Ex-BVB-Trainer Gino Smits im Exklusiv-Interview: „Man hat gemerkt, da stimmt etwas nicht“

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Gino Smits wird die Bundesliga-Mannschaft von Borussia Dortmund nicht mehr trainieren. Wie es mit dem Niederländer nun weitergeht, ist noch offen. Smits würde gerne beim BVB weiterarbeiten.

Dortmund

, 19.06.2019 / Lesedauer: 6 min

Als Gino Smits zum verabredeten Termin erscheint, trägt der 54 Jahre alte Niederländer einen schwarzgelben Rucksack. Auf der Rückseite prangt das Logo von Borussia Dortmund. Seinem Arbeitgeber. Oder sollte man besser sagen, seinem „Noch-Arbeitgeber“?

Vor einer Woche hat der Handball-Bundesligist in André Fuhr seinen neuen Trainer vorgestellt. Der ehemalige Metzingen-Coach tritt die Nachfolger von Smits an. Ob der Niederländer zurück in den Nachwuchsbereich kehren wird, ist noch offen. Er würde gerne, wie er im Gespräch mit Oliver Brand erklärt.

Herr Smits, der Verein hat entschieden, dass Sie die Mannschaft künftig nicht mehr trainieren werden und André Fuhr übernimmt. Waren Sie überrascht?

Die Situation war für mich zu diesem Zeitpunkt keine allzu große Überraschung mehr. Ich hatte bereits vorher von außerhalb viele Informationen erhalten, die darauf hingedeutet haben. Sogar von Menschen, die ich gar nicht kenne. Schon einige Wochen vorher hieß es, dass André Fuhr Trainer werden soll.

Wann haben Sie zum ersten mal davon gehört?

Etwa einen Monat vor der Entscheidung. Deswegen war ich überrascht von der Aussage auf der Pressekonferenz (bei der Vorstellung von André Fuhr, Anm. d. Red.), dass der Kontakt erst später zustande gekommen sei.

Sie und der Abteilungsvorstand Andreas Heiermann und Andreas Bartels hatten vereinbart, dass es nach der Saison eine Analyse geben soll. Wie fiel das Fazit aus?

Wir haben uns bereits vor dem Bietigheim-Spiel getroffen, um uns noch mal auf den Saisonendspurt zu fokussieren. Andreas Kuno und ich waren dabei. Zuzana Porvaznikova dagegen nicht. Eigentlich war es aber gar keine Analyse, hauptsächlich hat der Abteilungsvorstand gesprochen. Es ging überwiegend nur in eine Richtung – nämlich was wir fast alles falsch gemacht hätten und dass wir Schuld seien an der Situation. Das war für mich die absolute Bestätigung, dass da wirklich mehr gewesen ist.

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Sie sprechen von „Wir“. Werden Sie denn auch im kommenden Jahr beim BVB arbeiten? Sie sind ja noch als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums angestellt …

Normalerweise mache ich weiter, zumal ich ja auch einen Vertrag für das Nachwuchsleistungszentrum habe. Aber eben auch noch einen als Trainer. Da muss man nun schauen, wie das abgewickelt wird. Aber klar: Es macht mir unheimlich viel Spaß im Nachwuchs. Die Kooperation mit dem Goethe-Gymnasium, gerade mit Zuzana Porvaznikov, die ja auch sehr viel für den BVB ehrenamtlich macht, und dem Schulleiter, Herrn (Christof, Anm. d. Red.) Nattkemper, läuft sehr gut. Und wir arbeiten gerade daran, das Konzept gemeinsam mit der Schule auszubauen.

Wann hat man Ihnen denn mitgeteilt, dass es als Trainer nicht mehr weiter geht?

Nach dem letzten Spiel gegen Halle-Neustadt. Es sollte eigentlich noch eine Analyse stattfinden, aber wir haben nur kurz über Inhalte gesprochen und dann hat man mir gesagt, dass wir nicht weiter machen werden. Aber ich war mir zu diesem Zeitpunkt schon zu 80 Prozent sicher, dass es kommt.

Allein wegen der Gerüchte?

Es gibt Dinge, auch in der Kommunikation, bei denen merkt man: Da stimmt etwas nicht. Aber mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

„Das Ziel war, auch für mich, eindeutig Platz vier. Wenn man dann sagt: Platz sieben ist nicht gut, kann ich das nachvollziehen.“
Gino Smits

Können Sie die Trennung aufgrund des sportlichen Abschneidens nachvollziehen?

Natürlich war es ein schwieriges Jahr für uns. Haben wir es auf die Reihe bekommen? Teilweise. Aber eben auch nicht so, dass wir heute sagen können, wir haben unsere Ziele erreicht. Das Ziel war, auch für mich, eindeutig Platz vier. Wenn man dann sagt: Platz sieben ist nicht gut, kann ich das nachvollziehen.

Weil einfach mehr in der Mannschaft steckt?

Jeder sieht, dass im Verein ein riesiges Potenzial vorhanden ist. Aber wenn man große Ziele hat, darf man eben nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg schauen, man muss langfristig und prozessorientiert arbeiten. Das hat der Abteilungsvorstand offenbar anders gesehen und hat eher kurzfristig auf die aktuellen Ergebnisse geschaut und nicht über die Saison hinaus. Kennen Sie die Geschichte von Atalanta Bergamo?

Sie meinen den Fußballverein aus Italien, der in dieser Saison Dritter geworden ist? Sie sollen in Gian Piero Gasperini einen Toptrainer haben.

Der Trainer sucht dort gemeinsam mit dem Verein nach Spielertypen, die einerseits zur Kultur von Atalanta passen, aber auch zu der Region. Dortmund ist eine Stadt, die vom BVB geprägt ist. Da braucht man genauso gewisse Typen, die hierher passen. Im Fußball, aber eben auch im Handball. Darauf haben Andreas Bartels und ich bei der Kaderzusammenstellung geachtet, und ich denke, dass wir hier für die neue Saison Spielerinnen haben, die mit ihrer Art hierher passen und auch mit ihrer Qualität.

Die Sie jetzt allerdings nicht mehr formen dürfen …

Bergamo ist in den vergangenen drei Jahren erst Vierter, dann Siebter und in diesem Jahr dann Dritter geworden. Der Trainer hat vom Vorstand die Zeit erhalten, das Team in Ruhe zu entwickeln. Denn es braucht Zeit, um eine Mannschaft zu bilden und zu entwickeln. Aber das sah man hier leider anders. Ich wünsche mir jetzt einfach, dass der Verein zur Ruhe kommt. Dass man schaut, was ist notwendig, um den schlafenden Riesen aufzuwecken. Bei den Fußballern vom BVB haben sie die sportliche Entwicklung in Ruhe vorangetrieben. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir das auch so machen.

Der Verein hat es Ihnen nicht mehr zugetraut, den Weckdienst zu übernehmen…

Es sollte bei einem Fazit immer auch um das Warum gehen. Um die Gründe, wie ein Ergebnis letztendlich zustande gekommen ist. Und da war ich ehrlich gesagt schon enttäuscht darüber, dass Andreas Heiermann auf der Pressekonferenz gar nicht auf die Ursachen für das Saisonabschneiden eingegangen ist. Das fand ich nicht korrekt.

„Ein Grund dafür, dass wir ab Januar in ein Leistungsloch gefallen sind, war die Vertragssituation mehrerer Spielerinnen.“
Gino Smits

Was waren aus Ihrer Sicht die Ursachen?

Ein Grund dafür, dass wir ab Januar in ein Leistungsloch gefallen sind, war die Vertragssituation mehrerer Spielerinnen. Der Vorstand hat damals entschieden, acht Verträge nicht zu verlängern. Einerseits wurde die Stimmung schlechter. Und andererseits haben die Leistungen der Spielerinnen, die keine Verlängerung erhalten haben, darunter gelitten. Auch davon habe ich auf der Pressekonferenz nichts gehört. Aber es geht ja auch andersrum.

Ja, bitte …

Nehmen wir das Beispiel Johanna Stockschläder. Nach ihrer Verlängerung hat sie eine positive Entwicklung genommen. Bei ihr konnte man erkennen, was Positivität ausmachen kann. Qualität mal Akzeptanz führt zu so einem Ergebnis. Aber es gab ja auch noch die Verletzungen.

Gerade das Fehlen von Alina Grijseels war der Mannschaft anzumerken …

Sie hat die letzten zehn Spiele nicht gespielt. Nimmt man die Siebenmeter raus, haben uns damit rund fünf Tore pro Spiel gefehlt. Und sie war zu 70 Prozent an den Angriffen beteiligt, die zu Toren geführt haben. Aber es war ja nicht allein ihr Ausfall …

Wen meinen Sie noch?

Auch Saskia Weisheitel hat acht Spiele gefehlt. Sie fliegt immer so ein bisschen unterm Radar, ist aber enorm wichtig. In der Zeit, in der wir ohne sie auskommen mussten, haben wir drei Tore mehr kassiert. Nehme ich diese fünf Tore und die drei Tore, und schaue mir dann die Spiele an, die remis endeten oder mit einem Tor verloren gingen – wir hätten in der Theorie acht Punkte mehr geholt.

Würden Sie sagen, dass Sie auch Fehler gemacht haben?

Natürlich.

Welche?

Meine Erwartungen waren teilweise zu hoch. Ich denke, das war mein größter Fehler.

Ihren Spielerinnen gegenüber?

Bei einigen. Ich komme aus einem kleinen Land, in dem Handball ein kleiner Sport ist. Aber wir sind mit einem guten Konzept auf ein hohes Niveau gekommen. Wir ziehen die Spielerinnen in den Trainings- und Spielprozess mit ein, weil sie es am Ende sind, die die Entscheidungen im Spiel treffen müssen. Das hat ein bisschen gedauert, bis das hier funktioniert hat. Das ist auch nicht schlimm. Aber ich hatte höhere Erwartungen.

„Ein Spiel lesen können, ist das Schwierigste. Das hat gedauert.“
Gino Smits

Inwiefern?

Nehmen Sie die Auftakthandlungen. Da braucht es einen Denkprozess. Das Kognitive, also nicht nur etwas zu tun, sondern auch zu verstehen, warum man etwas tut. Ob man abschließt, einen Assist gibt oder den Ball weitergibt. Ein Spiel lesen können, ist das Schwierigste. Das hat gedauert. Deshalb haben wir eigentlich am Ende nur vier Auftakthandlungen gespielt. Wir wollten das, was uns zur Verfügung stand, perfektionieren. Aber dabei muss man eben viel nachdenken. Und nachdenken heißt, dass die Intensität etwas runter geht.

Andreas Heiermann monierte, keine Spielerin habe sich individuell weiterentwickelt.

Das ist seine Meinung, aber nicht die Realität. Wir haben teilweise mit zwei 17-Jährigen und einer 18-Jährigen im Rückaum gespielt und mit ihnen Partien wie gegen Bad Wildungen gedreht. Als Alina weg war, hat Dana Bleckmann, 17 Jahre alt, zwischenzeitlich die Verantwortung übernommen. Die haben sich alle weiterentwickelt. Da muss ich ehrlich sagen: Das finde ich unfair. Auch Johanna hat sich verbessert. Asuka Fujita. Sakia Weisheitel.

Wie sollte der Wachstumsprozess im Verein aus Ihrer Sicht aussehen?

Wir haben ja Ziele, Visionen. Diese Saison war das Ziel der vierte Platz, um in der nächsten Saison wieder Europapokal zu spielen – in der Gruppenphase. Danach sollte es Champions League sein. Und jeder sieht, dass wir für die Schritte Richtung Champions League die Kaderlücken entsprechend auffüllen mussten. Und das haben wir getan.

Was braucht es abseits des sportlichen Bereichs?

Wir streben unter anderem eine engere Kooperation mit der Universität an, um die Leistungsdiagnostik zu verbessern. Zudem brauchen wir ein eigenes Wohnzimmer. Nicht nur eine Sporthalle. Die Fußballer haben Brackel. Wir müssen die Organisation rund um die Bundesliga-Mannschaft verbessern, um auch organisatorisch auf Champions-League-Niveau zu kommen. Wir brauchen einen Leiter für die Geschäftsstelle, wir brauchen unbedingt ein Vorstandsmitglied Jugend.

Warum?

Weil wir die Jugend nur in Kooperationsarbeit so gut entwickeln können. Das heißt: Wir müssen uns nicht nur sportlich, sondern auch im organisatorischen Bereich entwickeln.

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