Wie der Traum vom Fliegen für den schwerkranken Oliver Tiller (7) Realität wurde

rnAktion Kind

Oliver Tiller ist erst sieben Jahre alt. Doch was er hinter sich hat, reicht schon für mehrere Leben. Die „Aktion Kind“ hat ihm deshalb ein unvergessliches Erlebnis beschert.

Ahaus

, 07.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Blumen duften nach Sommer und obwohl der Garten der Familie Tiller in einem Wohngebiet liegt, ist bis auf das Zwitschern der Spatzen nichts zu hören. Doch die Idylle ist trügerisch.

„Es gab eine Zeit, in der ich nicht mehr an das Telefon gehen wollte, weil ich Angst vor der nächsten Hiobsbotschaft hatte“, sagt Markus Tiller. Gemeinsam mit seiner Frau Inga und den drei gemeinsamen Kindern wohnt er in einer Doppelhaushälfte in Wüllen. Die Verwendung der Metapher „Hiobsbotschaft“ hat wohl selten so gepasst.

Ende 2011 erfährt das Ehepaar Tiller von den Ärzten, dass ihr damals fünf Monate alter Sohn Oliver an Hodenkrebs erkrankt ist. Bei einer Routineuntersuchung wird ein bösartiger Tumor entdeckt. Direkt nach der Diagnose wird Oliver erfolgreich operiert, die Nachsorge beginnt. Doch der Berg, über den man zu sein scheint, ist in Wahrheit ein Gebirge.

Extreme Einschränkungen durch den Tumor

Die Eltern merken, dass Oliver im Alter von zwei Jahren unter extremen Einschränkungen leidet. Das Laufen fällt ihm schwer, meistens kann und will er nur liegen. Die Ärzte erklären der Familie, dass bei Oliver die Nerven in mehreren Halswirbeln durch einen Tumor zerquetscht werden und ihm deshalb selbst einfache Bewegungen schwer fallen. Die Eltern werden darauf vorbereitet, dass ihr Sohn dauerhaft im Rollstuhl sitzen könnte. Dann beginnt die erste Chemotherapie, die 20 Monate dauert.

20 Monate, in denen Inga Tiller mehrmals in der Woche mit ihrem Sohn nach Münster in das Uniklinikum fährt und dabei zusehen muss, wie ihr Sohn „systematisch vergiftet“ und „körperlich zugrunde gerichtet“ wird. Diese Worte wählt Markus Tiller, wenn er über die Zeit der Chemotherapie spricht.

Tumor wird durch Chemotherapie nur zurückgedrängt

Er sieht, wie sein Kind leidet und weiß schon vor Beginn der Therapie, dass die Chemo den Tumor nur verkleinern kann. „Der Tumor ist nicht heilbar. Er wurde nur ein bisschen zurückgedrängt“, erklärt Markus Tiller. Es reicht aber, um Oliver zumindest vorübergehend das Leben eines Kindes zu ermöglichen.

Doch irgendwann kehren die Symptome zwangsläufig zurück. 13 Monate dauert die zweite Chemotherapie. Dieses Mal sind es nicht nur die körperlichen Leiden, die Oliver und den Eltern zu schaffen machen. „Er entwickelte depressive Schübe, die für ein Kind sehr ungewöhnlich sind“, sagt Markus Tiller. Oliver hatte genug von der Therapie, genug vom ständigen Kampf.

Das Kämpfen hat die gesamte Familie Tiller leid. Doch im Stak­ka­to prasseln die schlechten Nachrichten weiter auf sie ein. Bei Tochter Carina wird eine schwere Muskelkrankheit diagnostiziert, beide Großmütter erkranken an Krebs und durch den vielen Stress erleidet Inga Tiller einen Schlaganfall. „Eine Freundin sagte einmal, dass man unsere Schicksalsschläge auf fünf Familien verteilen könnte – und alle wären beschissen dran“, sagt Inga Tiller.

Das Lachen ist bei der Familie Tiller zurückgekehrt

Und trotzdem ist das Lachen bei der Familie Tiller zurückgekehrt. Jede Bitterkeit verfliegt sofort aus Markus Tillers Stimme, wenn er über das spricht, was die Familie im April dieses Jahres gemeinsam erlebt hat. Immer wieder wiederholt er den Satz: „Wir sind wieder zur Familie geworden.“

Der Hintergrund: Im Oktober 2018 tritt Paul Bußhoff von der „Aktion Kind“ an die Familie Tiller heran. Der Stadtlohner Verein erfüllt schwerkranken Kindern und Jugendlichen ganz besondere Wünsche. Im Wohnzimmer der Familie kommt es zum ersten Treffen zwischen Oliver, Paul Bußhoff und seiner Kollegin Mary Steverding.

„Oliver hatte den großen Traum vom Fliegen. Er ist sofort in sein Zimmer gerannt und hat einen Plan von Rügen gesucht, weil er dort mit seinen Großeltern Urlaub gemacht hatte“, erinnert sich Bußhoff. Damit steht das Ziel fest. Nicht nur Oliver darf fliegen, sondern der gesamten Familie wird die Reise auf die Ostseeinsel geschenkt.

Palmsonntag startet der Flieger in Wennigfeld

Im Vorfeld kann Oliver die ganze Aktion kaum einordnen. Zu unwirklich erscheint es ihm, mit einem Privatflugzeug nach Rügen zu fliegen. Doch irgendwann etabliert sich in der Familie der Begriff vom „Wichtige-Leute-Flieger“. Dann steigt auch beim Siebenjährigen die Vorfreude. Erst recht, weil Ende 2018 die strapaziöse Zeit der Chemotherapie für ihn endet. In den Tagen vor dem Großereignis will Oliver unbedingt zu Fuß zur Schule: „Ich muss üben, damit ich im Urlaub länger laufen kann.“

Wie der Traum vom Fliegen für den schwerkranken Oliver Tiller (7) Realität wurde

Mit dem Privatflieger ging es von Stadtlohn-Wenningfeld nach Rügen und wieder zurück. © Privat

An einem stürmischen Palmsonntag geht es für die Familie Tiller los. Von Stadtlohn-Wenningfeld startet der Privatflieger in Richtung Norden. „Es war endlich mal wieder richtige Action. Wir wurden vorher immer wieder auseinander gezogen. Diese Reise hat uns als Familie richtig gut getan. Das hat man schon in der Luft gespürt“, erinnert sich Markus Tiller. Auch für ihren ältesten Sohn Steffen (9) ist das Erlebnis einzigartig – obwohl der Flieger durch den Wind kräftig wackelt.

Oliver Tiller darf endlich wieder an den Strand

Nach gut zwei Stunden landet der Pilot die Maschine sicher auf Rügen. Für Oliver ist klar, wo es möglichst schnell hingehen soll. „Er hat ständig vom Strand gesprochen. Während der Chemotherapie musste er ihn meiden, weil die Bakterien eine Gefahr für ihn darstellten“, erklärt Inga Tiller. Es glitzert in den Augen des Ehepaars, wenn sie darüber sprechen, wie sie mit den Kindern am Strand spielen und sich gegenseitig im Sand verbuddeln.

Wie der Traum vom Fliegen für den schwerkranken Oliver Tiller (7) Realität wurde

Auch Olivers zweiter großer Wunsch ging in Erfüllung. Er durfte endlich wieder an den Strand. © Privat

Das Programm in den nächsten Tagen ist straff, weil Oliver viel sehen möchte. Es ist, als ob die Krankheit den Wichtige-Leute-Flieger nicht betreten durfte. „Oliver und die ganze Familie hat in diesen Tagen wieder Kraft geschöpft. Im häuslichen Umfeld ist es schwer, sich dem Sog zu entziehen“, sagt Inga Tiller. Am Ostersonntag endet die einwöchige Reise mit der traditionellen Eiersuche. Doch der Effekt hält an: „Oliver schöpft noch heute aus diesem Erlebnis Kraft.“

Oliver führt im Moment ein fast normales Leben

Aktuell führt Oliver ein für seine Verhältnisse normales Leben, ohne große Einschränkungen. Er läuft fast ohne Auffälligkeiten. Mit seiner Klasse an der Andreasschule konnte er sogar an den Bundesjugendspielen teilnehmen. In der Reha, die auf die Rügen-Reise folgte, hat er weitere Fortschritte gemacht.

Wie der Traum vom Fliegen für den schwerkranken Oliver Tiller (7) Realität wurde

Oliver genoss den Flug mit seinen Kuscheltieren. © Privat

Die Familie Tiller genießt den Moment, freut sich jetzt schon auf den dreiwöchigen Urlaub in den Bergen. Dass die nächste Chemotherapie auf Oliver zukommt, ist laut Markus Tiller dennoch „sehr, sehr wahrscheinlich“. „Die Krankheit wird Oliver ein Leben lang begleiten.“

Um Inga Tillers Hals hängt ein hölzernes Kreuz; ihren Glauben hat sie trotz der zahlreichen Hiobsbotschaften nicht verloren. Und vielleicht ist es tatsächlich die biblische Figur Hiob, die der Familie Hoffnung schenkt. Denn der zwar verzweifelt klagende, aber standhafte Hiob erhält am Ende Wohlstand und vor allem Gesundheit zurück.

Aktion Kind Stadtlohn

  • Der Verein Aktion Kind wurde im Oktober 2018 in Stadtlohn gegründet
  • Mithilfe von Spenden werden kranken und behinderten Kindern in der Region Wünsche erfüllt
  • Der Jahresbeitrag für Mitglieder ist flexibel, beträgt aber mindestens 10 Euro
  • Alle Gelder werden für die Erfüllung der Wünsche erfüllt
  • Kontakt unter Tel. (0151) 58849883; info@aktionkind-stadtlohn.de
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