Am 20. Februar 1946 starben beim größten Bergbauunglück der deutschen Geschichte auf Grimberg 3/4 in Bergkamen 405 Menschen. Das Bild aus dem Stadtarchiv Bergkamen zeigt Bergleute vor dem zerstörten Schacht. © Stadtarchiv Bergkamen
Grubenunglücke

405 Tote auf Zeche Grimberg: „Da wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein“

Ein Massengrab befindet sich unter der Zeche Grimberg. 1946 verloren hier 405 Bergleute ihr Leben. Auch der Vater von Jürgen Lenz. Es war das größte Grubenunglück der deutschen Geschichte.

Dass sich Unglück über die Familie senkt, wusste Jürgen Lenz am 20. Februar 1946 noch nicht. Was ist Unglück für einen zweijährigen Jungen, wenn doch die Mutter da ist? Gewiss aber hat er mittags um 12.05 Uhr den heftigen Schlag mitbekommen, der damals ganz Bergkamen erschütterte.

Auf dem Gelände der Zeche Grimberg 3/4 hatte sich in 900 Metern Tiefe eine Explosion ereignet, deren Kraft durch den Schacht sogar bis übertage schlug.

405 Bergleute ließen dabei ihr Leben, das Grubenunglück ist das schwerste, das sich jemals in Deutschland ereignet hat. Unter den Opfern der Hauer Richard Lenz, 29 Jahre alt. Es war auch die größte Katastrophe für Jürgen Lenz und seine Mutter Hertha, aber es war noch nicht die letzte für beide.

Jürgen Lenz velor zwei „Väter“ auf Grimberg. Sein Vater starb beim Unglück 1946, sein Stiefvater starb 1953 untertage. © Dirk Berger © Dirk Berger

Bei Jürgen Lenz (heute 76) steht der Kaffee auf dem Tisch. Wenn er und Klaus-Jürgen Bartsch (80) zusammensitzen, sind die alten Zeiten nah. Zeiten, die sich für die beiden ehemaligen Beschäftigten der Zeche Grimberg in übertage und untertage teilten.

Weddinghofen ist ein Dorf, vielen hier ist die Katastrophe noch präsent, weil es kaum eine Familie gibt, die damals keinen Toten zu beweinen hatte. Die meisten wohnten in der Nähe der Zeche, die im Volksmund nur „Kuckuck“ genannt wurde.

Förderturm wirkt als Mahnmal

Der vom Explosionsdruck aus seinen Fundamenten gerissene Förderturm, der nun schräg in den Himmel ragte, wirkte in den Tagen danach wie ein Mahnmal für dieses große Verhängnis. Klaus-Jürgen Bartsch‘ Frau Ilse war zu dem Zeitpunkt schon neun Jahre alt: „Die weiß noch, dass damals hier alle Fensterscheiben durch die Luft geflogen sind. Zwei Onkel von ihr sind unten geblieben.“ Sie verbrannten, erstickten oder wurden von der schieren Wucht der Explosion getötet.

„Mama hat nicht viel erzählt in den Jahren danach“, erinnert sich Lenz. Sie schloss sich vielleicht in ihr Schicksal ein. Hertha Lenz hätte allerdings Grund gehabt, ihre stille Trauer in Wut zu wandeln, als bei der Aufarbeitung des Unglücks herauskam, dass viele Sicherheitsvorkehrungen auf der Zeche nicht eingehalten worden waren, um in der schwierigen Nachkriegszeit das Maximum an Ertrag herauszuholen.

Fest stand, dass ein Funken eine Schlagwetterexplosion auslöste, der eine Kohlenstaubexplosion folgte. Die fette Grimbergkohle galt als sehr methanhaltig, die Gefahr einer Explosion durch einen Funken war, wenn es unbemerkt zu einem Anstieg kam, vergleichsweise ziemlich hoch – da brauchte nur eine Schüppe auf Stein zu schlagen, eine Maschine heiß zu laufen oder eine Wetterlampe zu Bruch gehen.

Bereits 1944 starben 107 Bergleute

Wichtig war daher u.a., dass der bei dem Abbau anfallende Kohlenstaub ständig durch nicht brennbaren Steinstaub abgedeckt wurde, um die Gefahr einer Staubexplosion zu mindern – was wohl nicht passierte. Bereits 1944 hatte sich auf Grimberg eine solche Explosion ereignet, bei der 107 Bergleute – meist Zwangsarbeiter – den Tod fanden. Was im Hitler-Deutschland allerdings aus propagandistischen Gründen weitgehend verschwiegen wurde.

Überlebende des Unglücks 1946 berichteten jedenfalls später von einer Kohlenstaubdicke von bis 30 Zentimetern auf den Böden der Flöze.

Und jedes durch die Schlagwetterexplosion aufgewirbelte Staubkorn entzündete sich und schob das Inferno rasend schnell durch Flöze und Schächte, über die Leute hinweg. Augenzeugen übertage berichteten von einer etwa 300 m hohen Stichflamme, die aus dem Schacht geschossen sei. Viele von denen, die die Explosionen überlebten, starben Minuten später durch giftiges Kohlenmonoxyd. Einen Filter zur Selbstrettung gab es zwar schon seit den 30er-Jahren, ausgerüstet waren die Grimberger damit aber nicht. Die sofort alarmierten Grubenwehren fuhren über den Schacht Grillo der benachbarten Zeche Monopol ein, um zu retten, was zu retten war.

Jürgen Lenz und Steiger Klaus Jürgen Bartsch gedenken den Opfern des Grubenungklücks von 1946. © Dirk Berger © Dirk Berger

Aus dem Protokoll der Hauptstelle Grubenrettungswesen Essen, Schacht Grimberg IV: „Förderwagen, Hölzer, Rohrleitungen, Kabeltrommeln etc. lagen weit durcheinander und unmittelbar an der Kurve … lagen 2 Tote, die starke mechanische Verletzungen aufwiesen.“ Und andernorts: „Sowohl die Toten als auch die Lebenden wiesen keine mechanischen Verletzungen auf und waren anscheinend infolge Einatmens von Explosionsschwaden zusammengebrochen bzw. umgekommen.“

Zwei Väter starben untertage

Minuten nach der Explosion sammelten sie sich schon vor den Toren von Grimberg, die Väter, Mütter, Frauen, Kinder – Glückliche, die noch nicht eingefahren waren oder schon wieder raus, Angehörige von Unglücklichen, die nie mehr das Tageslicht erblicken sollten. Unter ihnen Richard Lenz. „Nach sechs Jahren hat meine Mutter noch einmal geheiratet“, erzählt Jürgen.

Jürgen Lenz und Steiger Klaus Jürgen Bartsch erinnern sich noch gut an die Arbeit untertage. © Dirk Berger © Dirk Berger

Der Bergmann Willi Droste wurde sein Stiefvater – bis er 1953 auf Grimberg „untern Bruch kam“. Stürzender Fels hatte ihn unter sich begraben. „Ich war acht Jahre alt“, erinnert sich Jürgen Lenz, „da war schon der zweite Vater weg.“ Man hatte ihn nach seiner Bergung im Hause der Familie von Klaus-Jürgen Bartsch aufgebahrt. „Als ich die Treppe runterkam, sah ich ihn da liegen. Verband um den Kopf, Arm und Bein waren amputiert.“

Bergmänner sind eine Familie

Keine große Katastrophe, nur ein kleines Unglück. Für Hertha allerdings machte das keinen Unterschied. „Mutter war völlig aufgelöst. Als ich ihr dann mit 14 Jahren sagte, dass ich Bergmann werden wollte, verbot sie es mir“, so Lenz weiter, „aber ich wollte dahin. Ich hab‘ dann Elektriker gelernt, musste ihr aber das Versprechen geben, dass ich nach der Lehre übertage arbeite.“ Allerdings beinhaltete die Ausbildung ein Jahr der Arbeit untertage. Es war ein Jahr der Angst für Hertha Lenz. Es war ein Jahr, das Jürgen Lenz nicht vergessen wird. „Die alten Hauer haben mich an die Hand genommen, da war jeder wie ein Vater zu mir.“ Weil er ja keinen mehr hatte.

Nach der Lehre löste er das Versprechen ein, das er seiner Mutter gegeben hatte und tauschte das Schwarz der Schächte gegen den oft grauen Himmel Bergkamens darüber. „Hauptsache Himmel“, wird Hertha Lenz gedacht haben. „Meine Mutter hat nach dem Tod Willi Drostes nicht mehr geheiratet, weil sie dachte, sie würde den Männern kein Glück bringen“, erinnert sich ihr Sohn: „Sie ist früh gestorben, und bis dahin war kein Tag mehr wie der andere.“

Untertage loderte ein wahres „Höllenfeuer“

Kohle wurde auf Grimberg übrigens noch bis 1995 gefördert. Damit sich das Feuer untertägig nicht bis zu Grimberg 1/2 durchfressen konnte, hatte man nach dem Unglück einen Bach in den Schacht 4 hineingeleitet. Dennoch: Als man zwischen 1948 und 1951 die Anlage 3/4 wieder förderbereit machte, loderten immer noch unterirdisch die Brände. Es muss ein wahres Höllenfeuer gewesen sein.

„Es gibt ein Berggesetz“, sagt der ehemalige Reviersteiger Bartsch, „und das lautet: Da, wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein.“ Mehr als 380 Opfer blieben damals untertage, man hat sie nicht bergen können.

„Wenn man mal von der Nachbarzeche Haus Aden drankam, hat man die vollen Loren noch gesehen und die Grubenlampen gefunden.“ Banger Blick auf einen riesigen Friedhof für verlorene Seelen, zerstört und schwarz, 900 Meter tief in der Erde.

Eine erste Version dieses Artikels erschien am 17. September 2018 im Rahmen unserer Serie „Das Ende des Bergbaus – Abschied vom Schwarzen Gold“.

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