Einblicke in den Corona-Alltag: Von Schlangen in der Corona-Krise

Coronavirus

Wartezeiten beim Einkaufen bringen einen gerade auf fast philosophische Gedanken. Zum Beispiel auf die Frage, was die Corona-Krise mit Schlangen zu tun hat. Und dabei geht es nicht um Tiere.

Ahaus

, 26.05.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wie hier in Vreden, gibt es an vielen Orten auch im Westmünsterland Schlangen mit bunt bemalten Steinen, die den Passanten ein Lächeln aufs Gesicht zaubern sollen.

Wie hier in Vreden, gibt es an vielen Orten auch im Westmünsterland Schlangen mit bunt bemalten Steinen, die den Passanten ein Lächeln aufs Gesicht zaubern sollen. © Markus Gehring

Warten. Das ist nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung der meisten Deutschen. Meine auch nicht. Im Moment gibt es ja nun reichlich Gelegenheit zu üben, damit umzugehen. Zu Beginn der Corona-Krise war es noch ein ungewohntes Bild, wenn auf dem Bürgersteig vor dem Metzgerladen Menschen Schlange standen. Mittlerweile gehört es zum Stadtbild fast dazu, dass Leute mit mehr oder weniger Abstand zueinander vor den Ladentüren stehen.

Höfliches Nachfragen vermeidet etwaige aggressive Ansagen

Auch ich habe verschiedenste Erfahrungen mit dem Schlangestehen gesammelt. Zum Beispiel samstags auf dem Wochenmarkt: „Brot, Blumen oder Käse?“ fragte mich eine Frau lachend. Zu Stoßzeiten nämlich bilden sich die Schlangen vor den Ständen schon mal kreuz und quer, und höfliches Nachfragen vermeidet etwaige aggressive Ansagen von nervösen Mitbürgern aus der Schlange. Wie gesagt: Geduldiges Warten liegt den meisten nicht so.

Dabei kann man die „vertane Lebenszeit“ beim Warten ja eigentlich ganz gut nutzen. Zum Beispiel für die Überlegung, ob es nun eigentlich länger dauert, weil die Warteschlange wegen des Abstands länger ist, oder ob das nur Einbildung ist? Die berechtigte Frage ist ja, ob jetzt mehr Leute einkaufen gehen oder einem das Warten in der engen Gruppe vorm Marktstand oder der Metzgertheke nur nicht so lang vorkommt wie mit 1,50 Meter Abstand in einer langen Schlange?

Taktiken beim Schlange stehen

Auch kann man über manche Mitmenschen und ihre Taktiken beim Schlangestehen nachdenken. Schon vor Corona sind mir Leute aufgefallen, die, wenn sie im Supermarkt die Ansage hören, dass eine neue Kasse öffnen wird, mit ihrem Einkaufswagen dermaßen auf ihr Ziel zustürmen, dass sie glatt ein im Weg stehendes Kleinkind umsemmeln würden, und Rempeleien mit den Einkaufswagen Gleichgesinnter nicht scheuen.

Sind es dieselben, die sich jetzt nicht in der Schlange hinten anstellen, sondern sich daneben stellen, lauern und lautstark darauf beharren, genau jetzt an der Reihe zu sein? Ich warte noch auf den Moment, dass ich miterlebe, wie solche Situationen in einer Schreierei oder sogar „handfest“ enden. Manche Händler haben schon darauf reagiert, indem sie im Laufe der Zeit große Schilder mit dem deutlichen Hinweis „rechts anstellen“ aufgehängt oder regelrechte „Einbahnstraßen“ eingerichtet haben vor dem Verkaufsstand.

„Geduld ist die Tugend der Glücklichen“

Auch wenn ich nicht gern warte, halte ich es in diesen Zeiten mit dem Ausspruch „Geduld ist die Tugend der Glücklichen“. Den hat der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza einmal aufgeschrieben. Da kann man die Drängler besser ignorieren oder auch das Ehepaar, das letztens zielgerichtet an mir und allen Wartenden auf die Erdbeeren am Stand zuschoss, zwei Schälchen nahm und dann den Angestellten mit einem Geldschein zuwinkte nach dem Motto „Wir sind ja ganz schnell wieder weg...“

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Das Schlangestehen beim Einkaufen hätten wir vor Corona nicht für möglich gehalten. Wie so vieles andere nicht. Und mal ehrlich: Im Vergleich ist es wirklich nicht schlimm. Kein Grund, gereizt zu sein.

Schlangen ganz ohne Sicherheitsabstand

Und wessen Reizschwelle erreicht ist, dem empfehle ich einen Spaziergang mit offenen Augen durch Stadt und Natur: Dort kann er Schlangen ganz anderer Art kennenlernen und auf andere Gedanken kommen: Mit Bildern oder Sprüchen bunt bemalte Steine bilden ganz ohne Sicherheitsabstand lustig-kreative Schlangen am Wegesrand. Die sollen Freude bringen in Corona-Zeiten. Die Ungeduldigen sollten sich drauf einlassen.