Polizeibeamte erinnern an Schreckensszenario

Blitzmarathon auch in Wüllen

Der Blitzmarathon am Wüllener Ortseingang hat sich offenbar herumgesprochen. Seit einer Stunde richten Polizeibeamte am Donnerstag die Radarpistole in den Mittagsverkehr, einen Temposünder ertappen sie nicht. Polizei und Anwohner aber wissen es besser: Auf der Stadtlohner Straße sind zu viele Autos zu schnell unterwegs – manchmal mit katastrophalen Folgen. Davon zeugen ein hölzernes Kreuz und ein frischer Blumenstrauß am Straßenrand.

AHAUS

, 21.04.2016, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Polizeibeamte erinnern an Schreckensszenario

Ein Holzkreuz und Blumen erinnern in der Wüllener Ortsdurchfahrt an einen tödlich verunglückten 18-Jährigen. Gestern haben Polizeibeamte beim Blitzmarathon an diesen Unfall erinnert

Carsten Koenig kennt den traurigen Anlass für dieses Kreuz nur zu genau. Es war zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 2013, als der Polizeibeamte mit Blaulicht zu einem Unfall eilte, der einen 18-Jährigen das Leben kostete. „Ganz bewusst haben wir beim Blitzmarathon in diesem Jahr Kollegen eingebunden, die an den Messstellen schwere Unfälle aufgenommen haben“, erklärt Verkehrssicherheitsberater Ludger Kremer (Foto rechts). „Wir wollen authentisch auf die Gefahren der Raserei aufmerksam machen und nicht einfach Abzocke betreiben.“

Schreckliches Szenario

Und Carsten Koenig erinnert sich an das Geschehen vor zweieinhalb Jahren: „Es war am frühen Abend. Es war schon dunkel. Als wir hier eintrafen, liefen viele schreiende und weinende junge Leute umher. Das vergisst man nicht. Die Feuerwehr war schon dabei, Verletzte aus dem Auto zu befreien, das dort drüben in den Vorgarten geschleudert war.“ Für einen 18-jährigen Beifahrer aus Heek gibt es keine Rettung. Er stirbt einen Tag später im Krankenhaus an seinen schweren Kopfverletzungen. Das war das schreckliche Ende eines ausgelassenen Ausflugs von acht jungen Leuten in zwei Autos „im Rausch der Geschwindigkeit“ – so Koenig. Der 19-jährige Unfallfahrer, ein notorischer Raser, wird später zu einer einjährigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. „Die Toten, Verletzten und ihre Angehörigen sind aber nicht die einzigen Opfer der Raserei“, betont Ludger Kremer. Auch die Retter und Polizeibeamten seien extremen Belastungen ausgesetzt, die die Helfer oftmals an ihre physischen und psychischen Grenzen stoßen.

Gespräche helfen

„Ich habe Bilder im Kopf, die bleiben“, sagt Carsten Koenig. Gespräche unter Kollegen würden aber helfen, damit fertig zu werden. „Wir haben nach solchen Einsätzen immer Gesprächsbedarf.“ Und es gab auch diesen einen Moment, der sich tief in Carsten Koenigs Erinnerung eingebrannt hat: „Nach einem ganz schlimmen Unfall habe ich mal nachts um zwölf meine Frau geweckt, weil ich einfach reden musste. Auch unsere Familien haben ihren Teil zu tragen.“

Zwischenbilanz 

286 Temposünder hat die Polizei beim Blitzmarathon am Donnerstag kreisweit bis 12.30 Uhr ertappt. Das war die Zwischenbilanz der 15 Kontrollstellen, an denen insgesamt 8122 Autofahrer kontrolliert wurden. Der Anteil der Raser ist geringer als bei den sonst üblichen Routinemessungen. „Ein deutliches Zeichen dafür, dass der öffentliche Blitzmarathon bei den Autofahrern ankommt und das Risiko für Raserunfälle gesenkt wird“, so heißt es in einer Pressemitteilung der Kreispolizei. Die Beamten vor Ort wissen aber auch, dass die Wirkung des Blitzmarathons nicht in jedem Fall nachhaltig ist. Das ist auch die Erfahrung von Veronika Wassing, die mit ihrem Mann und zwei Kindern an der Stadtlohner Straße wohnt. „Heute tagsüber ist es nicht so schlimm. Aber nachts rasen die Autos hier mit Tempo 80 oder 90 vorbei“, sagt sie und fügt hinzu: „Vielleicht würde ja ein fester Starenkasten helfen.“

Fahrlässige Temposünden

Die höchsten Geschwindigkeiten, die gestern kreisweit gemessen wurden, betrugen innerhalb geschlossener Ortschaften 83 km/h und außerhalb geschlossener Ortschaften 179 km/h. Die extremen Raser seien aber die Ausnahme, weiß Ralf Nolting (Foto), Leiter des Verkehrskommissariats in Ahaus. „Die meisten handeln eher fahrlässig als vorsätzlich. Manchmal ist man einfach in Gedanken zu schnell unterwegs.“ Die umstehenden Polizeibeamten nicken: Einige von ihnen sind selbst schon geblitzt worden. „Dann heißt es: Lächeln, freundlich sein und zahlen“, so Verkehrsberater Ludger Kremer. Und die Lehre daraus ziehen. Denn das sei schließlich der Sinn des Blitzmarathons: die Autofahrer für die Gefahren zu sensibilisieren. Und wie sieht es mit der Einsicht aus? Nolting: „Bei manchen ist der Unmut grenzwertig, die allermeisten Autofahrer aber sehen den Sinn der Kontrollen ein.“  

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