Pfarrer Stefan Jürgens über Vatikan-Instruktion: „Das Dümmste seit Langem“

rnStefan Jürgens

Der Ahauser Pfarrer Stefan Jürgens hat die sogenannte Vatikan-Instruktion scharf kritisiert. Dass erneut die Rechte von Laien in der Kirche beschränkt werden sollen, hält er für weltfremd.

Ahaus

, 28.07.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Viele Leitungsämter der Kirche seien mit „karrieregeilen Muttersöhnchen“ besetzt, dem Vatikan attestiert er „Realitätsferne und Arroganz“. Stefan Jürgens, leitender Pfarrer der beiden Pfarreien St. Mariä Himmelfahrt Ahaus und Alstätte-Ottenstein, holt einmal mehr zum verbalen Rundumschlag aus. Grund dafür ist eine Instruktion aus dem Vatikan.

Herr Jürgens, auf der Plattform Facebook haben Sie in den vergangenen Tagen Ihrem Ärger gleich mehrfach Luft gemacht. Was hat Sie so erzürnt?

Auslöser war eine Instruktion der Kleruskongregation (Behörde des Vatikans, d. Red.). Sie bezieht sich darauf, dass im Moment in vielen Diözesen auf der ganzen Welt Umstrukturierungen vorgenommen und neue Leitungsmodelle von Kirche ausprobiert werden. In Deutschland wird vor allem versucht, dass auch Laien Gemeindeleitung übernehmen.

Etwas, das offenbar im Vatikan nicht gerne gesehen wird...

Genau. Die Instruktion besagt, dass nur ein Priester eine Pfarrei leiten darf. Selbst Leitungsteams werden abgelehnt. Vor allem im letzten Teil der Instruktion wird die Kirche ganz vom Priester her gesehen. Das ist ein klerikales Machtgehabe, das nicht mehr in die heutige Zeit passt. Ehrlich gesagt: Ich habe mich gar nicht mehr aufgeregt, sondern das Ganze nur lächerlich gefunden. Es ist so ziemlich das Dümmste, was seit Langem aus Rom gekommen ist.

Der Ahauser Pfarrer Stefan Jürgens wählte nicht zum ersten Mal scharfe Worte.

Der Ahauser Pfarrer Stefan Jürgens wählte nicht zum ersten Mal scharfe Worte. © Johannes Schmittmann

Kann Sie so eine Nachricht denn überhaupt noch überraschen?

Ja, denn normalerweise sind die in Rom nicht so dumm, dass sie nicht vorher zumindest mit den Bischöfen darüber sprechen, was sie vorhaben. Einfach so ein Papier rauszuhauen, das jetzt die Gemeindestruktur-Reformbemühungen vieler deutscher Diözesen mit einem Mal abwatscht – das ist kein Umgangsstil. So wenig partizipativ kann heute keiner mehr handeln.

Wer sitzt eigentlich in der Kleruskongregation?

Ich weiß es nicht, es interessiert mich auch nicht. Aber es können nicht die klügsten Theologen sein. Das Problem ist: Wir haben im Klerus zu viele angepasste und ängstliche Leute und kaum jemanden, der mal mutig und kreativ vorangeht.

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Hat der Papst ein Mitspracherecht?

Er hat das Papier zumindest gutgeheißen, vielleicht sind Abschnitte des ersten Teils von ihm. Er wird alles gelesen haben und muss dafür einstehen.

Kommen wir noch einmal zurück zum Inhalt: Was genau ist es, das Sie als „Realitätsferne und Arroganz“ bezeichnet haben?

Es gibt seit einigen Jahrzehnten Bemühungen, die Leitung von Gemeinden anders aufzustellen. Und das nicht nur, weil es zu wenige Priester gibt, sondern vor allem, weil der alte Klerikalismus immer wieder zu Machtmissbrauch geführt hat. Zunächst behalf man sich damit, dass mehrere Gemeinden zu einer Pfarrei zusammengelegt wurden – so wie hier in Ahaus. Mittlerweile hat ein Pfarrer gleich mehrere Pfarreien zu leiten. Allein deshalb geht es nicht mehr ohne Partizipation und Mitbestimmung von Laien. Dass man dies nun faktisch wieder zurücknehmen will, ist kein nachhaltiges Modell. In Zukunft werden wir noch weitaus stärker das Engagement der Laien in allen Bereichen des kirchlichen Lebens brauchen, auch in der Leitung von Gottesdiensten am Sonntag. Insofern ist die Instruktion kontraproduktiv und weltfremd, traditionalistisch und klerikal.

Sie haben auf Facebook den Satz geschrieben: „Es ist doch besser, man kann leiten und predigen, ohne es zu dürfen, als wenn man es darf, aber nicht kann.“ Was meinen Sie damit?

Gott hat den Menschen verschiedene Fähigkeiten gegeben, die Bibel spricht von Charismen. Das Papier betont einmal mehr, dass ein Laie – der in der katholischen Kirche übrigens nicht das Gegenteil von einem Fachmann, sondern eine Person des Volkes Gottes ist – während der Eucharistiefeier nach dem Evangelium nicht predigen darf. Das halte ich für falsch. Wer predigen kann, soll es tun, wer es nicht kann, soll es bleiben lassen. Es gibt viele Getaufte, die sind dafür begabt. Deshalb predigen in unserer Gemeinde selbstverständlich Laien, Frauen und Männer. Wir werden das Papier schlichtweg ignorieren.

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Sie wissen, dass das in Ahaus vor rund 17 Jahren schon einmal für Ärger gesorgt hat. Pfarrer Jürgen Quante hatte sich damals ebenfalls gegen die Anordnung widersetzt...

Damals war es eine schwerwiegende Frage, ob eine Pastoralreferentin während der heiligen Messe nach dem Evangelium predigen darf, heute ist es überall Gang und Gäbe, es wird auch im Bistum Münster offiziell geduldet. Das wird niemand mehr zurücknehmen können. In der Kirche ist also doch mehr möglich als gedacht. Wir werden immer mutiger und mündiger.

Also wird die Instruktion keine konkreten Konsequenzen haben?

Ja, es wird sich in Deutschland so gut wie keiner daran halten. Mehrere Bischöfe haben bereits heftig protestiert und angekündigt, weiter an ihrem Reformkurs festzuhalten. Hier in Ahaus und Graes, Alstätte und Ottenstein arbeiten wir auch in Zukunft weiter im Team. Auch wenn ich offiziell die Pfarreileitung innehabe: Es würde nicht funktionieren, wenn alles über meinen Schreibtisch gehen müsste. Wir sind als Kirche nicht glaubwürdig, wenn alle Macht bei den Priestern und Bischöfen bleibt. Man sollte dieses Dokument deshalb nicht mit deutscher Gründlichkeit lesen, sondern mit italienischer Gelassenheit ignorieren.

Haben Sie eigentlich nie die Sorge, dass Ihr Stuhl bei dieser scharfen Wortwahl wackeln könnte?

Nein, überhaupt keine. Erstens bin ich davon überzeugt, dass unser Bischof Felix Genn genauso denkt wie ich, nur sagt er es nicht so deutlich. Zweitens darf man in der Kirche sagen, was man denkt, diese Freiheit kommt aus dem Evangelium. Die Kirche ist zwar keine Demokratie, dafür aber synodal – Mitverantwortung ist auf allen Ebenen ausdrücklich erwünscht.

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