Raimund Kramps (l.) ist selbst betroffen, dem Gescheraner ist es ein besonderes Anliegen, dass der Offene Treff für Blinde und Sehbehinderte nach Corona nun wieder gut besucht wird. Unterstützt wird die Gruppe vom gelernten Augenoptiker Peter Oetjen, selbst Ahauser. © Michael Schley
Offener Treff

Was ist, wenn es dunkel wird? Offener Treff soll Blinden Unterstützung bieten

Vor rund zwei Jahren war der Offene Treff für Blinde und Sehbehinderte in Ahaus gegründet worden. Nach der Corona-Pause wollen die Teilnehmer die Gruppe nun wieder aktivieren. Der Bedarf ist da.

„Was ist, wenn es komplett dunkel wird?“ Diese Frage stellte sich Raimund Kramps einst selbst. Beim Gescheraner war eine irreparable Augenkrankheit festgestellt worden. Er erlebte fortan Blinde, die „gut drauf“ waren – auch weil sie Hilfe annahmen. Eine Motivation: „Das wollte ich auch.“

Auch deshalb ist es ihm ein besonderes Anliegen, dass der Offene Treff für Blinde und Sehbehinderte in Ahaus wieder wahrgenommen wird. Nach langer Corona-Pause trafen sich Betroffene und Angehörige im Oktober zum ersten Mal wieder im Café Medicus.

Gruppe besteht seit rund zwei Jahren

Vor rund zwei Jahren wurde der Offene Treff erstmals angeboten, eine Art Stammtisch, wie Raimund Kramps erklärt. In Gronau oder auch Coesfeld gab es solche Angebote schon, Ahaus sei noch ein weißer Fleck gewesen.

Das wollte man ändern – und die erste Resonanz zeigte, dass der Bedarf vorhanden ist. „Wir waren zuerst rund 15 Teilnehmer, später nur noch an die sechs“, berichtet Kramps. Auch, weil Corona der Entwicklung einen Strich durch die Rechnung machte.

Raimund Kramps erzählt, dass etwa ein Zehntel aller Betroffenen in Gruppen und Vereinen organisiert sei – das mit gutem Grund: „Nur Vereine können für die Interessen Betroffener eintreten.“ Ganz besonders betont er, dass es sich in Ahaus um einen Offenen Treff handele, der auch für alle offen sei. So auch für Mitglieder von Selbsthilfegruppen wie dem Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen oder auch Pro Retina.

Ständiges Mitglied dieser Gruppe ist Peter Oetjen. Der gelernte Augenoptiker war lange Jahre zuständig für die Beratung und Betreuung Sehbehinderter in einer Ahauser Augenarztpraxis. „Damit sind wir optimal versorgt“, freut sich auch Raimund Kramps.

Peter Oetjen hat es sich nun im Ruhestand ehrenamtlich zur Aufgabe gemacht, Sehbehinderten und Blinden Möglichkeiten aufzuzeigen, „besser sehen zu können“. Und das meint er wörtlich.

Gelernter Augenoptiker unterstützt die Gruppe

„Es gibt viele Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern, von denen viele aber kaum bis gar nicht wissen“, erklärt Peter Oetjen. Der Ahauser erinnert an Zeitungen, deren Artikel man nach Schlagwortsuche hören kann. Auch an Medien, deren Schriftgrößen man anpassen kann. Und spezielle Lupen. Und auch an Spielkarten mit größeren Schriften. „Oder gezinkte Karten“, ergänzt Raimund Kramps und lacht.

Der Gescheraner selbst hat bereits praktisch als Betroffener Betroffenen geholfen, zum Beispiel beim Training mit dem Langstock. Aus seiner Erfahrung gibt es eine Grundvoraussetzung, damit eine Gruppe funktioniere: „Jeder sollte mit seiner Behinderung offen umgehen. Das hilft jedem Betroffenen selbst und der Gruppe.“

Und den Mitmenschen. So organisierten seine Nachbarn die regelmäßigen Ausfahrten mit einem Tandem. „Weil sie wissen, dass sie mir damit helfen. Und weil sie gerne helfen“, so Kramps.

Das Wissen, dass das Gegenüber das gleiche Problem hat, tue gut. Wie in jeder Selbsthilfegruppe. Viele Fragen stellten sich auch immer wieder neu – zum Beispiel mit fortschreitender Entwicklung einer Sehbehinderung. „Wie machst Du das?“, sei eine Frage, die man stellen sollte. Wie in jedem Bereich sei die Behinderung immer individuell. „Und auch jede Hilfe ist individuell“, betont Peter Oetjen.

Auch Mitbetroffenen tut der Offene Treff gut

Raimund Kramps berichtet auch, dass es für viele Angehörige eine große Unterstützung sei, an diesen Treffen teilzunehmen. Denn jeder enge Angehörige, wie zum Beispiel der Partner, sei mitbetroffen. „Jeder ist zunächst für sich verantwortlich, er trägt aber auch Verantwortung für den Partner“, erklärt Kramps. Viele Partner würden überfordert und erhielten durch den Austausch in der Gruppe wichtige Orientierungshilfen.

An jedem zweiten Dienstag im Monat wird sich der Offene Treff nun wieder treffen, stets ab 14 Uhr im Café Medicus im alten Kreishaus an der Bahnhofstraße. „Vergangene Woche waren wir schon wieder acht Personen“, berichtet Raimund Kramps. Er hofft auf viele Nachahmer, warnt aber auch davor, mit „zu hohen und falschen Erwartungen“ dazuzustoßen.

„Uns geht es einfach darum, mit unserer Behinderung gut am Alltag teilhaben zu können. Und das ist sehr gut möglich“, ermuntert der Gescheraner auch diejenigen, die verständlicherweise „erst einmal in ein Loch fallen“, wenn sie mit einer Behinderung konfrontiert werden. „Da versuchen wir dann, uns gegenseitig dort wieder herauszuholen“, so Raimund Kramps.

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