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BVB-Handball-Interview vor dem Saisonstart: „Hätte mir noch eine Spielerin gewünscht“

BVB-Handball-Frauen

Im großen Interview sprechen die BVB-Frauen vor dem Saisonstart über die Corona-Krise, ihre Saisonziele und über mögliche Neuzugänge, die es in der Saison noch geben könnte.

Dortmund

, 03.09.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 6 min
Die BVB-Frauen starten gegen Aufsteiger Buchholz 08-Rosengarten in die Saison.

Die BVB-Frauen starten gegen Aufsteiger Buchholz 08-Rosengarten in die Saison. © BVB/Stummbillig

Ab Samstag wird es ernst: Die BVB-Handball-Frauen starten mit dem ersten Bundesliga-Spiel gegen Aufsteiger Buchhholz 08-Rosengarten in eine ganz spezielle Saison: Die Corona-Krise, wöchentliche Tests und begrenzte Zuschauerzahlen auf der einen Seite – auf der anderen Seite die erste Champions-League-Saison für Schwarzgelb überhaupt, große Chancen auf den Titel in der Bundesliga und für viele Borussinnen die Europameisterschaft (3. bis 29. Dezember). Im Interview mit den Ruhr Nachrichten sprechen Trainer André Fuhr, der stellvertretende Abteilungsvorstand Andrea Bartels, Kreisläuferin Merel Freriks und Neuzugang Jennifer Rode über eine Saison wie keine zuvor.

Herr Fuhr, vor einem Jahr um diese Zeit sah die Welt für Sie noch ganz anders aus. Sie waren neu in Dortmund, hatten ein ganz neues Team vor sich, der Saisonausgang war völlig offen.

André Fuhr: Ja, das stimmt. Ich kenne jetzt die Möglichkeiten und das Umfeld hier viel besser. Wir hatten eine sehr gute Saison, in der wir uns als Team gut gefunden haben, sodass man eine ganz andere Basis hat. Im vergangenen Jahr war es ein kompletter Neuaufbau, wir haben in der ersten Sieben immer sechs oder sogar sieben Neuzugänge gehabt. Das ist schon ein großer Unterschied. Wir haben uns jetzt spielerisch gefunden, haben eine Hierarchie in der Mannschaft.

Herr Bartels, sind Sie zufrieden mit der Entwicklung der Mannschaft?

Bartels: Vor zwei Jahren haben Andreas Heiermann (Abteilungsvorstand, Anm. d. Red.) und ich uns die Frage gestellt: Wollen ein gutes Team haben oder wollen wir aus dem BVB ein Team machen, das kontinuierlich an der Spitze in Deutschland mitspielen wird? Wir haben uns für zweiteres. Wir sind dann das Thema Trainer angegangen, Ildiko Barna hat uns verlassen, die Geschichte bis heute ist bekannt. Da haben wir vielleicht auch ein bisschen an Zeit verloren. Wir haben zusammen mit André nochmal an einigen Stellschrauben im Kader gedreht, um nationalen und internationalen Ansprüchen zu genügen. Jetzt müssen wir sehen, wie wir mit dem Kader die kommende Saison bestreiten. Am Ende werden wir dann wissen, ob wir alles richtig gemacht haben.

Herr Fuhr, sind Sie mit dem Kader, der Ihnen zur Verfügung steht, zufrieden?

Fuhr: Unser Ziel war ja, uns in der Breite zu stärken, das haben wir auf jeden Fall geschafft. Es ist aber kein Geheimnis, dass ich mir vielleicht noch die ein oder andere Spielerin gewünscht hätte, da wir eine Unmenge von Spielen und aufgrund der langen Pause eine besondere Situation haben. Wir können bis zu 50 Spiele bestreiten, das ist nicht völlig unrealistisch – jeder Fußballer würde darüber jammern, wenn er so viele Spiele hätte. Wir haben jetzt bis zur EM-Pause immer Englische Wochen, es wird schwierig, überhaupt Zeit für Pausen und Regeneration zu finden. Also, ich bin zufrieden, würde mir in der Breite aber vielleicht noch eine Spielerin wünschen.

BVB-Trainer André Fuhr, hier mit Inger Smits, hat eine schwierige Saison vor sich.

BVB-Trainer André Fuhr, hier mit Inger Smits, hat eine schwierige Saison vor sich. © BV. Borussia 09 e.V. Dortmund

Die Englischen Wochen haben es in sich: Sie spielen am 25. Oktober auswärts in Rumänien, fünf Tage später steht das Topspiel in Bietigheim an und eine Woche später geht es zum amtierenden Champions League-Sieger Györi nach Ungarn.

Fuhr: Ja, es gibt besondere Wochen: Auswärtsspiele unter der Woche nach und vor CL-Wochenenden sind unglaublich schwer, wir müssen schauen, dass wir unsere Hausaufgaben machen und wir die Bundesliga-Spiele immer gewinnen. Das ist das Ziel, sodass wir dann in der Champions League so gut wie möglich unterwegs sind. Das ist nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Frage: Wie mental fit sind wir in den Spielen, wie können wir umschalten? Wir haben auch die Mannschaft bei der Planung der Termine mit ins Boot genommen und geguckt, wie wir da Regenerationsphasen einbauen können. Am Ende werden wir da flexibel sein müssen.

Wie ist das für Sie als Spielerin, Frau Freriks, einen so vollen Terminkalender vor der Brust zu haben?

Merel Freriks: Für mich ist es auch das erste Mal, dass ich in der Champions League spiele und Englische Wochen habe. Aber ich finde es richtig gut, dass wir dabei sind und bin einfach froh, dass wir jetzt endlich wieder anfangen.

Sie sind vor einem Jahr von Bensheim zum BVB gewechselt, hinter Ihnen liegt ein unglaubliches Jahr. Sie haben um die Deutsche Meisterschaft und den DHB-Pokal mitgespielt, sind außerdem im Dezember 2019 auch noch Weltmeisterin mit den Niederlanden geworden und spielen jetzt in der Champions League.

Freriks: Ich hätte vorher selbst nicht gedacht, dass so viel in einem Jahr passiert, das war alles echt schön. Da macht es auch richtig Spaß, Handball zu spielen, wenn alles so funktioniert. (lacht)

Merel Freriks hofft auf eine Nominierung für die Europameisterschaft.

Merel Freriks hofft auf eine Nominierung für die Europameisterschaft. © BV. Borussia 09 e.V. Dortmund

Frau Rode, für Sie ist nicht nur die Champions League neu, sie Sie stehen vor Ihrem ersten Jahr beim BVB. Wie professionell nehmen Sie das Umfeld hier wahr?

Jennifer Rode: In Leverkusen wird natürlich auch schon richtig gut gearbeitet, aber vom Trainingsumfang und -inhalt und mit der Champions League vor der Nase ist das schon nochmal eine andere Hausnummer. Die Ansprüche, die jeder einzelne an das Team und an sich selbst stellt, sind nochmal ganz andere. Aber es macht natürlich Spaß, mal wieder neue Herausforderungen und neue Ziele zu haben.

Ist eines Ihrer Ziele auch, wieder ein fester Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft zu werden?

Rode: Die Nationalmannschaft ist natürlich immer im Hinterkopf dabei. Jetzt gerade hatten wir nicht so viel Kontakt mit der Nationalmannschaft, deswegen ist der Fokus schon eher hier in Dortmund. Wenn es dann wieder weitergeht, muss man mal schauen, wie die Ziele sich verändern.

Die Ziele in der Bundesliga müssten für den BVB doch ganz klar sein, oder?

Bartels: Wir haben in der abgelaufenen Saison eine sehr gute Runde gespielt, da muss man nicht lange drüber sprechen, was wir für eine Zielsetzung haben. Wir sind sicherlich einer von zwei Favoriten neben Bietigheim, diese Herausforderung nehmen wir auch an.

Und in der Champions League?

Bartels: Györi ist natürlich nochmal ein ganz anderes Niveau, aber, ich glaube, gegen alle anderen Mannschaften sind wir nicht chancenlos. Deswegen wäre es eben schön, minimal Platz sechs zu erreichen, um dann nochmal in die Qualifikations-Runde für das Viertelfinale zu kommen.

Andreas Bartels (l.), stellvertretender Abteilungsvorstand, hat das BVB-Team zusammen mit Andreas Heiermann innerhalb von zwei Jahren umgebaut.

Andreas Bartels (l.), stellvertretender Abteilungsvorstand, hat das BVB-Team zusammen mit Andreas Heiermann innerhalb von zwei Jahren umgebaut. © BVB/Stummbillig

Frau Freriks, Sie haben abseits vom BVB doch sicher noch das zusätzliche Ziel mit den Niederlanden im Dezember um den EM-Titel mitzuspielen, oder?

Freriks: Ich muss erstmal gucken, ob ich wieder dabei bin. Aber wenn die EM stattfinden sollte, dann sind wir natürlich auch wieder Favorit.

Ende September stehen die ersten Nationalmannschaftslehrgänge an. Herr Fuhr, Sie selbst sind mit den DHB-Juniorinnen unterwegs. Wie läuft das Training für die wenigen Spielerinnen ab, die in Dortmund bleiben?

Fuhr: Wir haben dann tatsächlich nur noch vier oder fünf Spielerinnen hier. Dafür gibt es natürlich auch einen Plan, wir werden mit der zweiten Mannschaft eine Einheit machen, wir werden zusammen mit unserem Kooperationspartner Lintfort eine Einheit machen, alles ist durchgeplant.

Wird es bei der hohen Belastung denn auch wieder Unterstützung aus der zweiten Mannschaft geben?

Fuhr: Im Moment sehe ich da noch niemanden, wir haben eine extrem junge zweite Mannschaft, die meisten sind noch B-Jugendliche. Wir haben Talente, aber kurzfristig wird es schwierig, dass die die Lücke schließen. Klar kann man mal punktuell den Kader auffüllen und ergänzen, aber so richtig helfen, wie wir das zum Beispiel mit Mariel Wulf oder Marie Michalczik gemacht haben, das geht im Moment noch nicht.

Bartels: Dazu muss man auch noch sagen, dass aufgrund der vielen Spiele und Reisen unser Bundesliga-Team vermutlich eine etwas geschlossenere Gesellschaft sein wird, das ist auch überhaupt nicht böse gemeint. Aber solange alle unsere Spielerinnen gesund sind, sehe ich da überhaupt kein Probleme.

Das ist bei einer so langen Saison mit so vielen Spielen aber nicht sehr wahrscheinlich…

Bartels: Bei Verletzungen könnte es sicher eng werden. Aber anders als im Fußball haben wir ja iim Handball die Möglichkeit, bis in den Februar hinein nochmal nachzujustieren, wenn etwas passieren sollte.

Ein zusätzliches Risiko ist in dieser Saison natürlich das Corona-Virus. Wie gehen Sie in Ihrer Freizeit als Spielerinnen mit der Situation um?

Freriks: Das ist schwierig. Wir müssen ja zum Beispiel auch einkaufen gehen und da kann uns auch was passieren. Also ich sitze nicht den ganzen Tag zuhause, aber ich versuche natürlich, große Menschenmengen zu vermeiden.

Rode: Man versucht einfach, noch mehr Abstand zu halten. Aber man geht trotzdem mal einen Kaffee trinken, versucht dann aber, die Hygienevorschriften ganz genau einzuhalten. Man muss ja auch ein bisschen leben, sonst dreht man irgendwann durch. (lacht)

Bartels: Unsere Spielerinnen sind alle sehr selbstständig und vernünftig, aber natürlich haben wir über dieses Thema gesprochen und sind da im ständigen Austausch. Trotzdem müssen wir versuchen, wie Merel und Jennifer gesagt haben, auch ein Stück weit Normalität in unser Leben zu bekommen. Wir halten unsere Mannschaft dagegen rund um den Handball weitestgehend in einer Blase. Wir versuchen, soweit es geht, Auswärtsfahrten mit dem Bus zu machen und Flughäfen und Menschenansammlungen zu vermeiden.

Jennifer Rode spielt ihre erste Saison für den BVB.

Jennifer Rode spielt ihre erste Saison für den BVB. © BVB/Stummbillig

Noch etwas, das durch die Corona-Krise anders sein wird, ist die begrenzte Anzahl an Zuschauern, wie sehr tut das dem Handball weh?

Fuhr: Wir müssen jetzt mit dieser Situation umgehen, solange sie anhält. Ich bin erstmal super froh, dass es weitergeht. Aber dass uns das fehlen wird und das ein seltsames Gefühl ist, das ist klar. Man wird jedes Quietschen auf dem Hallenboden, jedes Prellen, jeden Kommentar des Trainers noch besser hören. (lacht) Uns werden ohne unsere Fans sicherlich auch ein paar Prozentpunkte in den Heimspielen fehlen.

Freriks: Das Spiel ist einfach komplett anders, wenn Fans dabei sind und es laut ist. Vor allem in den letzten zehn Minuten, wenn das Spiel eng ist, bringt es richtig was, wenn Fans dabei sind. Und ohne Zuschauer kann es sich anfühlen wie ein Testspiel. So dürfen wir das natürlich nicht sehen, aber es ist doch anders.

Im ersten Bundesligaspiel am Samstag gegen Aufsteiger Buchholz 08-Rosengarten werden 250 Fans der Gegner dabei sein. Wie sehr freuen Sie sich trotz der Umstände auf das Spiel?

Fuhr: Das erste Spiel muss immer ein geiles Spiel sein. Wir haben jetzt ein halbes Jahr kein Pflichtspiel gemacht, da gehe ich davon aus, dass das erste Spiel uns alle motiviert. Allerdings macht unser Gegner sein erstes Spiel in der ersten Bundesliga überhaupt, da muss man immer sehr, sehr vorsichtig sein. Aber wir werden alle heiß sein.

Rode: Wir scharren schon alle mit den Hufen. Testspiele sind schön und gut, aber ein richtiges Punktspiel ist ein anderes Gefühl.

Freriks: Wir freuen uns alle, dass wir wieder anfangen dürfen. Wir müssen wie immer konzentriert sein, auch wenn wir gegen einen Aufsteiger spielen.

Bartels: Wir müssen in dieser Saison mit dem Bewusstsein leben, in jedem Bundesliga-Spiel die Gejagten zu sein, außer bei den Spielen gegen Bietigheim. Das wird auch am Samstag so sein. Wenn wir unsere Leistung abrufen, wird da nichts passieren. Aber wenn wir nur ein paar Prozent nicht aufs Spielfeld bringen, kann das eng werden. Und mit diesem Bewusstsein muss unsere Mannschaft in jede Halle in Deutschland gehen.

BVB mit straffem Startprogramm
  • Der BVB startet an diesem Samstag bei Aufsteiger HL Buchholz 08-Rosengarten in die neue Bundesliga-Saison.
  • Anpfiff ist um 19 Uhr in der Buchholzer NordHeideHalle.
  • Das Hygienekonzept der der „Handball-Luchse“ erlaubt 250 Zuschauer, die Karten waren bereits am Dienstag ausverkauft. Gästefans sind nicht zugelassen.
  • Das zweite Bundesligaspiel findet bereits am Mittwoch, 9. September, in der Halle Wellinghofen gegen den VfL Oldenburg statt.
  • Am 13. September folgt das erste CL-Spiel bei Odense Handbold in Dänemark.
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