Wenn die Sonne so wie hier durch die Äste scheint, versteht man, warum Försterin Andrea Balke es liebt, im Wald unterwegs zu sein. © Andreas Bäumer
Winterwanderung im Wald

Wer den Wald im Winter erwandert, wird belohnt

Mit Försterin Andrea Balke geht Reporter Andreas Bäumer im Wald spazieren. Dabei berichtet Balke über schlechte Nachrichten für den Wald, lenkt den Blick aber auch auf Schönes.

Von einem Treffpunkt nahe ihres Reviers folge ich Andrea Balkes Bulli über Wirtschaftswegen und Forstpisten. Sie umkurvt die Schlaglöcher, als ob sie jedes kennt. Nachdem sie anhält, lässt sie ihre einjährigen Deutschen Doggen heraus, zwei verspielte aber gehorsame Riesenbabys.

Gemeinsam entdecken die Försterin und ich den Winterwald mit seiner Komplexität. Dieser Tag Mitte Dezember ist sonnig und um zehn Grad Celsius warm. Was Balke an dieser Zeit am meisten liebt, fehlt deshalb: der Raureif. Sie schwärmt davon, wie er trockene Pflanzen in Kunstwerke verwandelt. Doch sie sagt: „Der ganze Wald ist ein einziges Kunstwerk. Nichts ist genormt.“ An diesem Tag trägt die Sonne zu diesem Kunstwerk bei und taucht alles in warme Farben.

Häufigste Bäume sind schnell zu erkennen

Die in der Region häufigsten fünf Waldbäume erkennen wir schnell an ihren Stämmen und der Wuchsformen: Der häufigste Laubbaum hier ist die Eiche mit ihrer gefurcht-rauen Rinde. Die alten Äste sind dick und knorrig. Meist begleiten sie Buchen mit glatt-grüner Rinde und in den Himmel strebenden Kronen.

„Die ältesten Exemplare dieser Arten hier sind 180 Jahre alt“, erklärt Andrea Balke, „und haben einen Durchmesser von rund 80 Zentimetern.“ Leerstellen im Wald erobern schmale Birken mit ihrer hellen, schwarzdurchsetzten Rinde und ihren feinen Ästchen.

Kiefern und Fichten dominieren hier als wichtige Nadelbäume auch Mischwälder. Der Kiefernstamm ist oben rötlich, ihre Krone gleicht einem Schirm. Die Fichte hat eine tannenbaumartige Krone und eine feinschuppige, rötliche Rinde.

App kann helfen – wenn es nicht gerade Winter ist

Um unbekannte Pflanzen schnell zu bestimmen, nutze ich sonst die App Flora Incognita der TU Ilmenau (es gibt sie für Android und Apple). Im Winter fehlen jedoch Bestimmungsmerkmale, so dass der digitale Helfer schnell an seine Grenzen gerät.

Ohnehin erkennt die Revierförsterin des Reviers Velen im Münsterland die Pflanzen viel schneller und lenkt den Blick zusätzlich auf anderes. So spazieren wir durch den Wellschlatt nahe Südlohn, einen besonders vielfältigen Teil ihres Reviers.

Andrea Balke, ihre Hunde Mathilda und Theo an einer Buchenschonung, die sie im Jahr 1996 angelegt hat.
Andrea Balke, ihre Hunde Mathilda und Theo an einer Buchenschonung, die sie im Jahr 1996 angelegt hat. © Andreas Bäumer © Andreas Bäumer

An vielen Bäumen entdeckt die Försterin nach den vergangenen drei, sehr trockenen Jahren große Schäden. Viele Fichten sind deshalb längst gefällt. Auch Buchen, Eichen und Kiefern zeigen Trockenheitsmerkmale: Buchen verlieren große Äste und werfen teils ihre Blätter nicht ab. An gefällten Eichen erkennen wir flächig fehlende Rinde. Auch Kiefernstämme sind teils kahl.

Anhaltende Trockenheit bedroht Wald immer noch

Die Trockenheit und ihre Folgen sind die schlechten Nachrichten, die kein hiesiger Wald dem Waldspaziergänger vorenthält. Bei Trockenheit bilden die Bäume weniger Harz, der ein Schutz gegen Käferfraß ist, erklärt die Försterin.

Wo Fichten geschlagen werden mussten, schob die Besitzerfamilie Fichtenmulm und Totholz zu Wällen zusammen. In den Zwischenräumen pflanzten sie Douglasien. Solche jungen Anpflanzungen sollten Waldspaziergänger nicht betreten.
Wo Fichten geschlagen werden mussten, schob die Besitzerfamilie Fichtenmulm und Totholz zu Wällen zusammen. In den Zwischenräumen pflanzten sie Douglasien. Solche jungen Anpflanzungen sollten Waldspaziergänger nicht betreten. © Andreas Bäumer © Andreas Bäumer

Theo und Mathilda, die beiden Doggen von Andrea Balke, galoppieren durch die Pfützen des Forstwegs. Balke bindet sie beständig mit ruhigen und bestimmten Worten an sich, nur manchmal mit der Leine. Das ist Teil der guten Nachricht.

Der Wald ist ein Erlebnisraum für Kinder

Ob mit Hunden oder Kamera, allein oder mit Familie, der Wald steht allen offen. Die Försterin betont, dass Kinder im Wald frei sein dürfen. „Sie sollen nicht nur schauen, wie im Museum“, sagt sie und berichtet, wie ihr Sohn den Wald erkundete, als er klein war und mit einem Stock auf Brennnesseln schlug. Auch mal unter die Schicht von Blättern oder Nadeln zu schauen, gehört dazu. „Der Wald kann das ertragen. Er wird nicht durch Kinder bedroht“, sagt sie.

Im Wald sein, sorge für mehr Ausgeglichenheit. Sowohl bei Aggression als auch bei Depression helfe das. Sie erwähnt das Waldbaden, einen Weg den Wald ruhig und achtsam zu genießen.

Natürlich gelten im Wald Regeln, nachzulesen auf der Website des Landesbetriebs Wald und Holz NRW (https://www.wald-und-holz.nrw.de/wald-erleben/verhalten-im-wald): Kein Müll. Kein Feuer. Sonst gelten großzügige Regeln für das Betreten des Waldes außerhalb von Naturschutzgebieten und Neuanpflanzungen, ob mit Hund oder ohne. Wichtig ist der Respekt vor den im Wald lebenden Tieren und Pflanzen, den anderen Waldnutzern, den im Wald Arbeitenden.

Mathilda schnüffelt an gefällten Stiel-Eichen. Auch Försterin Balke liebt den Duft und das Holz dieser Bäume.
Mathilda schnüffelt an gefällten Stiel-Eichen. Auch Försterin Balke liebt den Duft und das Holz dieser Bäume. © Andreas Bäumer © Andreas Bäumer

Bald 25 Jahre ist Andrea Balke professionell mit dem Wellschlatt verbunden. Die Försterin berät hier und rundum die Waldbesitzer, prüft Altbestände und plant Neuanpflanzungen. Sie zeigt einen Buchenbestand von 1996, dessen Pflanzung sie geplant hat. Die Höhe der schlanken Bäume schätzt sie auf acht Meter. Sie stehen dicht an dicht. Unter ihnen liegt braunes Laub und sonst nicht viel. Der Schatten der Buchen lässt kaum Unterwuchs zu, doch der Nachwuchs der Schattbaumart gedeiht auch dort.

Es gibt viele Weg zur Waldverjüngung

Eine Lichtbaumart ist die Kiefer. In dem Altbestand nebenan lassen die Nadelbäume viel Platz und Licht zwischen sich. Gelb-braun scheinen unter ihnen das trockene Pfeifengras, Brombeeren setzen wintergrün ihre Tupfer und tiefrot die Hagebutten der wilden Rosen. An feuchten Rändern solcher Bestände finden wir auch Erlen, die schon jetzt ihre weinroten Blüten zeigen.

An einer anderen Stelle haben Waldarbeiter wenige Altkiefern als Schirm belassen und Balke zeigt stolz, wie diese dichten Jungwuchs ausgesät haben, durchsetzt mit ebenfalls wild ausgesäten Fichten. Viel tiefer als bei angepflanzten Jungbäumen reichen die ersten Wurzeln solch wildgewachsener Bäume, so Balke. Das ist gut gegen das Vertrocknen.

Unter dem Schirm älterer Kiefern wachsen hier junge Kiefern und Fichten nach.
Unter dem Schirm älterer Kiefern wachsen hier junge Kiefern und Fichten nach. © Andreas Bäumer © Andreas Bäumer

Für Balke ist diese Anpassung ein guter Grund gegen „Rassismus im Wald“, also dass zum Beispiel Fichten wegen der schlechten Erfahrung nicht mehr geduldet werden. Sie ist für Vielfalt im Wald und nutzt die traditionellen Baumarten aber auch trockenresistente Wald-, Küsten- und Hemlock-Tannen, die Atlas- und die Libanonzeder sowie Riesenlebensbäume.