ich finde es super. Weihnachten steht ja dafür, dass Gottes Sohn Mensch geworden ist. Und ich glaube, dass in den gefüllten Kirchen eine große Sehnsucht am Werk ist, die sagt: Eigentlich wären wir gerne dabei, aber wir schaffen es nicht. Ich finde, es ist eine riesige Chance. Ich freue mich über jeden, der kommt.

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Wie wird die Arbeitsteilung zwischen Pfarrer Heinrich Hagedorn und Ihnen sein?

Ich kenne ihn schon seit meinem Studium und hielt ihn von Anfang an für eine gute Wahl. Wir werden gut harmonieren. Ich versuche auf jeden Fall, an allen vier Orten regelmäßig Gottesdienste zu feiern und zu predigen.

Muss sich jemand Sorgen machen, dass es der Vorbote einer schleichenden Fusion ist?

Manche haben diese Sorge. Aber das Bistum hat gelernt, dass durch die Fusionen viel an ehrenamtlichem Engagement kaputt gegangen ist. Deshalb wird es keine Fusion geben.

Sie haben vor zwei Monaten das Buch „Ausgeheuchelt!“ veröffentlicht, das hart mit der Kirche ins Gericht geht. Wie fiel die Resonanz aus?

Das Buch war drei Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste. Das ist als religiöses Buch sehr selten. Offenbar hat es buchstäblich ins Schwarze getroffen. Ich wollte mir eigentlich nur von der Seele schreiben, wo ich in der Kirche Reformbedarf sehe. Manche sagen, dass die Kritik sehr drastisch und scharf ist. Wenn man es aber wirklich liest, sieht man, dass es ein geistliches Buch ist von einem Jesus-Freund ist, dem viel an seiner Kirche liegt. Es ist auch ein frommes Buch.

Sind Sie manchmal ein Querulant?

Nein, ich bin kein Querulant, sondern ich halte das Evangelium für die beste Botschaft auf der Welt und die Kirche für sehr wichtig und nötig. Nur sie muss sich sehr ändern, damit sie attrativer wird und dem Evangelium mit ihren verkrusteten, klerikalen Strukturen nicht mehr im Weg steht. Ich bin kein Querulant, aber kritisch-loyal.

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Gab es in den vergangenen Wochen auch Kritik an Ihrem Buch?

Von der Kirchenbasis kam bisher ausnahmslos Zuspruch. Von der Kirchenleitung Schweigen. Ignoranz ist ein scharfes Schwert, sag ich immer. Das ist aber in diesem Fall nicht so schlimm.

Warum legen Sie so gerne den Finger in die Wunde?

Das hat sich entwickelt. Ich wollte eigentlich immer nur ein guter Christ und ein frommer Priester sein. Erst als 2010 die Missbrauchsfälle und 2013 der Skandal in Limburg ans Licht kamen, habe ich angefangen, mich für Kirchenpolitik zu interessieren. Allerdings habe ich mich schon als Student dafür eingesetzt, Frauen zu alle Weiheämtern zuzulassen. Das halte ich auch weiterhin für einen ganz wichtigen Punkt. Denn wer sich heute für Glauben interessiert, der möchte auch beteiligt werden. Eine Religionsgemeinschaft in Westeuropa, die die Frauen nicht gleichstellt, kann einpacken.

Haben Sie viele Mitstreiter in Ihren Reihen?

Viele Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich unterhalte, denken ähnlich wie ich. Sie sagen es nur nicht. Vielleicht haben Sie ein bisschen Angst. Wenn man so offen ist wie ich, dann erntet man in der oberen Etage keinen Beifall. (lacht)

Anfang der Woche hat der Papst einen Finanzskandal enthüllt. Treffen Sie solche Nachrichten?

Manchmal ist es zum Fremdschämen. Es ist aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, dass der Papst gesagt hat: Das war schlecht. Ich bin davon überzeugt, dass unter seinen zwei Vorgängern versucht worden wäre, es zu verschleiern. Papst Franziskus ist ein Typ, der sehr auf Transparenz drängt. Wobei ich meine, er könnte ein bisschen schneller machen. Er redet offen über alles und tut dann nicht viel.

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