Wie lokale Akteure der Entscheidung Englands entgegensehen

Der „Brexit“ und die Stimmen vor Ort

Bryn Sams hat gute Gründe, warum er für den Verbleib Großbritanniens in der EU ist: „Ich hätte meine Stelle nicht, und meine Frau hätte ich wohl nie kennengelernt.“ Der Brite ist Lehrer am Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung (BWV), seine Frau Rita ist Ahauserin.

AHAUS

, 21.06.2016, 17:44 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wie lokale Akteure der Entscheidung Englands entgegensehen

Wird es das auch nach Donnerstag weiter geben – der Union Jack neben der EU-Flagge?

Nur, weil es die EU gab, konnte Sams die wichtigsten persönlichen und beruflichen Entscheidungen seines Lebens treffen. 1975 – nach abgeschlossenem Germanistik-Studium in Manchester – hatte er sich um einen passenden Job bemüht: „Das Angebot in England war begrenzt, Deutsch als Fremdsprache nicht sonderlich beliebt.“ Da kam ihm eine Anzeige der EU in der Times zu Hilfe. Gesucht wurden „Native Speakers“ (Muttersprachler) für das Fach Englisch – auch am Ahauser Berufskolleg. Sams bewarb sich, trat die Stelle an, blieb und begegnete seiner künftigen Ehefrau.

Austausch für Schüler wichtig

Aber nicht nur vor diesem privaten Hintergrund ist der 65-Jährige für ein klares „Ja“ zu Europa: „Ich bin aus großer Überzeugung für den Verbleib.“ Jedes Jahr begleitet er Schüler zum Austausch auf die Insel. Projekte, die durch Fördermittel der EU überhaupt möglich sind. „Diese Dinge werden bei einem Brexit nicht einfacher werden.“ Gerade für die jungen Berufsschüler seien solche Kontakte aber enorm wichtig und schon jetzt oft schwer genug. Sams denkt aber noch weiter: „Was ist mit BMW, werden die am Standort Oxford den Mini auch bei einem Nein weiter produzieren?“ Was ist mit anderen europäischen Unternehmen? Vielen seiner Landsleute, insbesondere den jungen, sei offenbar gar nicht bewusst, welche Vorteile der gemeinsame Markt für sie bedeute. Aber auch die BWV-Schüler, die zwar fast alle Englisch lernen, und das sogar an einer Europa-Schule, hätten nur wenig Interesse am Thema.

Eine „sehr starke Verunsicherung“ sieht Andreas Brill, Geschäftsführer des Verbandes „Aktive Unternehmen im Westmünsterland“ (AIW) bei vielen seiner Mitglieder. Vor allem Wettbewerbsnachteile durch höhere Währungskosten zum Beispiel und damit deutliche Umsatzeinbußen nennt er als wichtige Stichworte.

Für Christoph Bruns, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Borken, ist ein möglicher Brexit „für jeden Akteur im Wirtschaftsleben ein gewichtiges Thema“. Viele der rund 5000 Betriebe im Kreis agierten international mit intensiven Beziehungen besonders zu benachbarten EU-Ländern. Bruns: „Daher starren alle auf Donnerstag.“ Es sei vor allem die Besorgnis, ob bestehende Geschäftsbeziehungen erschwert, ob durch Bürokratielasten höhere Kosten auf sie zukämen. Bruns persönliche Einstellung ist die: „Ein Brexit wäre nicht das Ende aller Tage.“ Wie einige Wirtschaftsexperten glaubt auch er, dass ein Freihandelskommen die Lücke schließen werde.

Gelassenheit gefragt

Dr. David Oing sieht als Geschäftsführer von Holztechnik Schmeing in Ahaus das Ganze gelassen: „Sofern keine großartigen Restriktionen kommen, werden wir keine großen Probleme bekommen.“ Zudem hätten die Kunden schon signalisiert, dass sie an der Geschäftsbeziehung festhielten. Einen Anteil von zehn Prozent mit einem Umsatz von rund 500 000 Euro hat das England-Geschäft am Schmeing-Gesamtvolumen. Eine ganz klare Position hat Thomas McCoid Wilson (Wilson Möbel, Büroeinrichter aus Oeding): „Ich bin ein ganz klarer Verfechter des europäischen Gedankens, aber der ist aus dem Ruder gelaufen.“ Seine Kritik: „Zehn nicht gewählte Kommissare, die Entscheidungen treffen, die nicht zu uns passen.“

Die EU helfe vor allem den großen Konzernen, nicht den „normalen“ Menschen. Wilson, gebürtiger Schotte, mit englischem Vater, irischer Großmutter, walisischem Großvater und deutscher Frau, sieht sich als echter Europäer und ist dennoch für den Ausstieg. Zwar werde es anfangs wirtschaftliche Einbußen geben, langfristig aber astronomische Chancen: „Es ist Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.“ 

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