Zehn Jahre nach Flucht: Eritreer besteht Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker in Wüllen

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Vor zehn Jahren ist Ambesajr Tewelde aus Eritrea geflohen. In Ahaus hat er den Führerschein gemacht und die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker bestanden. Bis dahin war es kein einfacher Weg.

Ahaus

, 19.02.2020, 17:03 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit gelbem Gehörschutz auf den Ohren steht Ambesajr Tewelde vor Bildschirm und Maschine in der Halle von ERKA Maschinenbau in Wüllen. Er trägt einen Blaumann auf dem sein Name genäht ist. Der 31-Jährige bedient die Knöpfe auf der Maschine und scheint zufrieden bei seiner Arbeit.

Die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker hat er vor Kurzem erfolgreich abgeschlossen und so, wie er sagt, seinen „Traumberuf“ gefunden. Für seinen Mentor Walter Junghänel aus Wüllen, und seinen Chef Christian Roterring ist Ambesajr Tewelde ein Musterschüler. Doch bis dahin war es ein langer Weg für den Eritreer.

Jahrelang auf der Flucht

Dreieinhalb Jahre war er auf der Flucht. „In Eritrea ist kein leben, nur atmen“, sagt Amebsajr Tewelde, der von allen Ambes genannt wird. „Der Präsident ist ein Diktator, man kann seine Meinung nicht frei äußern, seine Religion nicht frei ausüben und jederzeit als Soldat einberufen werden.“ Obwohl Ambes Tewelde Anfang 2010 in Eritrea Betriebswirtschaftslehre studiert, ist sein einziges Ziel die Flucht aus dem Heimatland.

Richtig verabschieden von seinen Eltern kann er sich nicht. Ambes Tewelde erzählt, dass er vorgeben musste, er gehe zur Arbeit. Hätten seine Eltern von seinen Plänen gewusst, hätten sie ihren Sohn anzeigen müssen, oder wären selbst verhaftet worden.

Von seinem Heimatland geht es für den Eritreer zwei Tage zu Fuß nach Äthiopien. Dort studiert er eine Zeit lang Informatik. Dann flieht er in den Südsudan und von dort in den Sudan. Er lebt bei seiner Tante und verkauft Getränke, um Geld für die weitere Flucht zu verdienen. Zusammen mit seiner Tante reist Ambes Tewelde weiter nach Libyen. Beide werden verhaftet und müssen sich für jeweils 1000 Dollar frei kaufen. Dabei trennen sich ihre Wege.

Deutschen Polizisten umarmt

Mit dem Boot gelangt der Geflüchtete nach Lampedusa, Italien. „Wir haben Glück gehabt. Wir waren nur 10 Stunden auf dem Wasser, dann hat uns ein großes Schiff gerettet“, erzählt der heute 31-Jährige. Weiter geht es nach Sizilien, von dort nach Rom, nach Mailand, und dann mit dem Zug nach Kiel. Ambes Tewelde erzählt, dass er irgendwann gar nicht mehr wusste wo er war und nur hoffte, dass er Italien schon verlassen hatte. Als er irgendwann aus dem Zug steigt, fragt er einen Polizisten, wo er ist. „Der hat gesagt: ,You are in Germany‘. Ich habe ihn einfach umarmt, obwohl er ein Polizist war“, sagt er und lacht.

Seit September 2013 ist Ambes Tewelde in Ahaus. Nach sechs Monaten zieht er von der Flüchtlingsunterkunft in eine Wohnung. In einem Deutschkurs der Volkshochschule lernt Ambes Tewelde Walter Junghänels Frau kennen, die aus Mexiko stammt. „Wir haben oft mit ihm zusammen gegessen und Ausflüge gemacht“, erzählt Walter Junghänel, der bis 2001 Lehrer am Alexander-Hegius- Gymnasium war. Er gibt dem Geflüchteten Deutschunterricht und unterstützt ihn bei Behördengängen. Im Gegenzug hilft ihm Ambes Tewelde bei der Gartenarbeit.

„Wir haben ihn als sehr verlässlichen Menschen kennengelernt, sodass wir ihm schon nach sehr kurzer Zeit den Hausschlüssel und das Haus in unserer Abwesenheit anvertraut haben“, erzählt Walter Junghänel. Ihn nennt Ambes „Vater“, Junghänels Frau nennt er „Mutter“.

Kontakt zum Ehemaligenverein des AHG

Über Walter Junghänel entsteht der Kontakt zur ehemaligen Lehrer-Sport-Gruppe des Alexander-Hegius-Gymnasiums (AHG). Einmal die Woche spielt Ambes Tewelde zuammen mit anderen Eritreern und den ehemaligen Lehrern Fußball. Dort fragt er Winfried Terwolbeck, den Vorsitzenden des Ehemaligenvereins des AHG, ob er eine Firma kenne, in der er ein Praktikum machen könne. So kommt der Kontakt zu ERKA zustande, denn Geschaftsführer Christian Roterring war früher auch Schüler am AHG.

Christian Roterring, Geschäftsführer von ERKA Maschinenbau (links), und Walter Junghänel mit Ambesajr Tewelde.

Christian Roterring, Geschäftsführer von ERKA Maschinenbau (links), und Walter Junghänel mit Ambesajr Tewelde. © Gerick

Christian Roterring sagt, er sei direkt offen dafür gewesen, Ambes Tewelde in die Firma aufzunehmen. „Ambes musste sich erst bewähren, aber das hat er in dem Praktikum geschafft.“ Dann arbeitet der Geflüchtete sieben Monate lang als Aushilfe bei der Firma. Aber: „Er sollte von Anfang an nicht zum Hilfsarbeiter werden. Wir haben ihm geraten, es nicht dabei zu belassen, denn dann kommt man nicht weiter.“ Dem stimmt auch Walter Junghänel zu. „Er hat den tragfähigeren Weg gewählt, nämlich eine Ausbildung zu machen.“ Das sei besser als einfach mit einem Aushilfsjob schnell Geld zu verdienen

Ausbildung und Führerschein auf Deutsch gemacht

Also macht Ambes Tewelde eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker. Er lernt schnell Deutsch, aber die Fachausdrücke sind für ihn besonders schwierig. Trotzdem schafft er im schulischen Teil der Ausbildung einen Notendurchschnitt von 1,9. Das praktische Arbeiten sei für ihn jedoch einfacher gewesen. „Du siehst die Zeichnung, du machst die Zeichnung“, sagt der 31-Jährige.

Während der Ausbildung macht Ambes Tewelde auch den Führerschein. Ursprünglich sollten die Prüfungsfragen auf Englisch sein. Aber es fällt ihm schwer, die englischen Fachausdrücke zu verstehen. Also entscheidet er sich dafür den Führerschein komplett auf Deutsch zu machen.

Heute hat er nur noch wenig Probleme damit, die Sprache zu verstehen. Er arbeitet selbstständig in der Firma. „Und wenn ich Fragen habe, kann ich ja immer fragen.“ Er fühlt sich dort und bei seinen Arbeitskollegen gut aufgehoben. „Wir helfen uns gegenseitig und machen Späße“, erzählt er. Auch in Zukunft möchte Ambes Tewelde in seinem erlernten Beruf weiter arbeiten. „Aber ich möchte auch Karriere machen, vielleicht einen Meister.“

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